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Rafał Blechacz

»Ich gehe ganz naiv heran«

Wie unverbildet darf man als Klassikjungstar sein? Oder ist das gerade das Geheimnis seines Spiels? Rafał Blechacz (22), Klavierküken und jüngster Gewinner beim Warschauer Chopin-Wettbewerb, soll der neue Star der Deutschen Grammophon werden. Er hat, wie er im Gespräch mit Robert Fraunholzer gestand, noch nie einen großen Pianisten live gehört.

RONDO: Herr Blechacz, Sie sind 22 Jahre alt. Wie viele Konzerte haben Sie denn schon im Programm?

Rafał Blechacz: Ich spiele beide Chopinkonzerte und das 2. Klavierkonzert von Saint-Saëns. Beethovens Nr. 4 spiele ich neu, auch Bachs A-Dur- Konzert kann ich anbieten. Und dann noch fünf Konzerte von Mozart und die beiden von Liszt.

RONDO: Kennen Sie sich schon gut bei Chopininterpretationen aus?

Blechacz: Es gibt eine polnische Chopintradition, aber selbst die kenne ich nur unzureichend. Ich besitze CDs von Rubinstein und Paderewski. Ich kenne auch Horowitz. Ich glaube, der größte Gegensatz besteht zwischen mir und den Chinesen Lang Lang und Yundi Li. Sie behandeln das Tempo rubato ganz anders als ich. In meinem Fall ist das Chopinspiel ein natürlicher Vorgang. Ich gehe da ganz naiv heran.

RONDO: Ihr Landsmann Krystian Zimerman hat Polen vor langer Zeit verlassen. Auch Piotr Anderszewski hat mir einmal gesagt: »Ich habe mit Polen nichts zu tun.« Sie bleiben in Ihrem Land?

Blechacz: Krystian Zimerman war immer mein Lieblingspianist und ein großes Vorbild, obwohl ich ihn nie im Konzert erlebt habe. Er schrieb mir einen Brief, nachdem ich den Chopin-Wettbewerb gewonnen hatte, und das war sehr hilfreich. Kürzlich haben wir eine Woche lang zusammengearbeitet. Polen zu verlassen, hat er mir nicht geraten. Allerdings hat man als Musiker in München, London oder Paris so viel mehr Möglichkeiten. Ich persönlich brauche die Stille und Abgeschiedenheit meiner kleinen Heimatstadt. Ich liebe es, in den Bergen herumzulaufen – wofür ich allerdings weite Reisen unternehmen muss, da es bei uns zuhause flach ist.

RONDO: Wie sieht Ihr Leben in Nakel (Naklo nad Notecia) aus?

Blechacz: Es ist eine sehr kleine Stadt mit 20.000 Einwohnern. Ich lebe mit meinen Eltern und meiner Schwester. Es gibt und Ruhe und Konzentration im Überfluss. Nicht einmal einen Konzertsaal haben wir. Mein Studium fand in Bydgoszcz, dem nächstgrößeren Ort statt. Nachdem ich den Wettbewerb gewonnen hatte, musste ich so viel neues Repertoire lernen, dass mir für Ablenkungen ohnehin keine Zeit bleibt.

RONDO: Hat der Chopin-Wettbewerb Ihr Leben umgeworfen?

Blechacz: Das kann man sagen. Ich bin mir fast selbst dabei abhanden gekommen. Interviews, Konzerte, Reisen! Es war nicht leicht für mich. Denn ich hatte keine Ahnung, welche Angebote seriös oder gar wichtig sein könnten. Ist die »Deutsche Grammophon« eine gute Firma? Ich wusste das nicht. Jetzt habe ich überall wunderbare Agenturen, die alles für mich sondieren. Ich kann mich auf Konzertprogramme und auf die eine CD beschränken, die ich pro Jahr machen soll.

RONDO: Haben Sie jemals Pianisten live im Konzert erlebt?

Blechacz: Nein. Ich habe mit Christoph Eschenbach und Mikhail Pletnev zusammen konzertiert. Aber beide haben dirigiert. In Warschau habe ich mal ein Konzert mit dem Cellisten Mischa Maisky erlebt. Ich vermisse es aber auch nicht. Beim Chopin-Wettbewerb war es geradezu meine Strategie, nicht links und rechts zu schauen, sondern mich ganz auf mich selbst zu verlassen. Es ist aufgegangen.

RONDO: War das Ihre eigene Idee?

Blechacz: Ja, meine Lehrerin Katarzyna Popowa-Zydron hat mir darin zugestimmt. Sie war schon 1975 mit dabei, als Krystian Zimerman den Chopin-Wettbewerb gewann. Sie war mein Ohr für den Rest der Welt.

RONDO: Das bedeutet, dass Sie grundsätzlich in Konzertsälen auftreten, die sie nicht einmal als Besucher kennen.

Blechacz: Ich kann es nicht ändern.

RONDO: Glauben Sie, dass Sie mit dieser Strategie fortfahren können?

Blechacz: Mir kommt es darauf an, meine eigene Interpretation zu finden. Dafür würde ich jede Strategie akzeptieren, die erfolgreich ist.

RONDO: Welcher Komponist bringt Sie ins Schwitzen?

Blechacz: Schumann, doch genau dafür mag ich ihn. Was mir nicht liegt, ist moderne Musik: Lutosławski, Penderecki, sogar vieles von Szymanowski. Im Augenblick führt mich mein Weg in die entgegengesetzte Richtung, zu Mozart, Haydn und Bach.

RONDO: Haben Ihre DG-Kollegen Hélène Grimaud und Lang Lang ein anderes Zielpublikum als Sie?

