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Das Osnabrücker Symphonie-Orchester im Iran

Mission Almost Impossible

Das Gastspiel des Osnabrücker Symphonie-Orchesters im Iran wurde nicht nur in den deutschen Medien heiß diskutiert. Klassisch-westliche Musik im Gottesstaat schön und gut – aber dafür gleich Kotau vor dem Mullahregime? Alles Sonntagsreden, meint Stefan Schickhaus, der für RONDO mit auf Tour ging. Das Tagebuch einer ungewöhnlichen Reise.

Eine Konzertreise wie die der Symphoniker aus Osnabrück, auch wenn es die erste dieses Orchesters ist, scheint eigentlich nicht unbedingt ein Tagebuch außerhalb des Nachttisches wert zu sein. Doch diesmal liegt der Fall ein wenig anders. Denn es gibt eine Premiere mitzuerleben: Zum ersten Mal seit der Islamischen Revolution 1979 durfte ein westliches Orchester im Gottesstaat auftreten – was der Reise den Charakter einer Mission verleiht. Impossible, dass alles glatt läuft. Denn man muss wissen: Musik des Abendlandes ist bei Irans Obersten unten durch, seit Ajatollah Khomeini demjenigen, der Musik hört, in der Hölle eine Ladung heißes Blei in den Ohren prophezeit hat. Musik, jedenfalls die des Westens, leiste sexuellen Ausschweifungen Vorschub.

Der Abflug, noch Abendland

Auf dem Monitor beim Check-in läuft eine Werbung für Fernsehgeräte in einem solchen: Dort sieht ein Vater erschreckt auf seinen Bildschirm, wo er seine Tochter inmitten eines ausschweifenden Rockkonzerts erkennt, und sie ist im Begriff, sich ihres T-Shirts zu entledigen. Der Ajatollah hatte also Recht? Im Flugzeug dann zeigt das Bordprogramm traditionelle Trommler, Männer im dunklen Anzug – sexuell ist daran rein gar nichts. Nach der Landung allerdings tönt »Bésame mucho« aus den Lautsprechern der Staatsfluglinie, eigentlich eindeutig unzweideutig. Alle an Bord. Doch die Osnabrücker Orchestermusikerinnen bleiben enthaltsam, zurren vielmehr ihre Kopftücher fest, so wie ihre persischen Geschlechtsgenossinnen. Gerade noch rechtzeitig. In der Sonntagszeitung noch beim Anflug auf Teheran gelesen: Der US-Kongress setzt die Pashdaran, Irans gefürchtete Sittenarmee, auf die Terrorliste. Gut, dass nicht der Osnabrücker Stadtrat sich zu diesem Schritt entschlossen hat. Wir hätten sonst gleich wieder umdrehen können.

1. Tag:

Eine Pressekonferenz im »Ministerium für Kultur und islamische Führung« (Ershad) kündigt das Großereignis an, immerhin das größte interkulturelle Projekt der letzten 30 Jahre, wie Michael Dreyer sagt. Er ist der Leiter des Osnabrücker Morgenlandfestivals, er hat seit einem Jahr an der Orchestereinladung gearbeitet. Und es ist auch die größte Pressekonferenz, die Teheran zu einem Kulturthema je gesehen hat, wie eine der rund 30 anwesenden Journalistinnen mir bestätigt. Sie alle stellen scharfe Fragen, auch an den ministerialen Musikbürochef Mohammed Ahmadi. Der aber gibt keine verbindlichen Antworten. Das sei normal, sagen die Journalistinnen.
Nach der Pressekonferenz wird Dreyer gleich wieder ins Ministerium zitiert, in den ominösen siebten Stock. Er vermutet, er werde dort geschlachtet. Vielleicht weil er auf der Pressekonferenz die Holocaustleugnung des iranischen Präsidenten angesprochen hat? Das Orchester besichtigt währenddessen einen Park mit einem Schah-Palast darin. Eine leichte Aufgabe, möchte man meinen, zumal fünf Dolmetscher, zudem die Reiseleiter und einige freundliche »Begleiter« des Ministeriums mit dabei sind. Doch leicht im Sinne von logistisch und organisatorisch kalkulierbar ist nichts in Teheran. Man steht viel, wartet, bei 40 Grad. Die Kontrabässe, aber das ist bei solch einer Konzertreise zu exotischen Zielen fast schon die Norm, sind am falschen Flughafen gelandet. Abends, auf dem Weg zum Restaurant: Der Taxifahrer ist zu weit gefahren, er stößt rückwärts ein paar 100 Meter zurück. Auf einer vom Stau geplagten sechsspurigen Hauptachse. Lief eigentlich gut, der erste Tag.

