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Xenia Löffler

Vivaldi ohne Perücke

Venedig-Oboe-Barock: ein Klischee. Wie man diese klingende Schneekugel wieder flott und seetüchtig kriegt, zeigt jetzt die Oboistin an Bord der Akademie für Alte Musik Berlin.

Leise schwappen die Wellen der vorbeifahrenden Boote an die Treppen, die ins dunkelgrün-glasige Wasser hinab führen, die Strudel der Bugwelle glucksen. Nur die Spree, nicht der Canale Grande – aber das Interview wurde nicht von ungefähr an Berlins Wasserader verlegt. Ohne das Wasser der Lagune, ohne die Kauffahrer am Nadelöhr zwischen Orient und Okzident, hätte Venedig nie den Reichtum sammeln können, aus dem auch seine Musikkultur erblühte.
Mit ihren kupferroten Haaren könnte man sich Xenia Löffler auch gut als perlengeschmückte Signora auf einem Ball in einem der Adelspaläste Venedigs vorstellen. Wenn ihr nicht das Museale, das Sentimentalität nur zu gern in die Alte Musik hineinprojiziert, völlig fremd wäre. Die modernistische Architektur von Berlin-Mitte bildet den besseren Rahmen für das Gespräch, denn die Solo-Oboistin der Akademie für Alte Musik Berlin wollte für ihr barockes Oboenkonzert-Venedig-Album dem ewigen Klischee eine Absage erteilen. „Ausgangspunkt für das Programm war für mich vielmehr die Verwandtschaft der Oboe zur menschlichen Stimme“, sagt Löffler, nachdem sie den Blick über die Spreekehre hat schweifen lassen. „Mir fiel eine Opernarie aus Vivaldis ‚Griselda‘ auf, die er in einen Konzertsatz umgearbeitet hat – so dachte ich. In Wahrheit war es umgekehrt, und das Oboenkonzert RV 450 ursprünglich sogar für Fagott geschrieben.“ Doch diese Wechselbeziehungen zwischen Stimme und Instrument faszinierten sie. Und gaben den Anstoß für ein Auftragswerk des Komponisten Uri Rom, das die Aufnahme eröffnet: ein Oboenkonzert des 21. Jahrhunderts, das sich klanglich den Werken Vivaldis, Portas, Marcellos und Tessarinis unbemerkt an die Seite stellen kann. Denn es ist – wie ein venezianischer Maskenkarneval – eine Neuschöpfung aus barockem Material. Und so „singt“ die Oboe dann auch die Melodie einer Opernarie aus Vivaldis „L’Olimpiade“: Dabei haucht ihrem Doppelrohrblatt – gleich Stimmbändern aus Schilf – der menschliche Atemstrom seine Seele ein. So erklärt sich jedenfalls Löffler die nicht nachlassende Begeisterung für ihr Instrument.
Und die erreichte bereits im 18. Jahrhundert einen Höhepunkt. Nicht nur die jungen Frauen, die an Venedigs Waisenhaus „Ospedale della Pietà“ unterkamen, profitierten von der musikalischen Ausbildung. Auch Antonio Vivaldi, fast lebenslang als Lehrer angestellt, eignete sich dort das enorme Spektrum an Instrumentalfarben für seine Kompositionen an. Und machte sich über Venedig hinaus einen klangvollen Namen, indem er die Chancen des holländischen Massennotendruck erkannte und nutzte. So reiste schließlich auch Johann Georg Pisendel, Kapellmeister des sächsischen Kurfürsten, 1716 in die Serenissima, um den berühmten Maestro endlich persönlich kennenzulernen. „Diese Freundschaft zwischen Vivaldi und Pisendel ist ein weiterer roter Faden der Aufnahme: Nicht nur, dass Vivaldi mit Pisendel in Venedig arbeitete, er schickte ihm noch jahrelang Kompositionen an den Dresdner Hof.“ Noch heute findet sich in Dresden ein wichtiger Bestand von Vivaldis Konzerten, die nach und nach online zugänglich gemacht werden. „Auf einigen Noten liest man in Pisendels Handschrift die akribischen Vorgaben an seine Kapellmusiker zu Tempo und Lautstärke, was damals sehr ungewöhnlich war. Sehr interessant!“
So ist Xenia Löffler und ihren Kollegen ein Programm gelungen, das – statt an süßlicher San-Marco-Vedute zu verweilen – der stilistischen Neugier barocker Komponisten folgt: zu Lande, zu Wasser und mit langem Atem.

Neu erschienen:

Venice – The Golden Age

Xenia Löffler, Akademie für Alte Musik Berlin

harmonia mundi

Das Interview als Video auf klassik.tv:

Carsten Hinrichs, RONDO Ausgabe 4 / 2014



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