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Die Komische Oper Berlin

Man singt deutsch!

Die Wiege des Regietheaters steht in Berlin: Die Komische Oper, soeben (zusammen mit Bremen) zum »Opernhaus des Jahres« gewählt, feiert in diesem Jahr ihr 60. Jubiläum. Der Ruhm ihres Gründers Walter Felsenstein lastet auf dem Haus bis heute. Was ist das Komische an der Komischen Oper? Eine Theatergeschichte von Robert Fraunholzer in sechs Rätseln.

1. »Komische« Oper. – Den Namen, gebildet nach dem Modell der Pariser »Opéra comique«, könnte man – rückblickend – für Hohn und Spott halten. Sind nicht alle Opern irgendwie »komisch«? Wo die Menschen reden, wird hier, als sei es selbstverständlich, durchgesungen. Merkwürdiger ist, dass sich Walter Felsensteins 1947 gegründetes Haus niemals auf komische Opern (im Wortsinne) spezialisierte. Man spielte genauso gern »Otello«, »Tosca« oder Matthus’ mörderische »Judith«. Und wollte durchaus nicht komisch, sondern »wahrhaftig« sein. Was ist das Komischste an der Komischen Oper? Antwort: Ihr Name.

2. »Opernhaus des Jahres«. – Zu ihrem 60-jährigen Bestehen, einem krummen Jubiläum eigentlich, wurde die Komische Oper von Kritikern der Zeitschrift »Opernwelt« zum Musiktheater des Jahres gewählt. Tatsächlich: Wenn in den letzten Jahren ein Berliner Theater (sagen wir’s berlinerisch) den Hintern hoch bekommen hat, so ist das die Komische Oper. Geschenkt, dass die Auszeichnung in einem Jahr erfolgt, das eher durchschnittlich verlief. Man würdigt, dass ein Opernhaus, das nach der Wende (und dem zu langen Ende der Ära von Harry Kupfer) seine Krise durchlebte, wieder Anschluss an die Gegenwart hat. 60 Jahre, ein Rentnerjahr. Doch da geht es für einige bekanntlich ja erst richtig los.

3. Quell des Regietheaters. – »Ich mag den Felsenstein nicht«: Dies starke Wort (über sich selbst) ist von Regisseur Walter F. überliefert. Er, der den modernen Opernregisseur erfand, verachtete alle Regisseure und schrieb seine eigene, diesbezügliche Karriere einem Komplott zu. Sein Credo: »Ich fordere von dem geglückten Theater, dass eine Kritik im Augenblick der Darstellung gar nicht möglich ist.« Darin war der Österreicher ein Antipode Brechts – und machte den Ereignischarakter allen Theaters obligat. Auch vom »Regietheater«, einem kaum aussagefähigen Begriff, ist heute nur eines klar: dass es von Felsensteins Arbeit und seinen Schülern (Götz Friedrich, Joachim Herz und Harry Kupfer) ausging. Die Komische Oper ist die Geburtstätte eines Kindes, von dem man nur weiß, wie es heißt. Und das von allen gern adoptiert wurde.

4. »Man spricht Deutsch.« – Eben so klingt es zuweilen auch. Die alte Stadttheater-Tradition, Opern auf Deutsch zu singen, war im Gründungsjahr 1947 keine Errungenschaft, sondern schlichte Selbstverständlichkeit an deutschen Bühnen. Heute ist die Komische Oper das letzte Weltklassehaus, das die Landessprache zum Dogma erhebt. Auch eines der letzten, das sich die Kosten für eine Übertitelungsanlage spart. Die Folge: Da auch hier internationale Kräfte singen, ist die Komische Oper, wenn wir ehrlich sind, auch das letzte Haus, in dem man den Text oftmals nicht versteht. Ein liebenswerter Fehler? Ein Paradox.

5. Alles muss raus. – Im Kräftespiel der drei berüchtigten Berliner Opern war »die Komische« immer sakrosankt – kaum je von Abwicklungsspekulationen bedroht. Weil die Auslastung zuweilen auf unter 60 Prozent sank, fährt man heute einen möglichst risikofreien Kurs. Und hat Erfolg vor allem mit Neuinszenierungen (Neuenfels’ »Zauberflöte«, Homokis »Rosenkavalier«). Nicht so sehr mit dem reichhaltigen Repertoire, auf das man stolz ist. So reüssiert die Komische Oper heute mit dem Abspielen ihrer Produktionen en suite: mit einem geheimen Stagionebetrieb. Lebt das Haus etwa eine Zukunft vor, gegen die es sich selbst noch sträubt? Die Komische Oper ist ihrem eigenen Selbstverständnis gefährlich voraus.

6. Saitensprünge. – Über die Leiter Joachim Herz (1976-1981) und Harry Kupfer (1981-2001) bis zu Andreas Homoki (seit 2002) wurde die Komische Oper zum heute einzig dramaturgisch denkenden Opernhaus in Deutschland, das über ein unverwechselbar wiedererkennbares Profil verfügt: Ihre Inszenierungen, egal ob von Willy Decker, Barrie Kosky oder Calixto Bieito, erkennt man auf Anhieb. Am Spielgeist seines Ensembles (und des vorzüglichen Chors). An Drehbühnen- und Lichteffekten. Und am agilsten, in seiner Begeisterungsfähigkeit am wenigsten zu bremsenden Orchester von Berlin (dank Kirill Petrenko!). Sein erhabenstes Paradox: Nie stand es so stark da wie in seiner größten, kritischsten Umbruchphase. Glückwunsch für einen Traditionstempel, der sich neu findet – und nie bei sich selbst stehen geblieben ist.

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 6 / 2007



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