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Musikstadt

Bergen: Nordlichter

Die Bergener wissen nicht so recht, ob der berühmteste Sohn der Stadt mehr zum Segen oder zum Fluch für ihre traditionsreiche Musikstadt geworden ist. Denn Edvard Grieg ist allgegenwärtig, ob in der psychedelischen Grieghalle mit ihren Bergener Philharmonikern oder im nahen Komponistensitz „Troldhaugen“. Doch die alte Handelsniederlassung ist von jeher neugierig und weltoffen. Uwe Friedrich hat sich für RONDO in Norwegens zweitgrößter Stadt umgesehen.

Wie ein aufgeklappter Konzertflügel soll die Grieghalle im Zentrum Bergens aussehen, heißt es jedenfalls im Reiseführer. Weniger fantasiebegabte Betrachter denken eher an eine Mischung aus Rostlaube und Weltkriegsbunker. Der große Konzertsaal ist die Heimat der Bergener Philharmoniker mit ihrem amerikanischen Chefdirigenten Andrew Litton. „Die Foyers sind sehr schön, und der Saal hat die wohl beste Akustik Norwegens. Also, wenn Sie einmal drin sind, ist alles in Ordnung“, sagt der Maestro über das Mehrzweckkulturzentrum. Von der Kammermusik über Sinfoniekonzerte bis zur großen Oper eignet sich der amphitheatralisch angelegte Raum mit der knallroten Decke für alle Formen klassischer Musik. Und tatsächlich, wenn man sich erstmal an die psychedelische Farbgebung der massiven Betonarchitektur gewöhnt hat, zeigt die Halle ihre Qualitäten. Ähnlich wie in antiken Theatern oder im Bayreuther Festspielhaus verteilt sich der Klang gleichmäßig auf die demokratisch angeordneten Stuhlreihen, hat jeder Besucher einen gleich guten Blick auf Podium und Bühne. In der Spielzeit 2007/08 treten hier unter anderem der Cellist Truls Mørk, die Pianisten Leif Ove Andsnes und Håvard Gimse, die Flötistin Sharon Bezaly und die Sopranistin Jane Eaglen mit den Bergener Philharmonikern auf. Das Programm reicht von den Klassikern Haydn, Mozart, Beethoven über Dvořák, Strauss, Ravel bis zu Nono und Messiaen. Und, gerade in diesem Jahr, natürlich immer wieder Grieg. Stärker noch als Salzburg mit Mozart oder Bonn mit Beethoven, ist Bergen mit Grieg verbunden. Allerdings ist das Orchesterschaffen des Norwegers deutlich kleiner als das seiner Kollegen, und so können die Bergener Philharmoniker das a-Moll-Klavierkonzert und die Peer-Gynt-Suiten beinahe auswendig. Die erste Konzerthälfte steht auf Tourneen einigermaßen selbstverständlich fest, schließlich wollen die Veranstalter immer wieder den vermeintlich authentischen Grieg hören. Aber Andrew Litton hat große Pläne mit seinen Musikern. Auf ausgedehnten Konzertreisen soll die Qualität des Orchesters auch international bekannt werden. Damit die Plätze in der Grieghalle auch in Zukunft immer ausverkauft sind, gehen die Philharmoniker auch unkonventionelle Wege. Jeden Donnerstag schicken sie SMS-Botschaften auf die Handys der etwa 20.000 Bergener Studenten. Sie können zum Preis eines Hamburger-Spar-Menüs in die Konzerte gehen und nutzen dieses Angebot auch in großer Zahl. „Das ist der beste Weg, ein Publikum aufzubauen“, betont Litton, „die Konzerte müssen bezahlbar sein. Bislang klappt das sehr gut.“
Das Orchester wurde bereits 1765 von der bürgerlichen Musikgesellschaft „Harmonien“ gegründet. Städtische Musiker leistete sich die reiche Handelsmetropole Bergen jedoch bereits viel früher. Der älteste erhaltene Vertrag eines Stadtpfeifers datiert von 1591, aber den Posten gab es sicher schon vorher. Musik wurde damals vor allem an den Kirchen und Gymnasien gemacht, auch im Gemeinschaftsraum der deutschen Handelsniederlassung „Tyske Bryggen“ zeugt ein Klavichord in beklagenswertem Zustand von den musischen Anwandlungen der Hansekaufleute. Selbst die alten Wikinger haben in Norwegens ältestem weltlichen Gebäude, der Håkonshalle, vor ihren Raubzügen bestimmt musiziert. Ähnlich wild wie die mittelalterlichen Krieger klingt heute die große Heavy-Metal-Szene Norwegens. Stilbildend war die Band „Mayhem“, die einige ihrer berühmtesten Alben in den Studios der Grieghalle aufnahm. „Mayhem“-Fans aus aller Welt pilgern deshalb nach Bergen, um in derselben Fjordlandschaft zu wandern, in der einst ihre Idole Inspiration fanden, und dann die legendären Studios zu besichtigen. Der Produzent lässt sie auch herein, wenn sie mental einigermaßen gesund wirken, berichtet der „Enslaved“- Bandleader Ivar Bjørnson. Auch mit seinem neuesten Album „Ruun“ sieht er sich in der nationalromantischen Tradition Griegs: „Der war schließlich auch eine Art Rebell. Es ist zwar schwer zu sagen, was den typisch norwegischen Heavy-Metal-Klang ausmacht, aber wir sind international erfolgreich, irgendetwas scheint also dran zu sein.“

