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(c) Sammy Hart/DG

Lisa Batiashvili

Ohne Zopf und doppelten Boden

Auf ihrem ersten Bach-Album wirkt die georgische Geigerin bestrickend – aber ohne verzopfte Strickmuster.

Tummelplatz Bach. Erstaunlich, aber wahr: Während jahrzehntelang die Musik Bachs nur von Spezialisten angerührt wurde, ist er heute der Einstiegskomponist schlechthin für fast jede internationale Karriere. Ob Martin Stadtfeld, Hilary Hahn oder Nina Kotova, für sie alle war Bach die erste große Schallplatten- Herausforderung. Dagegen traute sich Anne-Sophie Mutter bis heute nicht an Bachs Solo-Sonaten oder -Partiten heran – vermutlich aus der ‚sehr begreiflichen Angst vor Schlägen’ (nämlich seitens der Lordsiegelbewahrer der historischen Aufführungspraxis). Dass jemand wie Lisa Batiashvili erst nachdem die Karriere auf schöne, nachhaltige Weise in Schwung gekommen ist, jetzt ihr erstes, echtes Bach-Album vorlegt, ist eine rühmenswerte Ausnahme.
Die schöne Georgierin, die in München lebt und zu den profiliertesten Geigerinnen der Gegenwart zählt, unternimmt auf ihrem Album einen Parcours-Ritt durch verschiedenste Bach- Genres: ein Konzert, ein Doppelkonzert, eine Solo-Sonate, ein Kantaten-Schnipsel und eine Passions-Arie, das Ganze garniert mit einer Trio-Sonate von Sohn C. P. E. Bach. Der Zugang ist eigenwillig, zuweilen spitzenklöpplerisch fein. Doch der herbe, weit ausschwingende Ton Batiashvilis gewinnt der Musik so viel beherzte Stimmungen, eine so große Vielfalt und Multiversalität ab, dass dieses „Familientreffen“, wie es im Booklet heißt, eben kein Ausrutscher ist und kein Strickmuster-Bach nach dem Motto: „Zwei rechts, zwei links, eine fallen lassen ...“
Dieser Bach, mit anderen Worten, ist traditionell auf seine Weise. Romantisch melodiös. Aber nicht verzopft oder altmodisch. „Weniger Vibrato, leichtere Bogenführung, mehr Spiccato“, so nennt Batiashvili einige ihrer (aus der Alten Musik übernommenen) Bach-Grundsätze. Freilich: kein Barockbogen. Und kein Darmsaiten-Katarrh. Im Verein mit Emmanuel Pahud, Sebastian Klinger, Peter Kofler, ihrem Ehemann François Leleux und dem Kammerorchester des BR-Symphonieorchesters entsteht ein luftig federleichter, dabei farbsatter Bach. So, wie er für die Fans Batiashvilis und solche, die es vielleicht werden wollen, auf den Leib zugeschnitten erscheint.

„Ich bin vom Streichquartettspiel geprägt: Man muss immer auch wissen, was in den Noten der anderen steht.“

Dass der heute 35-jährigen Batiashvili diese Gratwanderung glücken konnte, liegt vor allem daran, dass sie sich bewusst langsam und reflektiert entwickelt hat. Mal eine Brahms-CD unter Thielemann, mal das Beethoven-Konzert mit der Bremer Kammerphilharmonie. Und immer gerne Kammermusik mit Till Fellner, Hélène Grimaud, Christian Tetzlaff und Isabelle Faust. Keine Angst vor Konkurrenten und großen Namen! Und deswegen wird sie auch selbst so gern von großen (Dirigenten-)Namen angefragt.
Hinter der glücklichen Entwicklung dieser Künstlerin steht natürlich: Distanz. „Früher erwartete man von Klassik-Künstlern mit 40 Jahren ein Profil. Heute mit 20“, sagt sie kritisch. Sie sei „durch Sturheit“ dem Zwang zur Jugend entgangen. „Es gibt heute viele ‚Geigen-Girlies’, aber das habe ich nicht mitgemacht.“ Wie schafft man das? Sie gab kaum Interviews. Bei Marketing-Strategen stellte sie sich taub. „Ich wollte ein Leben auch außerhalb der Musik, und das wäre vielleicht nicht möglich gewesen, wenn ich zu sehr ein Jung-Star geworden wäre.“ Vor allem aber: „Es war auch nicht nötig, mich zu verbiegen. Konzertauftritte ergaben sich ohnehin.“ Man hatte bereits entdeckt, welch ungeheures Erzähltalent, welch eleganter Ton und welche Gestaltungskraft in dieser Musikerin stecken. An ganz großen Adressen stehen für sie heute einzig noch die Wiener Philharmoniker aus. Aber die sind eben manchmal ein bisschen langsamer. Eilt ja auch nicht.
Ihren Unterschied zu Barock- Geigern fasst sie – unerachtet aller persönlichen Schlankheit – in die Formel zusammen: „Ich spiele mit mehr Bauch.“ Russische Schule dagegen sei sie nicht. Obwohl sie aus dem ehemals sowjetischen Tiflis stamme, habe sie zu viele Sommer in den USA verbracht, als dass die musikalischen Spuren sich nicht etwas verwischen mussten. Was soll eigentlich russische Schule sein? „Die Ernsthaftigkeit dahinter! Und die sehr aufrechte Haltung“, erklärt Batiashvili. Dies sei typischer als der angeblich so schöne, vor allem große Ton, der bei russischen Geigern ganz auf den Solo-Auftritt ziele. „Ich bin mehr von der Streichquartett-Musik geprägt worden“, meint sie. Was bedeutet das? Antwort: „Dass man nie vergessen darf, was in den Noten der anderen Spieler steht.“
Ganz so wie Julia Fischer und Arabella Steinbacher war Lisa Batiashvili übrigens Schülerin der berühmten Münchner Professorin Ana Chumachenko. Gibt es also eine Gemeinsamkeit, einen Münchner Stil, der diese drei jungen Geigerinnen miteinander verbindet? „Unbedingt“, lacht Batiashvili weise, „die Liebe zu unserer Lehrerin“.

Neu erschienen:

Bach

Violinkonzert E-Dur BWV 1042, Doppelkonzert für Violine und Oboe c-Moll BWV 1060, Sinfonia der Kantate BWV 156

Lisa Batiashvili, François Leleux, Emmanuel Pahud, Sebastian Klinger, Peter Kofler, Kammerorchester des Bayerischen Rundfunks, Radoslaw Szulc

DG/Universal


Bachs Violinen

Obwohl Bach Violine spielte, herrschte gegenüber seinen Violin-Werken immer eine gewisse Verlegenheit. Die Violinkonzerte zum Beispiel sind Bachs am häufigsten aufgenommene Instrumentalwerke (noch beliebter als die Brandenburgischen Konzerte). Doch wo sind die ultimativen Klassiker des Katalogs?! Grumiaux, Menuhin und Midori sind zu unhistorisch. Gidon Kremer und Alice Harnoncourt kratzen zu sehr. Es mag ein Spiegel der Tatsache sein, dass Bach tausendsassahaft seine Werke rearrangierte und ständig uminstrumentierte. Das hier ebenfalls eingespielte Doppelkonzert für Violine und Oboe etwa war bis zu seiner Rekonstruktion im 20. Jahrhundert nur als Konzert für zwei Cembali überliefert. Das war Bachs Trick: Er bleibt eine ewig offene Baustelle.


Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 4 / 2014



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