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Sol Gabetta

Ein Stern, der Sonne heißt

Sol Gabetta ist in mancherlei Hinsicht die »heißeste« junge Cellistin zurzeit: attraktiv, voller Leidenschaft in ihrem Spiel – und dann bedeutet ihr Vorname auf Deutsch auch noch »Sonne«. Ungewöhnlich ist ihre zweite CD: Nach dem Debüt mit Romantik eine reine Vivaldischeibe im (mehr oder weniger) »period style«. In Ludwigshafen sprach Thomas Rübenacker mit der jungen »Sonne«.

RONDO: Wissen Sie, was Igor Strawinski über Vivaldi gesagt hat? Er hätte »dasselbe Konzert 600-mal geschrieben«. Was meinen Sie?

Sol Gabetta: Die Barockforschung war damals noch nicht sehr weit, aber man kann das trotzdem nicht so verallgemeinern. Erstens hatte auch Vivaldi selbst Schaffensperioden, und zweitens hätte das ständig nach etwas Neuem gierende venezianische Publikum ihm nicht so oft dasselbe Stück abgekauft. Ein Barockkomponist arbeitet nun mal mit dieser Form, die damals ja neu war: wie die Grundpfeiler eines Hauses. Was man um die herumbaut, kann tausende Varianten haben, damit sich keiner langweilt. Es waren eben 600 oder wie viel subtil verschiedene Häuser auch immer!

RONDO: Nach der vollsaftigen Romantik Ihrer Debüt-CD scheinen Sie jetzt mehr den Stil Ihres Partnerorchesters adaptiert zu haben, der Sonatori de la Gioiosa Marca: wenig bis gar kein Vibrato, gerade in den langsamen Sätzen, und eine straff-forsche, vitalisierende Haltung in den schnellen. Hat Ihr Guadagnini-Cello Darmsaiten?

Gabetta: Normalerweise Stahl, aber für diese Aufnahmen habe ich Darmsaiten aufgezogen. Wenn alle um dich herum Darm spielen, erschweren Stahlsaiten natürlich die Klangbalance. Aber ich bin ohnehin neugierig auf alles. Ich will keine Spezialistin sein. Anner Bylsma oder Christophe Coin haben sich spezialisiert auf Alte Musik, und das ist ja auch legitim. Ich will aber alles ausprobieren, auch wenn mir klar ist, dass der Vivaldi dann vielleicht nicht historisch akkurat, aber immer noch mein Vivaldi ist. Übrigens, dass ich in den langsamen Sätzen kaum Vibrato gebe, hat eher damit zu tun, dass ich schon immer gern gesungen habe. Ich wollte die klaren Linien einer Barocksängerin!

RONDO: Als ich vor einiger Zeit einen Fernsehauftritt von Ihnen sah, ich glaube, Sie spielten Tschaikowski, musste ich an Jacqueline du Pré denken, die ähnlich unbedingt zu Werke ging und sich expressiv verausgabte.

Gabetta: (lacht) Das höre ich öfter! Aber nein, sie war kein Vorbild, ich kenne zum Beispiel ihre berühmte Elgar-Aufnahme erst seit Kurzem. Ich frage mich manchmal, ob der Vergleich so naheliegt, weil ich lange blonde Haare habe. Und wenn sie dunkel und kurz wären, würde ich vielleicht so klingen wie meine Lehrerin Natalia Gutmann? (lacht) Nein, im Ernst: Ich glaube, Jacqueline du Pré hat viel mehr losgelassen in alle möglichen Richtungen, und ich bin kontrollierter.

RONDO: Ein Spielmanierismus der linken Hand fiel mir bei Ihnen beiden auf: Wenn’s noch expressiver werden soll, verlässt der Daumen den Cellohals und intensiviert die Vibrierbewegung. Mir hat man im Cellounterricht beigebracht, der Daumen ist der Anker, die Orientierungsmöglichkeit – bloß nie vom Cellohals wegnehmen!

Gabetta: (lacht) Das sage ich meinen Schülern auch! Aber es ist eine Frage der Vertrautheit mit dem Instrument – das heißt, für Schüler ist diese »Daumenregel« wirklich wichtig.

RONDO: Zurück zu Vivaldi. Ihr Partnerensemble hat schon viele Platten vorgelegt, worauf sie genauso spielen. Wer hatte die Hosen an?

Gabetta: Wer sich gerade dafür stark machte. Natürlich kam aus dem Orchester Kritik, kamen Anregungen, war’s ein Geben und Nehmen. Sehr beweglich war das alles, aber das kann natürlich auch mal blockieren. Andererseits, da wir ohne Dirigenten spielten, musste ich als Solistin – wie zur Vivaldizeit – diese Rolle mit übernehmen. Also die Führung! (lacht) Wirklich gefährlich in der Musik ist ja nur die Routine, Streit ist prima.

RONDO: Ich habe gelesen, wenn Sie auf die Bühne gehen, leben Sie nur noch in der Musik, egal, ob im Raum vor Ihnen 1 000, 100 oder nur zwei Hörer sitzen. Haben Sie denn gar kein Lampenfieber?