Blechacz: Wir spielen für dasselbe, vermutlich sogar eher junge Publikum. Ich habe immer davon geträumt, in der ganzen Welt aufzutreten. Dass meine CDs in Japan und Amerika in den Geschäften liegen werden, macht mich unsagbar froh. Besonders in Japan habe ich eine große Fangemeinde. Sie sind verrückt nach Chopin.

RONDO: Haben Sie trotz des vielen Übens etwas von Ihrer Kindheit gemerkt?

Blechacz: Ich musste tatsächlich viel üben. Darüber hinaus habe ich hobbymäßig in der Kirche Orgel gespielt. Das ist bis heute so. Ich bin religiös erzogen und habe eine Vorliebe für Bach. Ich gebe maximal 40 Konzerte pro Jahr, so dass genug Zeit dafür übrig bleibt.

RONDO: Was machen Sie, um abzuschalten?

Blechacz: Musik hören. Orgel spielen. Und Auto fahren. Ich habe ein neues Auto gekauft und bin auch im Auto nach Berlin gefahren. Allerdings saß mein Vater am Steuer, bei den schlechten Straßenverhältnissen in Polen habe ich nicht viel verpasst. Ich würde auch gerne Dostojewski und Leszek Kolakowski lesen, aber schon dafür reicht meine Zeit nicht.

RONDO: Haben Sie eine Freundin?

Blechacz: In Japan mehrere. In jeder Stadt eine.

RONDO: Welche Musik würden Sie nie spielen?

Blechacz: Kammermusik. Vielleicht später einmal, aber im Augenblick muss ich Solorepertoire und Konzerte vorbereiten. Auch Brahms ist zu ernst und zu schwer für mich. Rachmaninow ist noch sehr weit weg.

RONDO: Haben Sie einen Begriff davon, was das spezifisch Polnische an Ihnen ist?

Blechacz: Die Polen sind sehr melancholisch. Und auch ich finde das eine schöne Emotion. Wir sind ständig besessen vom schlechten Wetter, von unserer Gesundheit und anderen Dingen, die sich nicht ändern lassen. Da ich von Musik besessen bin, bin ich womöglich sogar ein melancholischer Musiker. Nur komisch: Ich bin eigentlich ziemlich glücklich dabei.

Biografie:

Rafał Blechacz, geboren am 30. Juni 1985 in Nakel, ist der erste polnische Chopinpreisträger seit 30 Jahren (seit dem Sieg Krystian Zimermans). Er hatte zuvor einen Klavierwettbewerb in Rabat (Marokko) gewonnen sowie in Hamamatsu und beim Rubinsteinwettbewerb jeweils den 2. Platz belegt. Die Idiomatik von Blechacz’ Spiel war in den Augen der Warschauer Jury immerhin so überzeugend, dass hinter ihm kein 2. Preis verliehen wurde.

Neu erschienen:

Frédéric Chopin

Sämtliche Préludes

Rafał Blechacz

DG/Universal


Warschauer Pakt: Der Chopin-Wettbewerb

Fast als Geheimzentrale der internationalen Klavierkultur erscheint der Warschauer Chopin-Wettbewerb. Hinter dem kryptischen Titel »Konkurs Pianistyczny im. Fryderyke Chopina« verbirgt sich ein Klaviersalon, wie er edler kaum sein könnte. Sowohl Maurizio Pollini wie Martha Argerich, Krystian Zimerman, Stanislav Bunin und Yundi Li gingen als Sieger aus dem seit 1927 stattfindenden Preisspielen hervor. Namen, aus denen nichts geworden ist, bilden die Minderzahl.
Das liegt an der berüchtigten, zum Teil undurchsichtigen Strenge bei der Preisvergabe durch eine 19-köpfige Jury. Ihr gehörten Hohepriester der Zunft wie Nadia Boulanger, Wilhelm Backhaus und Arthur Rubinstein an. Gesucht wird alle fünf Jahre nach einem neuen Chopinwunder. Das hält jung und hat einen Konkurrenzkampf unter den Teilnehmern angestachelt, dessen Ergebnisse noch Jahrzehnte später die Klatsch- und Tratschfunken sprühen lassen.
So schaffte es Mitsuko Uchida im Jahr 1970 nur auf den 2. Rang – hinter Garrick Ohlsson (der an diesen Erfolg später kaum anknüpfen konnte). Bei Gabriela Montero reichte es 1995 nur bis zum 3. Platz. Skandale und Randale gehörten dagegen regelmäßig zur Warschauer Wettbewerbs-Mazurka – auch 2005, als der Jury indirekt Vetternwirtschaft vorgeworfen wurde. Bekanntlich verließ Martha Argerich 1980 feuerspeiend die Jury, weil ihr Favorit Ivo Pogorelich das Finale verfehlt hatte. Sie war die erste nicht. Ein Wutanfall von Jurymitglied Arturo Benedetti Michelangeli machte 1955 seine Parteinahme für Vladimir Ashkenazy öffentlich, nachdem dieser auf Platz 2 (hinter Adam Harasiewicz) verwiesen wurde.
Der 1. Preis wurde nach dem Kriege nur neun Mal vergeben. Über die Bewerber zwischen 18 und 29 wird per Handzeichen geurteilt. 350 Pianisten, mehr denn je zuvor, bewarben sich 2005 beim 16. Chopin-Wettbewerb darum, dem Gewinner winkten 25.000 $. Gespielt werden durften wie immer nur Werke eines einzigen Komponisten: Frédéric Chopin.


Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 5 / 2007



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