„Griegs Musik ist beinahe ein Fluch für Norwegen“

Selbstverständlich hat auch Ragna Sofia Grung Moe ihr Büro im Verwaltungstrakt der Grieghalle. Sie leitet die offiziellen Aktivitäten zum 100. Todestag des Komponisten in diesem Jahr. „Griegs Musik ist beinahe ein Fluch für Norwegen“, sagt sie zweideutig lächelnd, „kein Fernsehfilm über Fjorde ohne Musik aus der Peer-Gynt-Suite. Er gehört so sehr zur Ausstattung des Landes, dass er kaum noch bewusst wahrgenommen wird.“ Zum Programm „Gr!eg07“ gehört zwar auch das große Galakonzert, aber dieser Termin ist für Ragna Sofia Grung Moe eher eine Pflichtübung. Viel wichtiger sind ihr Nachwuchsprojekte, Einladungen an Klangkünstler aus aller Welt oder die Erinnerung an den politisch aktiven Künstler Grieg. „Wir führen gerade in Norwegen eine große Debatte, ob Künstler sich beispielsweise in Menschenrechtsfragen äußern dürfen. Deshalb freue ich mich schon sehr auf eine von uns initiierte Diskussion zwischen Regierungsvertretern und Künstlern, ob die Künste nur das Sahnehäubchen der Gesellschaft sind oder wirkungsvolle Mittel im Dialog zwischen Menschen und Staaten.“ Dabei hat sie überhaupt nichts dagegen, Griegs Musik auch zur Vermarktung Norwegens zu nutzen. Wenn die populären Melodien jedoch wie ein dickes Federbett über die Probleme gelegt werden, kann sie richtig wütend werden. „Grieg hat kostenlose Konzerte für die Armen gegeben, hat sich zur Dreyfuss-Affäre geäußert und weigerte sich aus politischen Gründen, im zaristischen Russland aufzutreten. Dieser Grieg sollte uns ein Vorbild sein. Nicht nur der kleine, freundliche Mann mit den fröhlichen Volksliedmelodien!“
Nun wird es aber höchste Zeit, Edvard Griegs Wohnhaus Troldhaugen zu besuchen. Das heißt „Trollhügel“, und jeder Norweger scheint den Namen anders auszusprechen. Die Varianten reichen von „Trullhogen“ bis „Trollhöhen“, aber jedes Kind kann den Weg auch dann erklären, wenn der Name von deutschen Touristen so ausgesprochen wird, wie er geschrieben steht, schließlich ist die viktorianische Villa eine der Hauptattraktionen der Region. Auf dem großen Parkplatz stehen die Reisebusse dicht an dicht, Touristengruppen trotten durch die Vorortsiedlung zum Museum. Von der Einsamkeit ist nichts mehr zu spüren, unter der seine Frau Nina und er an den langen norwegischen Herbstabenden oft litten. Besonders große Fenster wünschte sich Grieg für seine Villa, damit das Licht ungehindert in die hohen, holzgetäfelten Räume fällt und er sich der umgebenden Seenlandschaft ganz nah fühlen konnte. Die magische Atmosphäre des Raums spüren auch die Besucher der spätabendlichen Konzerte während der Bergener Festspiele in der Pfingstzeit. Während der langen Dämmerung werden auf Griegs Steinway-Flügel von 1892 seine Lyrischen Stücke gespielt oder die Violinsonaten begleitet. Beinahe erwarten die Zuhörer, dass der 1,52 Meter kleine Komponist mit dem buschigen Schnauzbart und dem freundlichen Lächeln gleich um die Ecke kommt und sich über die Aufführung freut. Weil das kleine Haus den riesigen Andrang aus aller Welt nicht mehr verkraften konnte, wurde 1995 ein neues Museum gebaut. Zum 100. Todestag wurde die Dauerausstellung völlig überarbeitet. Viele Originale wurden aus dem Safe geholt, darunter der Taktstock, das stumme Klavier, der Dirigieranzug, sowie der rote Troll und das Schwein.
