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Fanfare

Es muss ja nicht immer Bayreuth sein oder Salzburg. Ludwigsburg beispielsweise bot, parallel zu einer verun glückten Bieito- Inszenierung von Puccinis „Fanciulla del West“ an der Oper Stuttgart (das Haus wird garantiert auch in diesem Jahr wieder nicht „Oper des Jahres“, wir tippen kühn-keck auf die Komische Oper Berlin) – also Ludwigsburg bot in diesem festspielgesättigten Sommer ebenfalls hohe Kunst. Grigory Sokolov, dieser genialische Dichter am Flügel, hat dort gespielt, bei den Schlossfestspielen, die 75sten waren es, ein wunderbar wundersamer Jubiläumsabend, der die Seele frei pustete, und gleich tags darauf war uns das Glück beschieden, Glucks „Ezio“ zu erleben, eine zuvor gänzlich von der Bühnenbildfläche verschwundene Oper des Reformators. Apart war das, das Stück und auch die sängerischen, schauspielerischen Darbietungen. Kurzum: ein eindrucksvoller Abend. Und wo man schon einmal im Süden der Republik weilte, war es ein Leichtes, nach Schwetzingen zu gelangen, zum Mannheimer Mozartsommer, und dort Mozarts „Lucia Silla“ zu genießen, ja, und von dort gleich weiter nach Baden-Baden zu pilgern zu einer nachgerade grandiosen „Tosca“. Wie gesagt, es muss nicht immer Bayreuth sein. Oder Salzburg.
In Paris waren wir dann leider nicht. Ging zeitlich nicht. Und so haben wir nur gehört von der Marthaler- Inszenierung, „La Traviata“ war es, es sei etwas langatmig gewesen, erzählen Freunde, aber psychologisch hoch interessant. In Mailand wiederum, ebenfalls bei einer „Traviata“, es war nur die Wiederaufnahme, da hat es, hinunter vom fünften Rang, dort, wo die Hardcorefans sitzen, die berüchtigten Loggiones, richtig gehagelt. Und zwar Buhrufe. Sie galten dem Dirigenten des Abends, Lorin Maazel. Ein Wunder ist es nicht, warum streicht der Mann auch eigenhändig und ohne tieferen Sinn die berühmte Cabaletta „Non udrai rimproveri“. So was macht man einfach nicht, schon gar nicht an der Scala, wo sie auf dieses Stück warten wie andere auf den reinigenden Regen. Wie dem auch sei, Intendant Stéphane Lissner, der zuvor die Mitteilung der Stadtväter hatte schlucken müssen, dass der anno 2006 erwirtschaftete Gewinn von 1,5 Millionen diese davon überzeugt hat, die Subventionen für das Opernhaus zu kürzen, war immerhin so klug, Maazel am nächsten Tag zu überreden, die Cabaletta in Gottes Namen doch zu bringen, obwohl dieser, nicht zum ersten Mal in seinem Leben, die beleidigte Leberwurst gespielt hatte und der Premierenfeier ferngeblieben war. In den Folgevorstellungen durfte der große Leo Nucci wieder nach Herzenslust seine Stimme in den Saal hinein schmettern. Ihm gleich, wenngleich in unterschiedlicher Qualität, taten es die Sänger der „Walküre“ in Aix-en-Provence, allen voran die wunderbare Eva-Maria Westbroek als Sieglinde (eine bessere gibt es zurzeit nicht, wagen wir zu behaupten). In Aix, wie es von allen kurz genannt wird, haben sie ein schmuckes neues Opernhaus gebaut, das zwar bis zur Premiere der Wagneroper nicht so ganz fertig wurde (deutsche Gründlichkeit ist und bleibt eben solitär und singulär und überhaupt), aber doch eine anständige Akustik bietet. Eingeweiht haben es die Berliner Philharmoniker unter Simon Rattle, und zwar, wie es sich gehört für ein Weltklasseorchester im 125. Jahr seines Bestehens, entsprechend eindrucksvoll.
Ja, es war viel los diesen Sommer. Deswegen wol len wir die weiteren Stationen nur kurz streifen. Angefangen hatte es in Berlin mit dem „Land des Lächelns“ an der Komischen Oper. Konwitschny hat mal wieder allen gezeigt, wie es geht, und die Finger in die Operettenwunde gelegt (wer es harmlos-heiterer möchte, sollte in die Staatsoperette Dresden fahren, um das gleiche Stück in gänzlich anderem Gewande zu bewundern). „Il turco in Italia“ war dann in München sehr hörenswert, gute Stimmen, gutes Dirigat, Maurizio Barbacini heißt der Könner. Auch Kent Nagano scheint der richtige Mann am richtigen Platz, belegt ist es durch sein nuancenreiches Dirigat bei der Uraufführung von Unsuk Chins „Alice in Wonderland“ in der bilderreichen Regie von Achim Freyer. Von München war es nicht weit nach Bregenz, die „Tosca“ hat uns doch, trotz ihrer etwas plakativen Bildsprache, berührt, weniger Brittens „Tod in Venedig“. Machen Sie’s gut, bis zum nächsten Mal
Ihr Tom Persich

Tom Persich, RONDO Ausgabe 4 / 2007



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