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Hörtest:

Gioacchino Rossini »La Cenerentola«

Rossini hat mit seiner Musik sogar diejenigen für sich eingenommen, die ihn gar nicht gut finden wollten – wie Carl Maria von Weber, der einmal beim vorzeitigen Verlassen einer »Cenerentola«-Aufführung gemurmelt haben soll: »Ich gehe besser, ich fange an, das Zeug gern zu haben.« Welche CD-Einspielungen dieses Werkes man gern haben kann, verrät uns Michael Blümke.

Mit der Titelpartie steht und fällt jede Aufführung und Aufnahme der »Cenerentola «, weshalb wir uns in diesem Hörtest aus Platzgründen auf die Interpretinnen der Angelina konzentrieren und en passant auch auf ihre Prinzen eingehen.
Conchita Supervía machte ihr Publikum bereits in den 1920er Jahren mit den drei heute populärsten Buffa-Opern Rossinis (»Barbier«, »Italienerin«, »Cenerentola «) vertraut. Sie zeigte, dass die weiblichen Hauptpartien in ihrer ursprünglichen Notierung für tiefe Frauenstimme gesungen werden sollten (und dadurch keinesfalls an Leichtigkeit einbüßen). Die Spanierin mit dem schnellen Vibrato wurde damit zu einer Vorläuferin der Rossini-Renaissance. Ansonsten waren seine Werke nämlich bereits seit den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts quasi inexistent, sieht man einmal vom »Barbier« ab, dessen Protagonistin Rosina aber fest in Sopranhänden war, Typ Zwitschervögelchen – also keineswegs so erfrischend selbstbewusst und bodenständig wie Conchita Supervía. Ein Jammer, dass es von ihr nur einzelne Ausschnitte auf CD gibt.
Denn es sollte noch ein Vierteljahrhundert dauern, bis 1951 die erste Gesamtaufnahme der »Cenerentola« entstand, kurioserweise in Moskau und in russischer Sprache. Zara Dolukhanowa fiel die Ehre zu, die allererste Angelina – und noch im selben Jahr auch die erste »Italienerin« – auf Tonträgern zu sein. Unnötigerweise hellt sie ihre Stimme auf, verpasst der Partie aber auch einen kleinen Schuss russischer Melancholie, der dieser sehr gut bekommt. In der Schlussszene hat die eigentlich versierte Sängerin dann doch zu kämpfen. Anatoli Orfenows Prinz sollte eher Radames als Ramiro heißen. Der Tenor muss einiges ›begradigen‹ und ›einebnen‹, um durch seine Partie zu kommen. Allerdings war damals so etwas wie Spezialisierung – nicht nur in der Sowjetunion – eher unüblich. Das ist eine Entwicklung späterer Jahrzehnte.
Es war nach Conchita Supervía eine weitere Spanierin, die maßgeblich an der Re-Popularisierung Rossinis beteiligt war. Teresa Berganza debütierte 1958 als Cenerentola (auf einem Mitschnitt festgehalten) und nahm sie 13 Jahre später an der Seite von Claudio Abbado auch im Studio auf: mit wunderbar ebenmäßiger Linienführung, Eleganz und natürlichem Ausdruck – kein Wunder, dass es ihr schon früh gelang, die Opernfans für Rossini zu begeistern. Die im vorletzten Jahr eine Woche vor ihrem 100. Geburtstag verstorbene Giulietta Simionato hatte wie Supervía alle drei großen Buffa-Heldinnen in ihrem Repertoire, sie war so etwas wie eine Allround-Sängerin und in dieser Form die einzige große Mezzosopranistin ihrer Zeit, die neben dramatischen Verdi-Partien mit ihrer üppigen Stimme auch verzierten Gesang bewältigte. Ihr Partner Ugo Benelli war quasi der erste Tenor, der solche Partien nicht wie seine älteren Kollegen Nicola Monti (bei Berganzas Debüt) und Cesare Valletti (bei Simionatos frühem RAI-Mitschnitt) als reiner ›tenore di grazia‹ weich und mitunter etwas säuselnd dargeboten hat, sondern seinen lyrischen Tenor auch durchaus beherzt eingesetzt hat.
20, 30 Jahre später, also zu Beginn der 80er Jahre, hatte sich das Stimmfach Koloraturalt bereits etabliert. Diese ›zweite‹ Generation repräsentiert Lucia Valentini Terrani, die mit ihrem sinnlich vibrierenden, satt getönten Alt in der zweiten Hälfte der 70er Jahre quasi die Nachfolge von Teresa Berganza im Rossini-Fach antrat. Was die beiden verbindet, ist die Mühelosigkeit: Bei ihnen merkt man gar nicht, wie schwer manche Passagen eigentlich sind. Als Ramiro ist in dieser Einspielung Francisco Araiza zu hören, der die Partie damals an allen großen Bühnen (und hier noch ohne die spätere Verengung in der Höhe) gesungen hat; er ist auch in der legendären Ponnelle-Inszenierung auf DVD verewigt.
Eine echte Charmeoffensive als Cenerentola ist Cecilia Bartoli. 1992 hat sie noch wunderbar unverkrampft gesungen, in ihrer eigentlichen Stimmlage, mit selbstverständlicher Virtuosität, voller Verve und mädchenhaftem Elan; von den heutigen Überakzentuierungen und Manierismen noch keine Spur – durch und durch verzaubernd. Einer der ersten ›reinen‹ Rossini-Tenöre assistiert Bartoli: William Matteuzzi ist sicher nicht mit der schönsten Stimme gesegnet, muss dafür aber vor den virtuosen Herausforderungen keine Angst haben.
Die Amerikanerin Jennifer Larmore war 1994 im Vollbesitz ihrer nicht unbeträchtlichen stimmlichen Mittel. Mit ihrem sehr aparten, leicht rauchigen Mezzo geht sie die Rolle eher direkt und selbstbewusst an. Auch ihr gesellt sich mit Raúl Giménez einer der damals aufkommenden spezialisierten Tenöre zur Seite; der Argentinier steht Matteuzzi in puncto Virtuosität in nichts nach, besitzt aber die deutlich angenehmere, geschmeidigere Stimme. Die perfekte Gallionsfigur des heutigen Rossini-Gesangs ist Joyce DiDonato, die auf einem Live-Mitschnitt von 2004 festgehalten ist. Eine so souveräne Künstlerin, die ihre Stimme vollkommen ausgeglichen durch alle Register führt und stets durch und durch ›gesund‹ singt, findet man nicht alle Tage. Mit ihrem sehr weich und delikat tönenden, stilsicheren Tenorpartner José Manuel Zapata, der manchen vielleicht etwas zu softymäßig daherkommt, harmonisiert DiDonato aufs allerschönste.
Wie man die Partie grässlich verkünsteln und überfrachten kann, demonstrierte Vesselina Kasarova bei einer konzertanten Aufführung 2005 in München. Waren ihre Manierismen früher nur Selbstzweck (und hatten durchaus ihren Reiz), sind sie inzwischen zur Notwendigkeit geworden, um stimmliche Defizite zu kaschieren. Antonino Siragusa ist ein stilistisch versierter, gelegentlich aber allzu leichtgewichtiger und vor allem nicht wirklich berückend klingender Prinz.

