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Glänzender Rohdiamant

Sebastian Knauer: Schuberts „vergessene Sonate“

Die Quellenlage ist dürftig. Eigentlich sind es nur ein paar dem Laien unverständliche Bleistiftkrakeleien, die der Rekonstruktion einer so genannten „Sonate oubliée“ von Franz Schubert zugrunde liegen. Der Pianist Sebastian Knauer hat sie jetzt als Weltersteinspielung auf CD herausgebracht. Wir fuhren mit dem Musiker zu den Wissenschaftlern der Neuen Schubert-Ausgabe nach Tübingen, um über das Für und Wider eines solchen Experiments zu diskutieren. Mit überraschenden Ergebnissen.

Wenn Schubert noch lebte, müsste er seinen Zweitwohnsitz vermutlich in Tübingen anmelden. So gut wie alles, was man über den Komponisten weiß und vor allem was aus seiner Feder floss, findet früher oder später seinen Weg zum Editorenteam der Neuen Schubert-Ausgabe. Dessen Leitung residiert seit 1965 mehrheitlich in dem beschaulichen Universitätsstädtchen. Seitdem kann man immer wieder prominente Musiker den Schulberg erklimmen sehen, wo die Editoren in den Räumen des Musikwissenschaftlichen Instituts ihrer Tätigkeit nachgehen.
Einem dieser Musiker haben wir uns an die Fersen geheftet. Es ist der Hamburger Pianist Sebastian Knauer. Im Gepäck hat er seine neue CD – und die hat es in sich. Sie enthält nämlich ein Stück, das man selbst in diesen Räumen so noch nicht gehört hat: Es handelt sich um die Ersteinspielung einer späten Klaviersonate von Schubert. Genauer gesagt: um die Ersteinspielung einer Rekonstruktion dieser Klaviersonate. Die Rekonstruktion stammt von Jörg Demus und Roland Sölder. Sie stellten das Werk aus den unvollendeten Klavierstücken D 916 b, D 916 c und D 900 zusammen und tauften es „Sonate oubliée“.
Darf man so etwas überhaupt? Diese Frage interessiert die Editoren, die sich mit Knauer um den Tisch setzen, erst einmal nicht. Als nüchterne Wissenschaftler, die sie bei aller Leidenschaft für Schubert auch sind, legen sie die Fakten auf den Tisch. Und zwar buchstäblich. Da sind zunächst einmal Fotos von den Fragmenten der beiden gemeinsam aufgefundenen „Ecksätze“ D 916 b und c in Schuberts Handschrift: eng und mit Bleistift beschriebene Notenblätter. Schubert ließ sie unter den Skizzen zu seiner Oper „Der Graf von Gleichen“ liegen. Kein Wunder, dass man das Gekritzel erst 1978 als eigenständige Entwürfe identifizierte. Wir müssen uns an dem Gekrakel nicht die Augen verderben: denn neben Schuberts Entwurf liegt, sauber gestochen und mit Fußnoten versehen, der fliederfarbene Band der Neuen Schubert-Ausgabe. Er enthält die moderne Edition der Entwürfe. Professor Walther Dürr, der die Schubert-Ausgabe seit den Anfängen betreute, hat ihn selbst bearbeitet und führt uns mit dem Finger durch die Ecksätze: Deutlich ist hier zu erkennen, was Schubert notiert hat – und was nicht. Am Beginn sind die Stücke von Sätzen einer gewöhnlichen Sonate nicht zu unterscheiden. Doch im weiteren Verlauf tauchen Zeichen auf, über die Klavierschüler bereits stolpern würden: Hier hat sich Schubert die Arbeit erleichtert und für den Profi selbstverständliche Begleitfiguren bloß abgekürzt notiert. Doch irgendwann ist ganz Schluss. Die Aufzeichnungen brechen ab. Wie wäre es weitergegangen?
Die Neue Schubert-Ausgabe verrät es nicht – sie muss sich an die Fakten halten. Trotzdem haben Dürr und seine Kollegen Dr. Michael Kube sowie Dr. Christine Martin bei ihrer Arbeit eine Vorstellung davon gewonnen, wie Schubert solch einen Satz vollendet hätte. Schließlich mache es einen Großteil ihrer Arbeit aus, Schuberts Arbeitsschritte vom Entwurf bis zum letzten Federstrich nachzuvollziehen, erklären sie uns. „Viele glauben, dass das, was in einem zufällig erhaltenen Autograf steht, unbedingt die einzige und richtige Lösung sein müsse“, weiß Dürr. Ein fataler Irrtum: Schließlich sei es sogar schon vorgekommen, dass sich in einem einzigen Manuskript Schuberts zwei eigenständige Fassungen desselben Werks verborgen hätten – die dann auch separat ediert und gedruckt wurden.
