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(c) Gregor Hohenberg

Jonas Kaufmann

Balzen, ohne zu ballern

Dem Heldentenor aller Klassen gelingt auf seinem Album das Unmögliche: Er küsst wirklich die Operette wach!

Die Dame in Bayreuth schimpft. Schwierige Inszenierungen. Die Besetzungen sind nicht mehr das, was sie mal waren. Sie will wiederkommen, erklärt sie überraschend. Und dann bricht die eigentliche Frage aus ihr heraus: „Sagen Sie mal, hat sich der Jonas Kaufmann selber von seiner Frau getrennt? Oder sie sich von ihm?!“ Tja. Die Frage können wir gleich einmal weiterreichen. „Entschuldigung, aber das ist Privatsache, das gehört nicht hierher“, wiegelt Kaufmann per E-Mail sogleich ab. Der Tenor, im Internet-Chat zur Operetten-Platte, darf wegen einer vorübergehenden Kehlkopf- Affektion nicht reden – zu viel gebrüllt, Löwe?!
Ein paar leichtfertige Operetten-Assoziationen müssen schon erlaubt sein. Zumal Kaufmann, den seine Schallplattenfirma als zurzeit „erfolgreichsten Tenor der Welt“ verkauft, auf seiner neuen CD „Du bist die Welt für mich“ gar nicht wie eine Wienerische Schmalzbacke oder wie ein schluchz- und tränenfeuchter Johann Strauß-Buffo daherkommt. Sondern sehr cool. Mit schwarzem Schlipps – und nur echt mit Drei-Tage-Bart. „Die Überlegung war, von dem Klischee des ‚Operetten-Kavaliers mit Zylinder und Stock’ wegzukommen“, sagt Kaufmann. Folglich erinnert der geborene Münchner auf dem Cover seiner CD eher an Robbie Williams vorm Mikro. Und die Operette ans Ballroom-Repertoire der 20er Jahre.
Das passt, ehrlich gesagt, gar nicht schlecht. Als „charmante Evergreens“ bezeichnet Kaufmann die Lieder und Arien von Lehár, Abraham, Stolz, Künneke, Spoliansky und Werner Richard Heymann. Früher rechnete man derlei meist zur „silbernen Operette“. So entspannt, druckfrei und anregend wie hier hat man die Lieder aber fast nie gehört. Und Jonas Kaufmann auch nicht. „Chapeau!“ wäre zu altmodisch gesagt. Kaufmann gelingt hier, was noch keinem in den letzten Jahren gelang: Operette zu singen, ohne in die Pantoffel-Falle zu tappen.
Der Schlüssel zum Operetten-Paradies liegt in diesem Fall in den Arrangements und im Spiel des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin unter Jochen Rieder. Hier wird endlich einmal nicht in die Breite gezogen, nicht monumentalisiert oder mit Schmand, Speck und Scheinheiligkeit nachgeschmiert. Sondern schlank und glimmend das elektrische Zeitalter beschworen. Dem entstammen diese Titel wirklich – und das ist genau der Unterschied zur „goldenen Operette“ von Strauß und Millöcker. Folglich hört man gleichsam den Bar-Scheinwerfer auf der Stimme von Kaufmann. Garantiert ohne Wagnerei.
Da zahlt sich letztendlich aus, dass Kaufmann, inzwischen 45 Jahre alt, eben kein junger, grüner Bühnenhüpfer mehr ist. „Schon in meinem letzten Studienjahr“, so erzählt er, habe er in Regensburg „den Caramello in der ‚Nacht in Venedig’ gesungen“. Als Anfänger in Saarbrücken folgte der Alfred in der „Fledermaus“. „Danach kam noch Sigmund Rombergs ‚Student Prince’ bei den Schlossfestspielen in Heidelberg.“ Kaufmann hat sich die Operetten-Hörner gründlich abgestoßen, bevor er, klug beraten, die Operette mitnahm auf die Reise der „Roaring Twenties“ – wo sie ja in Wirklichkeit auch herkommt.

Jonas Kaufmann ist ein Wunderwerk schmalzfreien Schmeichelns gelungen.