Seinen Maskottchen wünschte er allabendlich eine gute Nacht, den kleinen Frosch hatte er immer in der Fracktasche, wenn er dirigierte. In der neuen Ausstellung soll Edvard Grieg nicht nur als führender Komponist der norwegischen Romantik gezeigt werden, sondern auch als Mensch mit liebenswürdigen Macken. Zum Museum gehört auch ein Konzertsaal, der in den Fels gebaut wurde mit Blick auf Griegs Komponierhäuschen am See. Hier schrieb er in vollkommener Abgeschiedenheit einige seiner bekanntesten Werke. Dabei war er übrigens sicher, dass seine Kompositionen die Zeiten nicht überdauern würden. Heute zeugen die Touristengruppen vor dem roten Holzhaus von seinem Irrtum.
Seit etwa 20 Jahren investiert die Osloer Regierung viel Geld in die Musikerziehung. Das große, aber dünn besiedelte Land wurde mit einem engen Netz von Musikschulen überzogen. Die Kreativität der Schüler soll angeregt werden, auch wenn sie später nicht den Beruf des Musikers ergreifen wollen. Einige norwegische Musiker haben jedoch in den letzten Jahren den Sprung an die Weltspitze geschafft und wurden zu Vorbildern, etwa der Pianist Leif Ove Andsnes, der Cellist Truls Mørk oder die Sopranistin Solveig Kringelborn. Leif Ove Andsnes lebt zwar inzwischen vorwiegend in Kopenhagen, doch kehrt er immer wieder in sei ne Heimatstadt Bergen zurück. Er hat an der Bergener Grieg-Akademie studiert und gilt derzeit als bester Interpret Grieg’scher Klavierwerke. Auf Ein ladung der Internationalen Grieggesellschaft erzählt Andsnes von seinen Erfahrungen: „Ich de bütierte bei ungeheuer vielen Orchestern mit dem Klavierkonzert. Irgendwann war ich es einfach leid und habe es viele Jahre gar nicht mehr gespielt. Inzwischen ist mein Verhältnis zu dem Stück aber wieder entspannt.“ Den norwegischen Starmusikern gibt auch Per Boye Hansen gern ein Podium bei den Internationalen Festspielen, die alljährlich in der Pfingstzeit stattfinden. Seit zwei Jahren leitet das ehemalige Direktoriumsmitglied der Komischen Oper Berlin nun das größte skandinavische Kunstfestival und hat in der kurzen Zeit die zuletzt etwas verstaubte Institution erneuert. Bert Brechts „Maßnahme“ hat er mit Hanns Eislers Musik als Agitpropdrama aufführen lassen und damit kontroverse Diskussionen ausgelöst, er hat den dänischen Komponisten Bent Sørensen zum Composer in Residence gemacht. „Wir wollen die zeitgenössische Musik aus den Ghettofestivals herausholen und einem großen Publikum präsentieren.“ Italienische Rockmusiker ließ er an ungewöhnlichen Orten in der ganzen Stadt norwegische Volkslieder singen, abends erklangen von den Dächern seltsam ortlose Chorgesänge. So wird die ganze Stadt zum Klangkörper und lädt Einwohner wie Touristen ein, die Ohren zu öffnen, neugierig zu sein auf Töne, die zwar nichts mit Edvard Grieg zu tun haben, dem Säulenheiligen der norwegischen Musik aber ganz sicher gefallen hätten.

Uwe Friedrich, RONDO Ausgabe 4 / 2007



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