Und welche ist nun die beste Aufnahme?

Die Entscheidung fällt relativ leicht. Sicher ist die Abbado-Einspielung, nicht zuletzt wegen der wirklich fantastischen Berganza, seit ihrer Veröffentlichung vor mittlerweile 40 Jahren so etwas wie ein Klassiker. Doch singen die männlichen Mitstreiter nicht in derselben Liga: Alva kann mit den Rossini-Tenören der letzten Jahrzehnte nicht mithalten, Capecchi und Montarsolo drücken ordentlich auf die Tube, um die ›Unterschlagungen‹ im vokalen Bereich zu überspielen.
Von den frühen Versionen sollte man Simionato kennen und ihre Studioproduktion mit Benelli und Bruscantini unter De Fabritiis womöglich auch haben; die Besetzung des neun Jahre älteren RAI-Mitschnitts ist nicht auf derselben Höhe. Sehr empfehlenswert auch die Einspielungen mit Valentini Terrani und Larmore (mit einem in beiden Fällen beachtlichen vokalen Gesamtniveau) sowie mit DiDonato, bei der es sich um einen Live-Mitschnitt handelt. Die rundherum beste Gesamtaufnahme aber ist die unter Riccardo Chailly, voller Brio und Esprit. Wenn man sich nur eine zulegen möchte, sollte es auf jeden Fall diese Produktion sein. Matteuzzi, Corbelli und Dara sorgen zusammen mit Bartoli für Rossini-Wonnen pur. Die damals 26-jährige Römerin ist ganz eindeutig die beste Cenerentola auf CD, sie hat die Referenz für die Rolle geschaffen, besser lässt sich das nicht denken.

Die nimmt der Prinz

Cecilia Bartoli, Orchestra del Teatro Communale di Bologna, Riccardo Chailly

Decca/Universal

Giulietta Simionato

Decca/Universal

Für’s Töpfchen

Lucia Valentini Terrani

Sony

Jennifer Larmore

Teldec/Warner

Joyce DiDonato

Naxos

Für’s Kröpfchen

Giulietta Simionato

Fonit Cetra/Warner

Teresa Berganza

Opera d`oro/Sunny Moon

Teresa Berganza

DG/Universal

Für die Stiefschwestern

Zara Dolukhanowa

Cantus/da music

Vesselina Kasarova

RCA/Sony

Michael Blümke, RONDO Ausgabe 2 / 2012



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