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Fanfare

Wir müssen diesmal mit einem Geständnis beginnen. Sonst versteht ja wieder keiner, warum wir das gemacht haben, also nach Rom zu pilgern wie einst Tannhäuser. Also, rücken wir mit der Sprache heraus und bekennen freimütig, auch in diesen gottlosen Zeiten vorbehaltlos ein Katholik zu sein und ein Anhänger des Katholizismus mit all seinen Stärken und Schwächen. Zu den Schwächen, wir wollen es nicht verhehlen, zählt so manche hintertupfingerische Ansicht, aber zu den Stärken zählt eben die Gabe, das Andere zu ermöglichen. Das Andere war diesmal ein Konzert im Vatikan, genauer: in der großen Audienzhalle „Aula Paolo VI.“. Gegeben hat es das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks und ermöglicht hat es der Papst selbst. Der Stellvertreter Gottes auf Erden sehnte sich nach gleichsam göttlicher Musik, und also kam sie, die Musik. Auf besonderen Wunsch von Benedikt XVI. sang der Chor des Bayerischen Rundfunks die Motette „Tu es Petrus“ von Pales-trina. Ein herrliches Stück. Herrlich war dann auch die Neunte von Beethoven. Tolle Solisten, toller Chor, tolles Orchester. Nur der arme Chefdirigent, der musste bluten. Und das wortwörtlich: Mitten in der Aufführung riss ihm mitten im Gesicht eine Rasierwunde wieder auf. Doch einen Mariss Jansons haut nichts um. Er brachte die heilige Sache blutend zu Ende. Welch immense Geste!
Wir kamen von München, man ist schnell in Rom von dort. Auch in München gab es immense Gesten. Nämlich in der Inszenierung von Alfred Kirchner, der sich im Gärtnerplatztheater, in dem seit dieser Spielzeit Ulrich Peters die Feder führt, Mozarts Oper „Le nozze di Figaro“ angenommen hatte. Ein Teufelsstück, einfach deswegen, weil keiner da war bis dato, der einem zu sagen vermochte, ist’s eine tragische Komödie oder eine komödiantische Tragödie, oder gar beides. Kirchner entschied sich für den güldnen dritten Weg. Es ist ein Drama, sprach er. Und brachte es als solches auf die Bühne.
Es war dies nun nicht das einzige Glück, welches wir mit München hatten. Die Wiener waren da, unter Daniele Gatti, mit Beethovens „Pastorale“ und mit Brahmsens Erster, und beides klang so vollendet, dass man dem Himmel danken mochte. Gleiches dann tags darauf, da folgten auf die Wiener die Männer aus Chicago, mit Riccardo Muti am Pult. Das Programm ein ganz und gar gegensätzliches: Prokofjew, de Falla, Ravel, aber von höchster Klangkultur auch dies.
Spricht jemand von Klang und Kultur, dann sind wir rasch bei Pierre Boulez. Ein echter Ästhet, außerdem ein freundlicher Mann, wir können es bezeugen. Und ungebrochen vital. Bewiesen hat er es wieder einmal mit zwei Konzerten. Eines war in New York, wo wir zufällig zu Besuch waren. Wir also hinein in den Saal, zum Glück, denn es wurde erneut ein wundervoller Abend mit dem Lucerne Festival Orchestra und Mahlers naturhaft-göttlicher dritter Sinfonie. Von Jetlag keine Spur (jedenfalls nicht bei Boulez). Und das, obschon dieser unglaubliche Mensch, der nie älter zu werden scheint, Tage zuvor in Frankfurt das Ensemble Modern Orchestra geleitet hatte, mit Werken von ihm selbst, Varèse, Pintscher, André und Poppe. Beglückend präzis und ausgefeilt all das. Und das gilt auch, mit ganz kleinen Einschränkungen, für den Frankfurter „Don Carlo“. Den gab’s zur Eröffnung der Spielzeit, David McVicar inszenierte ihn, Carlo Franci dirigierte. Als der Vorhang fiel, fiel es uns wie Schuppen von den Augen. Verdi hat, bis auf den „Falstaff“ und abgesehen von den frühen Stücken, immer nur eine Oper komponiert: „Die Macht des Schicksals“. Darum ging es an diesem kalten Abend, darum geht es immer. Und deswegen ist es gut, zu glauben, zu lieben und zu hoffen. Amen!
Bis zum nächsten Mal,
Ihr Tom Persich

Tom Persich, RONDO Ausgabe 6 / 2007



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