Immer schon hatte Kaufmann darauf bestanden, zwischen den verschiedenen Repertoires rabiat zu pendeln. ‚Heute schöne Müllerin, morgen Cavaradossi!’, lautete seine Devise. Das bleibt so auch bei dieser Operetten-Butterfahrt. „Es würde mich extrem langweilen, mit fünf, sechs Erfolgspartien durch die Welt zu reisen“, meint er. Er wechselt lieber ab. Und knüpft so an Usancen vergangener Zeiten an, wo Tenöre an einem Stadttheater alles singen mussten was vorkam. Nicht nur, aber auch ganz leichtes Fach.
„Dass Operette inzwischen als Spezialisten-Sache gilt, wundert mich im Zeitalter der Spezialisierungen nicht – aber ich finde es nicht richtig“, sagt er. „Zu Zeiten des Ensembletheaters war es selbstverständlich, dass ein Tenor in einer Woche den Tamino und den Alfred, eine Sopranistin die Susanna und die Adele singen konnte.“ Also Oper und Operette. Versatil bis zum Abwinken. Und bis die Theaterferien da sind.
So sind Partien wie der Su-Chong im „Land des Lächelns“ – Kaufmann singt daraus „Dein ist mein ganzes Herz“ – so anspruchsvoll wie romantische Liebhaber-Rollen. Korngolds „Glück, das mir verblieb“ aus der „Toten Stadt“ (ein Werk, das er besonders gern auch auf der Bühne singen möchte) balanciert ohnehin auf der Grenze zwischen beidem. Über „Das Lied vom Leben des Schrenk“ aus Eduard Künnekes „Die große Sünderin“ bekennt er rundheraus: „Kein Stück hat mich in den letzten Jahren so gefordert wie dieses; dagegen sind die Monologe des Otello fast ein Spaziergang.“
In vielen Fällen knüpft Jonas Kaufmann erstmals an große Vorgänger an, die das Image dieses Repertoires seinerzeit prägten. Und er weiß das. „Nach Helge Rosavenge haben nur noch Rudolf Schock und Fritz Wunderlich diesen Titel von Künneke gesungen.“ Auch das „höchst charmante“ Lied „Im Traum hast du mir alles erlaubt“ von Robert Stolz (für den Film „Liebeskommando“) habe er „in der Aufnahme von Marcel Wittrisch kennengelernt“. Das Album bietet nicht nur eine Bonbon-Tüte für flüchtigere ‚Kinobesucher der Klassik’. Sondern auch etwas für Stimm-Fetischisten, die den frivolen Nachrücker am Altmeister messen wollen.
Jonas Kaufmann gibt es, bei Lichte besehen, schon wesentlich länger, als das große Publikum ihn kennt. Bei seinem Durchbruch 2006 in New York war er ja bereits Ende 30. Trotzdem sind seine Alben in den letzten Jahren immer noch besser geworden. Von der Vorliebe für stimmliche Dauererregung, die manchmal irritierte, ist diesmal – trotz mancher heldischen Farbe – nichts zu spüren. Völlig neue Farben, entdeckt an den ganzen „Diwanpüppchen“, am „Blonden Traum“ der Operettensegler und an der „Großen Sünderin“ der Berliner Buletten-Sause. Lange nicht klang die Operette so wenig aufgetakelt. Oder abgetakelt.
Fazit als Happy End: Jonas Kaufmann ist ein Wunderwerk schmalzfreien Schmeichelns gelungen. Er erobert, ohne im Mindesten den Spießer raushängen zu lassen. Und balzt, ohne zu ballern. Derart einnehmend, ja betörend, brauchen wir uns auch privat keine Sorgen zu machen. Er wird nicht lange solo bleiben.

Neu erschienen:

„Du bist die Welt für mich"

Jonas Kaufmann, Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, Jochen Rieder

Sony


Ballroom-Operette

Unter „Silberne Operette“ versteht man jene Komponisten- Generation, die auf die Strauß- Dynastie folgte. Etliche von ihr, darunter Emmerich Kálmán, Robert Stolz, Paul Abraham und Ralph Benatzky, mussten während der Nazi- Zeit emigrieren. Ebenso Mischa Spoliansky und Werner Richard Heymann. Einzig Franz Lehár war mächtig genug, um mit seiner jüdischen Ehefrau in Österreich zu verbleiben. Wenn Jonas Kaufmann auf dem Cover seiner neuen CD vor einem Mikrofon der 50er Jahre steht, so führt das also streng genommen in die Irre. Macht aber dennoch Sinn aufgrund der Vintage-Arrangements, die von Komponist Andreas N. Tarkmann stammen. So ist es: Silberne Operette im Ballroom-Stil.


Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 4 / 2014



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