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Premierenabo

Barcelona – Mailand – Paris – Florenz – Melbourne heißen unsere Opernstationen dieses Mal. Und wie man gleich auf dem ersten unserer DVD- bzw. BluRay-Mitschnitte feststellen kann, hätte sich im Juli 2010 ein Abstecher in die katalanische Hauptstadt gelohnt, um bei einer der Aufführungen von Mozarts »Die Entführung aus dem Serail« im Gran Teatre del Liceu live dabei zu sein. Regisseur Christof Loy zeigt Konstanze und Blondchen durchaus unsicher, ob ihre Entführer nicht vielleicht doch die bessere Wahl wären. Musikalisch ist das einer der seltenen Glücksfälle, wo tatsächlich jede Partie hervorragend besetzt ist, auch wenn die Palme den beiden Damen gebührt. Diana Damraus Stimme ist runder und voller geworden, sie erweist sich einmal mehr als durchschlagskräftig in der Höhe, souverän in den Koloraturen und enorm differenziert in Phrasierung und vokaler Ausgestaltung. Ihre zweite Arie singt sie mit berührender Innigkeit, die Martern-Arie mit dramatischem Nachdruck. Dass Olga Peretyatko eine tolle Sängerin ist, weiß seit ihrem Debüt-Recital im vergangenen Sommer hoffentlich jeder. Auch hier ist sie stimmlich wie darstellerisch prächtig. Doch wie schon erwähnt lässt sich auch über die Herren nur Gutes sagen: Christoph Strehl kommt selbst mit der anstrengenden Baumeister-Arie bestens zurecht, Norbert Ernst bewältigt die gefürchteten Pedrillo-Höhen bravourös und Franz-Josef Seligs Osmin bleibt bei aller Sonorität stets geschmeidig. Dazu steht mit Ivor Bolton ein verlässlicher Dirigent am Pult. (C Major/Naxos 709204)

Eine weitere Mozart-Oper stand im März vergangenen Jahres an der Mailänder Scala auf dem Spielplan. Auch wenn das vokale Niveau durchaus ansprechend ist, fragt man sich doch, ob das schon ausreicht, um »Die Zauberflöte« in der weitgehend mit Film und Projektion arbeitenden Inszenierung von William Kentridge auf DVD festzuhalten. Saimir Pirgu besitzt einen wohlklingenden lyrischen Tenor, arbeitet aber immer wieder mal mit zu viel Druck. Alex Esposito ist ein solider Papageno, sprich guter Durchschnitt, mit seinem fantastischen Leporello darf man seine Leistung hier nicht vergleichen – obwohl das zum Teil gewiss auch an der Sprache liegt. Sonst ein sehr guter Bass, präsentiert sich Günther Groissböck als Sarastro in ›nur’ guter Form mit gelegentlichen Stimmschwankungen, auch ist der Österreicher kein echter »Profondo«, weshalb diese Partie ohnehin nicht ideal für ihn ist. Wunderbar ruhig führt Genia Kühmeier ihren Sopran sicher durch die schwere Pamina-Arie. Eine beeindruckende Königin der Nacht mit Tophöhe und Biss gibt Albina Shagimuratova, die in der zweiten Arie auch zur nötigen Dramatik fähig ist. Roland Böer spiegelt als musikalischer Leiter das Gesamtniveau des Abends wieder: gut und solide, aber keineswegs außergewöhnlich. (Opus Arte/Naxos OABD7099D)

Im Herbst 2003 war in Paris und Brüssel eine konzertante Version von Vivaldis »Orlando furioso« zu hören, die im Jahr darauf auch auf CD aufgenommen wurde und zu Recht große Beachtung fand. Acht Jahre danach hat sich das Théâtre des Champs-Élysées zu einer szenischen Produktion entschieden, für die weitgehend auf die frühere Crew zurückgegriffen werden konnte. Neben dem energiegeladenen, bei manchen Tempi allerdings fast schon hyperaktiv daherkommenden Jean-Christophe Spinosi und seinem Ensemble Matheus stehen in vier Hauptpartien dieselben Sänger auf der Bühne. Marie- Nicole Lemieux liefert die Titelpartie mit Aplomb und ungeheurer Geläufigkeit ab, eine satte, resonanzreiche Tiefe verbindet sich bei ihr mit fulminanten Spitzentönen. Philippe Jaroussky (Ruggiero) singt heute noch berückender und souveräner als 2003. Auch Verónica Cangemis Angelica ist so gut wie nicht gealtert. Nur Jennifer Larmore als Alcina kann nicht verheimlichen, dass ihre Stimme spröder geworden ist, auch wenn sie sie nach wie vor gut im Griff hat. Die Inszenierung von Pierre Audi ist nicht übermäßig einfallsreich, stört aber auch nicht weiter. (naïve/Indigo 964658)

»Nicht übermäßig einfallsreich« ist als Prädikat für die »Aida« von Filmregisseur Ferzan Ozpetek noch maßlos untertrieben. Der in Italien lebende Türke enttäuscht mit dieser für den Maggio Musicale Fiorentino 2011 entstandenen Inszenierung à la Arena di Verona sehr, von einem in seinem üblichen Metier so bildstarken Künstler hätte man deutlich mehr erwartet. Die stärkste Leistung des Abends kommt von Luciana D’Intino als Amneris, die Rolle ist so etwas wie ihre Visitenkarte geworden und das hört man vom ersten bis zum letzten Ton, da ist alles so, wie es sein soll. Hui He als Aida besitzt mit ihren tragfähigen Piani, der verlässlichen Höhe und dem nötigen Anteil Dramatik eine Menge Verdi-Tugenden, leider ist sie aber nicht besonders intonationssauber. Der Radamès von Marco Berti schließlich ist genauso klischeehaft wie die Inszenierung: ein kleiner, dicker Italiener mit kräftiger, dabei sehr sicherer Stimme, der sich vorne an der Rampe am wohlsten fühlt. (Arthaus/Naxos 108 040)

Als letztes ein Sprung auf den fünften Kontinent, zur leichteren Muse. Die Operetten von Gilbert und Sullivan sind hierzulande leider immer noch viel zu wenig bekannt, dabei sind es enorm bühnenwirksame, stets leicht überdrehte Werke voll schmissiger Melodien – fast schon Selbstläufer, wenn man sich nicht allzu dumm anstellt. Und das hat die Opera Australia bei der im Mai 2011 in Melbourne mitgeschnittenen Produktion von »The Mikado« ganz gewiss nicht getan. Bei G&S-Operetten hängt der Erfolg immer vom gesamten Ensemble ab, weshalb es eigentlich unfair ist, einzelne Künstler herauszustellen, in diesem Fall aber muss man zumindest den wunderbaren Mitchell Butel als Ko-Ko nennen. Vielleicht besinnen sich ja neben dem Münchner Gärtnerplatz-Theater (ein Wiederholungstäter!) bald auch andere deutsche Häuser auf die unzweifelhaften Qualitäten dieser britischen Köstlichkeiten. (Opera Australia/ Naxos OPOZ 56015 BD)

Michael Blümke, RONDO Ausgabe 2 / 2012



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