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Cello-Blackbox

Johannes Moser

„Je mehr man abgesichert ist, desto besser kann man loslassen.“ Ob so das Lebensmotto von Johannes Moser lautet? Mag sein, wenn man die stetige und zugleich steile Karriere des jungen Cellisten betrachtet. Und wenn er über seinen Weg des Übens, des Konzertierens – kurz: des Musizierens spricht. Michael Horst besuchte ihn in seiner Berliner Wohnung.

Dieser Mann weiß, was er will, was er kann. Vor fünf Jahren gewann Moser zur großen Überraschung der Musikwelt den hoch renommierten Tschaikowsky-Wettbewerb in Moskau, und seitdem hat er die Erwartungen mehr als erfüllt: Zwischen Tokio und London, Chicago und Luzern holt er sich blendende Kritiken ab. Familiär ist Moser allemal erheblich vorbelastet. Der Vater Cellist im Münchner Rundfunkorchester, die Mutter Sängerin (Edith Wiens!), die Tante Sängerin (Edda Moser!!): „Bei uns zu Hause“, sagt Johannes Moser, „wurde mir früh klar, dass das Musikerdasein auch ein sehr praktischer Beruf ist.“ Mit 18 kam er in die Klasse von David Geringas – auch er ein Künstler mit Bodenhaftung. „Er hat mir zuerst mein Ego genommen“, erinnert sich der Cellist nüchtern, „und mir dann viele neue Türen geöffnet.“ Moser war neugierig genug, um zu erforschen, was sich hinter den Türen verbarg. Das harmonische Verständnis für ein Stück, die tausend verschiedenen Färbungen des Klangs, die Anlage einer Partitur – all das hat der Schüler, abgesehen von einer tadellosen Spieltechnik, von seinem Lehrer gelernt. Vor gut einem Jahr beendete er sein Studium an der Musikhochschule Hanns Eisler und wurde von Geringas in die Freiheit entlassen: „Ab heute bist du dein bester Lehrer!“
So sitzt Johannes Moser nun in seiner praktischen Übebox, die er sich in einem Zimmer seiner Berliner Altbauwohnung installiert hat: schalldicht nach außen, mit trockener, ungeschminkter Akustik nach innen. Eine Videokamera kontrolliert die Bewegungen, sein Ohr den Ton, der Kopf die Interpretation. Hinzu kommt jede Menge Inspiration von außen. Im Moment beschäftigen ihn vor allem Klage und Zerrissenheit, wie sie in Schumanns spätem Cellokonzert dominieren. Schumann über Schumann allerorten – zuletzt viermal mit Christian Thielemann in Mosers Heimatstadt München. Auch hier war das gemeinsame Fundament schnell gelegt und damit die Gelegenheit, an jedem Abend das Werk neu auszuloten. Nicht anders, so schätzt Moser, wird es gehen, wenn er im Oktober Tschaikowskis Rokokovariationen mit dem New York Philharmonic und Lorin Maazel musizieren wird.
Eine Nummer kleiner mutet die dreiteilige CD-Serie an, für die sich Moser zusammen mit dem Pianisten Paul Rivinius derzeit im cellistischen Umfeld von Johannes Brahms tummelt. Auf der ersten CD kombiniert er dessen F-Dur-Sonate mit dem Brahmsfreund Robert Fuchs und einer frühen, erst kürzlich wiederentdeckten Sonate von Alexander Zemlinski. Die zweite CD wird neben der e-Moll-Sonate Werke von Richard Strauss und Heinrich von Herzogenberg bringen. Der Kammermusik hat er bewusst eine bestimmte Zeit im Jahr reserviert – neben seinen etwa 70 Auftritten mit Orchester. Darüber hinaus engagiert er sich für das Projekt „Rhapsody In School“ des Pianisten Lars Vogt, bei dem er vor neugierigen Schulklassen auftritt. Oder er nimmt sich Zeit für seine Freundin, die ebenfalls Cellistin ist. Mit ihr teilt er sich auch die heimische Übebox. Zur Not lässt sich auch zu zweit darin spielen.

Neu erschienen:

Johannes Brahms u.a.

Brahms and His Contemporaries Vol. I

Johannes Moser, Paul Rivinius

Hänssler Classics/Naxos

Michael Horst, RONDO Ausgabe 3 / 2007



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