Doch zurück zur „Sonate oubliée“. Warum brach der Komponist die Sätze ab? Knauer glaubt, dass Schubert zu einer Stelle gekommen war, von der aus er sich über den weiteren Verlauf im Klaren war. Die Editoren nicken. In vergleichbaren Fällen, so wissen sie, wäre eine Fassung mit Tinte gefolgt. Bis es so weit war, konnte Schubert die Entwürfe ruhen lassen. Sein Material hatte er ja notiert. Vollendete Schubert ein Werk, so habe er die fehlenden Teile allerdings nicht wie bei einem Computerprogramm mit dem Befehl „Kopieren und Einfügen“ mechanisch ergänzt, erklärt uns Michael Kube: „Für ihn stand bei der Überarbeitung jede einzelne Note zur Disposition.“
Statt Schubert muss nun der Interpret entscheiden. Soll er das Spiel dort abbrechen, wo die Notizen enden? Begründen ließe sich das: Die romantische Idee, „dass Fragmente als etwas Unvollständiges wirksam sein können“, war Schubert ja nicht fremd, erläutert Dürr. Den Philosophen Friedrich Schlegel, der diese Vorstellung propagierte, habe der Komponist sogar persönlich gekannt. Ein persönliches Aha-Erlebnis als Hörer hatte Dürr bei einer Aufführung von Schuberts Fragment gebliebenem Oratorium „Die Auferstehung des Lazarus“: „Das Stück wird sehr oft da abgeschlossen, wo das Manuskript aufhört: nämlich mit einem Schrei der Martha, den sie ausstößt, als ihr Bruder beerdigt wird. In Wahrheit gehört da natürlich noch die Auferstehung des Lazarus dazu, die Schubert aber mit Sicherheit nicht komponiert hat. Und so bleibt dann dem Publikum aufgetragen, das zu vollenden: entweder in Richtung auf die Auferstehung des Lazarus oder mit Blick auf den Schmerz der Angehörigen oder auch im Sinne des Sadduzäers, der an die Auferstehung gar nicht glaubt.“
Doch die Klavierstücke brechen nicht an einem derart wirkungsvollen Punkt ab. Was nun? Dürr macht sich dafür stark, das Stück zu Ende zu komponieren – und dabei nach dem Vorbild Schuberts neue Figurationen einzuführen, die Lage zu verändern und die harmonische Struktur zu verändern. „Das kann man nicht als Herausgeber machen, aber als praktischer Musiker schon.“ Wobei eine solche Rekonstruktion natürlich immer auch Spekulation beinhalte, gibt Christine Martin zu bedenken: „Man soll nicht glauben, dass man schon weiß, wo der Hase hinläuft.“
Und Knauer? Der ist erfreut und überrascht über die Freiheiten, welche die Experten dem Interpreten zugestehen. Und dennoch: Für seine Einspielung hat sich der Künstler für eine im Detail vergleichsweise puristische Rekonstruktion entschieden – eben für jene von Demus und Sölder. Verfolgt man den Verlauf der einzelnen Sätze mit der Neuen Schubert-Ausgabe auf den Knien, sieht man, dass die Bearbeiter für den Abschluss der Ecksätze bis auf wenige Noten Material wiederholen, das Schubert am Satzbeginn notiert hat. Der Vorteil für den Hörer: Die Noten sind von Schubert und die Sätze erhalten eine klare Architektur. Für den Interpreten ist dies die anspruchsvollste Lösung – ihm kommt kein Bearbeiter zur Hilfe, um das „Interieur“ der Wiederholungen durch Varianten abwechslungsreicher zu gestalten. Doch wie Knauer Schuberts Figurationen perlen lässt und wie er seine Basslinien innig zum Singen bringt, das langweilt auch bei der Wiederholung nicht. Denn auch Rohdiamanten können glänzen.

Neu erschienen:

Franz Schubert

Impromptus D 935, „Sonate oubliée”, Adagio und Rondo concertante D 487 bearb. für Streichorchester

Sebastian Knauer, Ensemble Resonanz

Berlin Classics/Edel

Carsten Niemann, RONDO Ausgabe 3 / 2007



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