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Magdalena Kožená

"Ich bin maßlos stolz"

Magdalena Kožená (34) gehört zu den erfolgreichsten Mezzosopranistinnen der Welt. Im September singt sie erstmals eine Uraufführung – die Titelrolle der ihr gewidmeten Oper „Phaedra“ von Hans Werner Henze an der Staatsoper in Berlin. Robert Fraunholzer sprach mit ihr über die Premiere, ihr Leben mit Simon Rattle und die harten Seiten des Berufs.

RONDO: Wie fühlt es sich an, von Hans Werner Henze eine Oper geschenkt zu bekommen?

Magdalena Kožená: Ich bin maßlos stolz. Er rief eines Tages an und fragte, ob ich etwas dagegen hätte, wenn er „Phaedra“ für mich komponierte. Ich war geschmeichelt. Inzwischen frage ich mich, ob ich der Verantwortung gerecht werden kann. Ich bin ziemlich aufgeregt.

RONDO: Haben Sie Henze gesagt, wie er es machen soll?

Kožená: Das tut man doch nicht! Ich glaube, er wollte für mich mehr Koloraturen komponieren als er das sonst tut. Weil ich von der Alten Musik herkomme. Jetzt habe ich die Rolle mit den schnellsten Stellen. Glücklicherweise gehört Henze nicht zu den Komponisten, die für Stimmen schreiben, ohne etwas von ihnen zu verstehen.

RONDO: Thomas Quasthoff und Plácido Domingo halten atonale Musik für einen Irrtum. Sie auch?

Kožená: Nein, ich kenne großartige atonale Musik. Etwa von György Kurtág oder von Messiaen – falls man ihn dazuzählen will. Als Sänger muss man allerdings vorsichtig sein. Viele neue Stücke werden nicht wirklich für eine menschliche Stimme komponiert, sondern eher für technische Superautomaten. Nur noch für zeitgenössische Musik zu leben, das möchte auch ich nicht.

RONDO: Was bedeutet es, dass Phaedra ein Mezzosopran ist – und kein Sopran?

Kožená: Keine Sorge, es ist fast ein Sopran. Die Partie liegt so hoch, dass ich die Rolle nicht jeden Tag singen könnte. Ich will nicht ins Sopranfach rutschen.

RONDO: In Ihrem neuen Händelalbum zeigen Sie mehr Emotionen und sind viel dramatischer. Liegt das an den Werken – oder an Ihnen?

Kožená: Nicht an mir. Die emotionalen Stürme sind in der Musik. Allerdings war der Dirigent Andrea Marcon ein extremer Ansporn. Ohne viele Proben. Man kriegt heutzutage wenig Zeit für Aufnahmen. Man muss durch die Wahl der musikalischen Partner die Zeit wieder gutmachen, die einem sonst fehlt.

RONDO: Sie reden selten über Ihren Partner Simon Rattle. Wie, glauben Sie, hat er Ihre Karriere beeinflusst?

Kožená: Es stimmt, darüber rede ich nicht gern. Ich glaube, Simon hat meine Karriere nicht stärker beeinflusst als jeder andere große Dirigent: als Inspiration. Seitdem ich mit ihm zusammen bin, höre ich unendlich viele Konzerte. Das hat uns privat noch enger zusammen gebracht. Wir sind glücklich. Aber ich muss zugeben: Der Stress, den die Bekanntheit von Simon für uns beide mit sich bringt, ist nicht ohne.

RONDO: Glauben Sie, dass Ihr Stress durch die Tatsache erhöht wird, dass Sie dem Lager der „beautiful singer“ zugerechnet werden?

Kožená: Es ist nie easy in diesem Beruf. Man muss ständig beweisen, dass man gut ist, dass man noch gut oder möglichst besser geworden ist. Das ist die harte Seite. Unendlich stark ist nämlich niemand. Durch Fotos und Äußerlichkeiten wird das nur unwesentlich erhöht. Glauben Sie mir, der Beruf der Sängerin ist ohnedies anstrengend genug. Das wichtigste ist und bleibt: Selbstvertrauen.

