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Der flotte Dreier

Trio Wanderer

Das „Trio Wanderer“ streitet, musiziert und teilt miteinander auch „die negativen Seiten des Lebens“. So sagen sie. Robert Fraunholzer traf das französischste Klaviertrio der Welt – mit einem deutschen Namen.

Zwei Streicher und ein Klavier: Diese Besetzung trifft man noch immer vor allem im „Hotel Waldhaus“ in Sils Maria – oder in anderen Grandhotelhallen zum Tee. Wie kommt das? Der Klaviertrioliteratur von Haydn bis Schostakowitsch haftet eigentlich nichts Halbseidenes an. Luxushotels scheinen dennoch unausweichlich. Vor 20 Jahren lernte das Trio Wanderer auf dem Pariser Flughafen eine Dame kennen, die sich von den drei Männern charmiert fühlte. Sie lud sie in eine Pariser Edelherberge zum Sattessen ein. So blieb es 20 Jahre lang guter Brauch. Kein Witz: Die kulinarische Keimzelle des Trio Wanderer war das Pariser Hotel Ritz.
In Frankreich gelten sie für deutsch. Bei uns sind sie fast unbekannt. Als sie im Jahr 1987 in einer Pariser Bar einen Namen suchten, spielten Entdeckungslust, Wilhelm Müller und romantische Begriffe wie „Unendlichkeit“ eine Rolle. „Und Bier auch“, wie man im Nachhinein zugibt. Man benannte sich aus dem Geist Schuberts. Das Credo aber, mit dem Vincent Coq (Klavier), Jean-Marc Phillips-Varjabédian (Violine) und Raphael Pidoux (Cello) heute umgehen, klingt roher, auch selbstbewusster. Es lautet: „Wir wandern nicht.“ Der süffige Ton, die Neigung zu Melodienflitter und zum lateinischen Laisser-faire weisen tatsächlich auf eine französische Version romantischer Weitschweifigkeit hin. Der Fluss ihrer Musik schmeichelt, die Nonchalance ihrer Ironie besticht. Wandereraufnahmen von Ravel, Chausson und Saint- Saëns suchen an elegantem Schwung ihresgleichen. Selbst in Brahms’ Klaviertrios entdeckten sie kürzlich zwanglose Herzlichkeit, melodiöses Brio und einen Hang zum Wohlleben, der in Brahms’ norddeutscher Heimat sonst unbekannt ist.
Das „Trio Wanderer“ ist das französischste, dabei womöglich harmonischste Trio auf weiter Flur. Es streitet gern. Ausdrücke wie „Geschmacklos!“, „Fürchterlich!“ oder „Total kitschig!“ bestimmen den Probenalltag. „Wir teilen die Rechnung“, sagen sie über ihr Verhältnis zueinander. Mehr nicht. Die musikalische „Ménage à trois“ hält seit 20 Jahren. Klaviertrios werden alt: Das legendäre Beaux Arts Trio, bei dessen Pianisten Menahim Pressler man lernte, besteht seit über 50 Jahren. Das deutsche Trio Fontenay seit 1980. Abstimmung fällt leicht, denn man ist immer mehrheitsfähig. Heute legen die Wanderer privat Wert auf getrennte Wege. Bei Norbert Brainin, dem Primarius des Amadeus Quartetts, lernten sie: „Seid nicht zu viel zusammen.“ In Frankreich drückt man das freilich zarter aus: „Wir brauchen Seitensprünge“, sagt Phillips-Varjabédian. Er für seinen Teil meint da - mit: Soloauftritte.
Von 1987 bis 1991 studierten sie bei dem Pianisten Jean- Claude Pennetier und dem Komponisten Jean Hubeau. Das Beaux Arts Trio wurde vorbildlich. Dennoch hat man mit niemand anderem viel Ähnlichkeit. Würde man aus den persönlichen Vorbildern der Musiker ein eigenes Trio bilden, so käme dabei heraus: Der brillante Jascha Heifetz säße neben dem erzdeutschen Arthur Schnabel. Am Cello der elegante Pierre Fournier. Extremer geht’s nicht. Im Trio Wanderer triumphiert die Eintracht romantischer Entzweiung. So und nicht anders entsteht gute Musik.

Neu erschienen:

Felix Mendelssohn Bartholdy

Klaviertrios Nr. 1 & 2

Trio Wanderer

harmonia mundi

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 3 / 2007



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