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Devich Trio

Romantische Diskussionen

Leidenschaft, Anmut und inhaltliches Gewicht – das sind die Eigenschaften, die Hanna, Sarah und Jasper bei ihren musikalischen Diskussionen in die Waagschale werfen. Als Devich Trio sind sie gerade auf dem besten Weg, in die Spitzengruppe der europäischen Kammermusikensembles vor-zudringen.

Die drei sind mal wieder gut in Fahrt. Schon durch die vergilbte Frontscheibe des kleinen Cafés direkt gegenüber dem Amsterdamer Konservatorium sieht man Hanna, Sarah und Jasper lebhaft diskutieren, und die meisten Passanten dürften denken, dass sich hier drei Studenten beim x-ten Milchkaffee über ihre WG-Haushaltskasse oder die Ausländerpolitik der Regierung fetzen. Tatsächlich aber sind die drei erstens schon ein bisschen über das Studentenalter hinaus und debattieren zweitens vermutlich eher über Dvořák, Smetana oder Schostakowitsch.
Vier Jahre ist es her, dass die ungarische Pianistin Hanna Devich, die es ins holländische Dordrecht verschlagen hatte, sich auf die Suche nach Kammermusikpartnern machte. Sie wurde fündig beim niederländischen Cellisten Jasper Havelaar, der hauptberuflich im Haager Residenzorchester spielte, und bei dessen Freundin, einer Geigerin. Nachdem die Freundin zur Exfreundin geworden war und das Trio verlassen hatte, stieß die Südafrikanerin Sarah Oates hinzu, normalerweise Konzertmeisterin bei der Flämischen Philharmonie Antwerpen. Eine Konstellation, die auf Anhieb harmonierte: Schon die ersten Konzerte der drei bewiesen, dass sie sich nicht nur beim Diskutieren im Café, sondern auch auf dem Podium gut verstehen. Was wohl gerade daran liegt, dass sich im Devich Trio drei unterschiedliche Temperamente treffen: Devichs leidenschaftliches Ungestüm, Oates’ anmutig sensibler Ton und Havelaars abwägendes, gewichtiges Cellospiel markieren ein Spannungsfeld polarisierender Energien, das die Grundvoraussetzung jedes kammermusikalischen Dialogs ist.
Diese Qualität fiel auch dem Toningenieur auf, der die Demo-CD betreute, mit der das Trio sich bei Konzertveranstaltern vorstellen wollte. »Der war von unserem ›Dumky-Trio‹ so begeistert, dass er uns vorschlug, noch ein paar Stücke dazu einzuspielen und eine reguläre CD daraus zu machen«, erzählt Hanna. Die Scheibe erschien Ende 2004 unter dem Titel »The Czech Legacy« und erntete hymnische Kritiken. Spätestens mit diesem Erfolg wurde das anfangs mehr aus Spaß am Triospiel begonnene Unternehmen »Devich Trio« für die drei zu einer ernsten Sache. Gut 20 Konzerte gibt das Trio derzeit pro Saison, Tendenz steil ansteigend, und bei den Probesitzungen wird nicht nur geredet und (selten) gestritten, sondern auch eisern an der Vergrößerung des Repertoires gearbeitet. Im Zentrum stehen nach wie vor die Romantiker, wohl auch, weil die großen Gefühle immer wieder der gemeinsame Nenner sind, bei dem die drei Musikertemperamente zusammentreffen: Bei Dvořák und Smetana, denen die vor Kurzem erschienene zweite Folge der »Czech Legacy« gewidmet ist, aber auch in den Trios von Schostakowitsch, ihrem nächsten Aufnahmeprojekt. »Das ist die Musik, bei der wir uns selbst wiederfinden können«, bekräftigt van Havelaar, »vielleicht auch weil Sarah und ich im Orchester viel romantische Musik spielen. Es kommt noch dazu, dass man stilistisch heute viel akribischer vorgehen muss, wenn man Schubert und Haydn spielen will. Und das überlassen wir erst mal lieber anderen.«

Neu erschienen:

Astor Piazzolla, José Bragato

Tango Romances

Devich Trio

Challenge Classics/Sunny Moon

Jörg Königsdorf, RONDO Ausgabe 6 / 2007



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