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50 Jahre „Das Alte Werk“

Ein Schritt zurück nach vorn

Dass barocke oder vorbarocke Musik heute in „historischer Aufführungspraxis“ präsentiert wird, zählt mittlerweile zum guten Ton. Pionierarbeit leistete eine Plattenserie, die in gut 50 Jahren selbst Musikgeschichte geschrieben hat: „Das Alte Werk“.

Auch so sieht Fortschritt aus, denkt man, wenn man die Schwarzweißfotos von frühen Aufnahmesessions der Reihe „Das Alte Werk“ betrachtet. Wir befinden uns Anfang der 60er Jahre: Mit großer Selbstverständlichkeit trägt man Schlips und Kragen, auf klobigen Mischpulten thronen volle Aschenbecher. Daneben türmen sich Stapel von Bändern in beschrifteten Pappkartons, und die Hornbrillen auf den Nasen der Abgebildeten haben den Unterschied zwischen „modern“ und „retro“ noch nicht kennengelernt. Mehr noch als die Brillen bringen die Abgebildeten unser Zeitgefühl aus der Fassung. Sie tragen Namen wie Gustav Leonhardt, Alice und Nikolaus Harnoncourt oder Max van Egmond, und was sie einspielen, sind Aufnahmen, für die sie heute als Pioniere gefeiert werden.
Greifen wir zum Telefonhörer und wählen wir die Nummer des jungen Manns mit dem wachen Blick, der auf den Bildern so konzentriert zwischen den Musikern sitzt. Es meldet sich ein gut 78 Jahre alter Herr mit hamburgischem Tonfall: Wolf Erichson. Als Produzent der Telefunken (später Teldec) war er Geburtshelfer der Reihe, die Schallplattengeschichte schreiben sollte. Der Spross eines im Kriege „ausgebombten“ gutbürgerlichen Elternhauses absolvierte eine Orgelbauerlehre, um 1957 zunächst als Qua litätsprüfer bei der Telefunken zu landen. Hier machte Erichson mit Entdeckungen jüngerer Schätze auf sich aufmerksam: Er stieß auf Me - tallmatrizen der Schellackzeit mit Aufnahmen von Künstlern wie Peter Anders, Lotte Lenya und Joseph Schmidt und überzeugte die Geschäftsleitung, diese auf Schallplatte zu veröffentlichen. Kurz darauf begann Erichson, Programme mit Material zusammenzustellen, das beim Mutterkonzern Decca bereits vorhanden war – darunter Klassiker der Alten Musik wie Lautenlieder mit Julian Bream und Peter Pears.
Den entscheidenden Schritt zum Produzieren neuer Aufnahmen mit Alter Musik aber machten Telefunken und Erichson über den Umweg der Orgelmusik. Der Trend, Orgelwerke auf den vom Krieg verschonten historischen Orgeln aufzunehmen, erwies sich dabei als wichtige Brücke, um ein breiteres Publikum zum un - entdeckten Feld der historischen Aufführungspraxis zu führen. Gerne erzählt Erichson, den man wegen seiner Orgelbauerlehre kurzerhand zum Aufnahmeleiter einer ersten Produktion mit dem Organisten Karl Richter erkoren hatte, wie ihn der gefeierte Professor mit seinem divenhaften Auftreten gründlich einschüchterte – um seine Aufnahmen bei Teldec hernach nur mit ihm zu produzieren.
Das Bewusstsein, große Werke der Musikgeschichte von Bachs Orchestersuiten bis zu Monteverdis Marienvesper erstmals in historischer Aufführungspraxis einzuspielen, habe die Arbeitsatmosphäre geprägt, erinnert sich Erichson. Mit der Gesamteinspielung von Bachs geistlichen Kantaten unter Nikolaus Harnoncourt und Gustav Leonhardt etwa verankerte man die historische Aufführungspraxis fest in den Wohnzimmern.
1972 trennte sich der durchaus konfliktfähige Produzent von der Teldec. Nikolaus Harnoncourt blieb der Reihe allerdings bis zur Tilgung des Labels Teldec im Jahre 2001 als Zugpferd erhalten. Und noch in den 90er Jahren brachten jüngere Ensembles wie etwa Il Giardino Armonico unter der Leitung des Harnoncourt- Zöglings Luca Pianca dem Alten Werk publikumswirksam den Swing bei. Die auf 50 CDs angelegte Edition zum 50. Geburtstag der Reihe kann also durchaus den Anspruch erheben, einen repräsentativen Streifzug durch die Gründerjahre der Alten Musik auf Schallplatte zu bieten. Findet sich auch die eine oder andere musikalische Hornbrille darunter, heißt es aufgepasst – wer weiß, ob nicht gerade sie wieder modern wird?

Neu erschienen:

50 Jahre „Das Alte Werk“

Warner Classics

Carsten Niemann, RONDO Ausgabe 4 / 2007



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