Gabetta: Je mehr man spielt, desto weniger Lampenfieber hat man, denke ich. Das ist, wie wenn man mit nur einer Hand Eier in eine Pfanne haut … (hüstelt) … Na ja, das war jetzt vielleicht nicht gerade der passendste Vergleich …

RONDO: Sozusagen nicht »das Gelbe vom Ei«?

Gabetta: (lacht) Ein bisschen Lampenfieber ist natürlich immer da, das muss auch sein, sonst wär’s genauso wie Üben zu Hause. Sonst würde die Spannung fehlen, die eine gut geübte Interpretation vielleicht zu einer großen macht. Zwischen dem Publikum und mir muss eine – eine Art Elektrizität sein, sonst wird’s langweilig. Es darf nur nicht so sein, dass die Bogenhand mehr vibriert als die Griffhand! (lacht)

RONDO: Zum Schluss noch etwas ganz Anderes: Was machen Sie am liebsten, wenn Sie nicht gerade Cello spielen?

Gabetta: Ich langweile mich nicht, falls Sie das meinen. Aber ein Hobby habe ich eigentlich nicht, ich hätte auch gar keine Zeit dazu. Ich lese gerne und fahre gern Fahrrad in der Natur – das ist aber auch schon alles. Ich habe mich vor einiger Zeit im Sportstudio angemeldet, denn zum Cellospielen braucht man viel, viel Kraft. Aber ich war noch nie da …

Biografie:

Sol Gabetta wurde 1981 in Cordoba, Argentinien, geboren und gewann dort bereits als Zehnjährige einen Cellowettbewerb. Der Concours Tschaikowsky (Moskau) und der ARD-Wettbewerb (München) folgten. Die Weltkarriere öffnete ihr 2004 der »Crédit Suisse Young Artist Award«, verbunden mit einem Konzert mit den Wiener Philharmonikern unter Valery Gergiev. Ihre wichtigsten Lehrer waren Natalia Gutmann und Boris Pergamenschikow. Heute lebt sie bei Basel, wo sie im Kloster Solsberg ihr eigenes Festival gründete.

Neu erschienen:

Vivaldi

Il progetto Vivaldi

Sol Gabetta, Sonatori de la Gioiosa Marca

RCA/Sony


Eine kleine Geschichte der Saite

Man mag nicht gern darüber nachdenken, doch ohne Innereien wäre unsere Musikgeschichte in den Kinderschuhen stecken geblieben. Viele Jahrhunderte führte am Darm kein Weg vorbei. Woher der jeweils kam, lag nicht zuletzt am lokalen Angebot: In einem Landstrich wurden Wölfe und junge Löwen zum Wohle der Kunst ausgeweidet, anderswo Enten und Katzen, bei uns waren es meist Schafe. Und sind es zum Teil noch heute: Die historisch besaitete Aufführungspraxis greift nach wie vor überwiegend zum Tierprodukt, um der Musik zwischen anno dazumal und 1900 den rechten Ton zu geben. Dafür nimmt sie einiges in Kauf. Denn der Darm hat auch dann noch seine Tücken, wenn er mit aller Sorgfalt getrocknet, geglättet und zur Saite fein geflochten ist: Ist er dünn, reißt er schnell, ist er dick, lässt er sich nur mit Mühe aus der Ruhe bringen und klingt dumpf und mulmig. Auch die Stimmung hält er nur widerwillig, reagiert empfindlich auf Wind und Wetter.
Nachdem der französische Mathematiker Mersenne im frühen 17. Jahrhundert dargelegt hatte, dass der Ton einer Saite ein logisches Produkt aus deren Länge, Spannung, Durchmesser und Dichte ist, konnte man die Nachteile des Darms jedoch Schritt für Schritt minimieren. Man begann die tiefen Saiten mit Draht und Metallbändern zu umwickeln und damit zu beschweren. So ließ sich die Spannung und folglich auch das Volumen erhöhen und die Ansprache wesentlich verbessern. Und so war es sogar möglich, die Instrumente zu verkleinern: Ohne Umspinnung wäre etwa das handliche Violoncello wohl noch immer die große Violone. Im Verlauf des 20. Jahrhunderts erlaubte dann die Herstellung von Saiten aus blankem oder umsponnenem Stahl und Nylon (seit Neuestem sogar Wolfram und Titan) selbst strengsten Veganern, zur Gitarre, Harfe oder Geige zu greifen. Das Angebot ist längst unüberschaubar. Allein der Wiener Hersteller Thomastik-Infeld bietet 3.000 verschiedene Varianten an. Über Stimmstabilität und Haltbarkeit, über Quarten- und Quintenreinheit und weitgehende Witterungsresistenz können sich aber eben nur die freuen, die zur Hightech greifen. Wer aus klanglichen Gründen weiterhin echten Darm aufzieht, muss sich wie eh und je arrangieren – mit einem wunderbaren Naturprodukt von schwierigem Charakter.


Thomas Rübenacker, RONDO Ausgabe 6 / 2007



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