2. Tag:

Hören sei schon ein Problem, sagen die Musikerinnen des Orchesters. Die zweite Flöte etwa hört schlecht, was die erste spielt, wenn das Kopftuch davor sei. Im Orchester wurde im Vorfeld auch heiß darüber diskutiert, ob man das Verschleierungsgebot akzeptieren solle (oder zu Hause bleiben, das die Alternative). Man entschied sich für farbige Kopftücher, kleines Zeichen von Individualität. Vertraglich, sagt Dreyer, ist ohnehin festgehalten: An alle islamischen Richtlinien werde man sich halten. Zeitgleich sitzt in Deutschland Henryk M. Broder am kühlen Schreibtisch und übergießt die Musiker aus genau diesem Grund mit Häme. Wegen Kotau vor Terrorregime und so. Der Mann hat Vorstellungen!
Während die Musiker bei der ersten Probe vor Ort (und mit einigen Mitgliedern des Teheran Symphony Orchestra in ihren Reihen, schließlich geht es um kulturellen Austausch) den richtigen Ton für Beethoven und Brahms suchen, gehe ich auf die Suche nach den gleichen Protagonisten auf Teherans Straßen. Die Idee, Klassik-CDs könnte es auf dem Basar geben, ist verlockend, führt aber zu nichts – »Scheherazade« inmitten von Gewürzen und Teppichen, das wäre zu schön. Doch bei uns liegt ja die »Tafelmusik« auch nicht zwischen Wurst und Salat. Also ins Spezialgeschäft: Erstes Haus am Platz ist das »Beethoven Music Center«, 1953 gegründet. Karajan und Andreas Scholl stehen hier Seit an Seit, wenn auch nur als ordentlich gemachte Raubkopie. Über allem thront Beethovens Büste, direkt neben ihm der Fernseher. Präsident Ahmadinedschad hat kurzfristig zur Pressekonferenz geladen, eine dann doch deutlich größere als die kulturpolitische vom Vortag. Doch irgendwie politisch ist ja alles im Iran. Die Beethovenverkäufer schauen gar nicht hin, und um was es geht, wissen sie auch nicht. Ja, dass ein deutsches Orchester hier auftreten wird, das allerdings wissen sie wohl.
Abends Empfang in der deutschen Botschaft. Die Osnabrücker Musikerinnen sind diesmal kopftuchfrei, man kammermusiziert unter freiem Himmel, regelrecht idyllisch. Doch besonders gut ist die Stimmung nicht. Denn keiner von den Kollegen des Teheran Symphony Orchestra, die schließlich 2006 in Osnabrück zu Gast waren, ist gekommen. Nichts wird es mit dem unüberwachten geselligen Miteinander von deutschen und iranischen Instrumentalisten, Austausch, interkulturell. Gerüchte gehen um. Wurde ihnen von oben verboten zu erscheinen? Man erzählt sich die Geschichte eines TSO-Musikers, der vor einiger Zeit auf der Straße verprügelt wurde, nachdem er einer Einladung der britischen Botschaft gefolgt war. Nadar Mashayekhi, Komponist und Dirigent des Teheraner Orchesters dagegen gibt zu bedenken: Seine Musiker wären nicht ganz frei von Faulheit. Und dass der eine oder andere zu den Proben oder eben zu einem anderen Fixtermin nicht erscheint, ist ein Manko, mit dem er sich regelmäßig herumzuplagen hat. Aber dass gleich überhaupt keiner kommt? Für den Tag nach dem Konzert sind Workshops geplant, die Deutschen wollen den eigenen Klang ihren persischen Orchesterfreunden vermitteln. Für Violine und Cello liegt noch keine einzige Anmeldung vor. Wollen sie nicht, dürfen sie nicht?

3. Tag: Der Tag des Konzerts

Geht gut los: Der Saal, in dem die Generalprobe stattfinden sollte, ist plötzlich anderweitig vergeben. Ein neuer Stein auf dem ohnehin nicht eben holperfreien Weg zum ersten Konzert des ersten Westorchesters im Iran, auf dem fehlende Kontrabässe nur mehr ein belächeltes Problemchen darstellen. Die Behörden hatten bereits im Vorfeld das geplante Programm nicht genehmigt, eine Sinfonie des wohl wegen seiner Modernität ziemlich in Ungnade gefallenen Nader Mashayekhi musste gestrichen werden. Mashayekhi, der 28 Jahre in Wien lebte und dort eine feste Größe der Neuen Musik ist, hatte 2006 die Leitung des Teheran Symphony Orchestra übernommen. Ob er das Sinfonienverbot persönlich nehme? Empfindlichkeiten, sagt er, könne er sich hier nicht leisten. Eine »Schinken-Sinfonie« wäre wohl durchgegangen, nicht aber sein neues Werk. »Ich bin modern, und ich bin froh darüber.« Das Ershad-Ministerium aber ist es spürbar nicht.
Und was ist, wenn Präsident Ahmadinedschad plötzlich zum Konzert erschiene? Das Orchester jedenfalls, das alle Politik heraushalten möchte aus dieser Reise und deswegen auch eine Reihe von Bundestagsabgeordneten explizit nicht zur Begleitung dabei haben wollte, wird dann nicht auftreten. Michael Dreyer, angenehm wenig konfliktscheu, hat dies einem BBC-Reporter ins Mikrofon verraten, der Text stand postwendend im Internet. Mal sehen, ob sich das auswirkt. Es bleibt spannend.
Spitzt sich die Lage zu, so wenige Stunden vor dem Auftritt? Oder warum haben alle Deutschen plötzlich keinen Handyempfang mehr? Einer unserer Dolmetscher erscheint mit Krawatte. Als er für das Fernsehen übersetzen muss, nimmt er sie ab. Die Iraner bewegen sich eben mit enormer Behändigkeit durch den Dschungel der unausgesprochenen Gesetze der Islamischen Republik.
Dann das Konzert, im Saal Talar Vehdat inmitten des Ministeriums. Erleichterung: Ganz normale Menschen erscheinen mit Eintrittskarten in der Hand. Das T-Shirt reißt sich allerdings niemand vom Leib. Dafür sehe ich Hände, die Brahms mitdirigieren, der »Ungarische Tanz« als Zugabe wird freudig begrüßt wie ein alter Bekannter. Beethovens Leonoren-Ouvertüre, meint eine Dame, sei nicht so ihr Fall gewesen. Elgars Cellokonzert umso mehr, denn das würde so richtig schön persisch klingen.

Rückflug:

Eine Pressemeldung fällt mir ein, erst ein paar Wochen alt: Nordkorea hat die New Yorker Philharmoniker eingeladen. Hört sich irgendwie harmlos an.

Rondo Autor, RONDO Ausgabe 5 / 2007



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