RONDO: Gibt es etwas, um das Sie Mezzosopranistinnen der Vergangenheit beneiden?

Kožená: Ich beneide sie um die Epoche, als einem nach der Vorstellung Diamantencolliers hinter die Bühne gebracht wurden (lacht). Ich glaube, dass die Popularität von Sängern vor 40 Jahren viel größer war als heute. Man kam dem Publikum näher. Heute schaffen das nur noch Rockstars, dieser Weg ist mir leider verbaut. Ich werde keinen Crossover machen.

RONDO: Nächste Saison treten Sie auch als Mélisande an der Berliner Staatsoper auf. Warum nicht an der Deutschen Oper, dem viel größeren Haus?

Kožená: Einfach, weil das Angebot nun mal von der Staatsoper kam. Man kam dort sehr sympathisch und warmherzig auf uns zu. Ich werde auch den „Rosenkavalier“ dort singen und 2010 in Chabriers „L’étoile“. Simon wird dirigieren.

Neu erschienen:

Georg Friedrich Händel

Ah! Mio cor

Magdalena Kožená, Venice Baroque Orchestra, Andrea Marcon

Archiv/Universal


Hans Werner Henze: Gemilderte Freuden

Wozu viele Worte? Acht Fragen von Robert Fraunholzer zur Uraufführung der Konzertoper „Phaedra“ – acht Antworten des 80-jährigen Komponisten Hans Werner Henze.

RONDO: Was ist eigentlich eine „Konzertoper“?

Hans Werner Henze: Der Berliner würde vielleicht frecher fragen: „Keine richtige Oper?“ Eine Konzertoper (die im Konzertsaal aufgeführt werden möchte) ist, ähnlich wie die Podiumsoper, ein Musikstück, bei welchem die musikalischen Gegenstände gleichwertig an der Gestaltung beteiligt sind. Die Formen, auf den dramatischen Inhalt bezogen, lavieren zwischen Oratorium und Musikdrama.

RONDO: Warum Magdalena Kožená?

Henze: Weil Magdalena Kožená eine sehr schöne Stimme hat und eine großartige Darstellerin ist.

RONDO: Was bedeutet es, dass Sie für einen Mezzosopran schreiben?

Henze: Ich habe schon öfter für Mezzosopran geschrieben, immer da, wo dessen Timbre geeignet schien, sich vom Timbre des Soprans farblich zu unterscheiden. Nicht zuletzt deswegen, damit das helle Licht der Sopranstimme wirkungsvoll gestützt werden kann.

RONDO: Konnten Sie sich vergewissern, dass die Sängerin die Partie tatsächlich singen wird (und kann)? Die Musikgeschichte kennt Gegenbeispiele, oder?

Henze: In meiner 60- jährigen Karriere als Theaterkomponist ist mir noch nie eine Absage erteilt worden.

RONDO: Ich treffe immer mehr Sänger, die offen sagen, atonale Musik sei ein Irrtum, beispielsweise Thomas Quasthoff. Was sagen Sie denen?

Henze: Denjenigen, die „offen“ sagen, atonale Musik sei ein Irrtum, denen sage ich, dass musikgeschichtlich und in der Wirklichkeit Behauptungen dieser Art schon längst widerlegt worden sind.

RONDO: Bei unserem letzten Gespräch vor einigen Jahren in London sagten Sie mir – wenn ich Sie richtig verstanden habe –, Sie hätten schlichtweg Freude daran, am Schreibtisch zu sitzen und zu komponieren. Ist das noch immer so?

Henze: Es ist immer noch so, nur wird die Freude neuerdings leider durch Alterserscheinungen aller Art gemildert.

RONDO: Komponieren Sie immer noch früh morgens? Oder hat sich das verändert?

Henze: Es ist immer noch die größte Freude.

RONDO: Werden Sie zur Premiere kommen?

Henze: JA!


Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 4 / 2007



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