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Musikstadt

Santa Fe: Oper im Wilden Westen

In der vierhundertjährigen Geschichte der Oper wurden Musiktheater aufs Wasser gestellt wie in Venedig. Man findet im Dschungel von Manaus das opulente Teatro Amazonas. In Englands ländlichen Herrenhäusern pflegt man das professionelle Musiktheater und gibt doch dem Dinner zwischendurch angemessene Zeit. Aber in den halbversteppten Hügeln New Mexikos, am Fuße der Blut-Christi-Berge, da scheint eine Oper eher fehl am Platz, doch lebt diese Kunstgattung ja von ihrer Unwahrscheinlichkeit, warum also nicht? Matthias Siehler hat sich für RONDO auf die Reise gemacht.

Das spektakuläre Land der Pueblo-Indianer und Mescalero-Apachen, der spanischen Missionen und von Billy the Kid, der unausrottbaren Ufos von Roswell und dem Trinity Site, wo am 16. Juni 1945 die erste Atombombe gezündet wurde, hat schon viel erlebt. Darunter seit der Gründung der Santa Fe Opera im Jahr 1957 auf dem Gelände einer Schweinefarm auch diverse amerikanische Erstaufführungen von Strauss- und Janáček-Opern, von Bergs »Lulu«, Henze- und Schönberg- Werken. Zuletzt kamen Kaija Saariahos »L’Amour de loin« und Thomas Adès’ »The Tempest« ganz weit unten im Südwesten auf die US-Opernbühne. Man spielt seit 1998 immer von Juni bis August in dem neu errichteten, elegant geschwungenen und halboffenen, nach dem Gründer John Crosby benannten Theater, wo man während der Ouvertüre das letzte Tagesrosa verschwinden sieht und bei Gewitter hinter der Szene die geschichtsträchtigen Blitze von Los Alamos zucken. Hier kann man herrlich vor den Vorstellungen dinieren, seinen neu gekauften Navajo-Silberschmuck, Cowboyhüte oder wenigstens die ledernen Kragenkordeln mit den traditionellen Türkis-Enden vorführen.
Santa Fe hat zwar kein permanentes Orchester, doch gibt es den Santa Fe Desert Chorale sowie das Santa Fe Chamber Music Festival. Und doch darf man diesen ganz besonderen Ort in einem der schönsten Landstriche der Welt Musikstadt nennen: weil das herrlich sympathische sommerliche Opern Festival Amerikas einzig international ernst zu nehmendes ist, und die ganze Stadt einen künstlerischen Anstrich hat. Bereits im 12. Jahrhundert bestand hier eine Indianersiedlung. Im 16. Jahrhundert kamen die ersten Spanier. 1610 wurde der Ort Sitz des Gouverneurs. Santa Fe ist damit die älteste Hauptstadt in den USA. Ab 1820 war es Zentrum des Handels mit den Vereinigten Staaten über den Santa Fe Trail.
Hier stehen das älteste öffentliche Gebäude der USA, der Gouverneurspalast von 1610, wo drei Jahre auch der Politiker und »Ben Hur«-Autor Lew Wallace residierte, und die älteste Kirche der USA, die San-Miguel- Kirche aus dem Jahr 1628. Etwa 200 Kunstgalerien haben sich hier angesiedelt. Jeder Neubau muss im traditionellen Pueblo-Baustil mit Flachdach und Stuckwänden errichtet werden. Das Ergebnis ist ein Stadtbild, das mit keiner anderen Stadt dieser Größe in den USA vergleichbar ist.
Für das Opernfestival muss man sich im heißen Abendwind New Mexicos (der aber auch mal in Regensturm umschlagen kann) nicht sonderlich fein machen. Die Sänger haben ihren eigenen Swimming Pool auf dem weiträumigen Gelände, viele kehren als in den vorbildlichen Nachwuchsprogrammen groß gewordene Wiederholungstäter gern zurück – etwa Joyce DiDonato, Richard Croft, Chris Merritt oder Neil Shicoff. Andere mögen einfach die lässige »Anti-Salzburg-Atmosphäre«, etwa Natalie Dessay, die hier ihre erste Sonnambula, ihre erste und einzige Pamina und ihre erste Traviata gesungen hat.
Die Santa Fe Opera und ihr Chefdirigent Frédéric Chaslin mischen in ihren jeweils fünf Opern, die man in täglich wechselnder Abfolge sehen kann, meist Repertoirehits, Raritäten und Neue Musik. Man kombiniert zudem US-Neulinge, die für europäische Besetzungsscouts den Besuch interessant machen, mit bereits arrivierten amerikanischen Sängern und Berühmtheiten. 2012 gibt es in der »Tosca« die Rückkehr von Thomas Hampson als Scarpia, in den »Perlenfischern« die schöne Nicole Cabell zu sehen. In David Aldens Inszenierung von Rossinis Koloraturkoloss »Maometto II« ist Hampson- Stiefschwiegersohn Luca Pisaroni zu hören, in Karol Szymanowskis Meisterwerk »König Roger« singt der gegenwärtig in der Titelrolle unschlagbare Mariusz Kwiecień, und Sir Andrew Davis dirigiert die neue »Arabella« von Tim Albery. Zudem lassen sich noch Susan Graham & friends an einem Galaabend am 4. August vernehmen. Wenn das zwischen dem 28. Juni und dem 30. August keine Reise nach New Mexico wert ist …


www.santafeopera.org


Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 2 / 2012



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