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jazzhaus

Hörerparadies aus dem Archiv

Auch der Jazz kennt die Gnade der frühen Geburt und der regionalen Zugehörigkeit. Wer beginnend mit den fünfziger Jahren bis in die achtziger Jahre hinein im mittleren und südlichen Großraum Stuttgart wohnte, konnte täglich vorbildlich produzierte Jazzsendungen hören. Jetzt hat der SWR mit Arthaus ein neues Label für die zutage tretenden Archivschätze gegründet: jazzhaus

In Baden-Baden raunte Jazzpapst Joachim-Ernst Berendt ins Mikrofon des SWF und in Stuttgart präsentierte Dieter Zimmerle im Süddeutschen Rundfunk die für Deutschland so vital neue Musik. Im genannten Gebiet waren beide Anstalten zu empfangen. Später kamen dann zu den Gründervätern insbesondere Achim Hebgen und Werner Wunderlich bzw. Gudrun Endress. Aber die Sender beschränkten sich nicht auf das Abspielen von Konserven, sie produzierten selber. Dabei bevorzugte der SWF vor allem Großveranstaltungen, in Stuttgart setzte man auf die eigenen Treffpunkt Jazz Konzerte und ergänzend auf ungezählte Kooperationen mit lokalen Clubs. Später wurde das Kooperationsmodell auch für das SDR-Fernsehen tragend bei seinen Aufzeichnungen aus dem Theaterhaus und des Jazz Open Festivals. So kam bei den beiden Sendern mit 3.000 Stunden Hörfunk- und etwa 500 Stunden Fernsehaufzeichnungen die vielleicht größte unveröffentlichte Live-Jazz-Sammlung der Welt zusammen. Praktisch alle bedeutenden nationalen und internationalen Größen wurden im Lauf der Jahrzehnte oft sogar mehrfach mitgeschnitten. Ein solcher Schatz schrie förmlich danach, gehoben zu werden. Vor drei Jahren, zehn Jahre nach der Fusion von SWF und SDR zum SWR, gab sich die SWR Media Services GmbH einen Ruck und entschloss sich zur Veröffentlichung. In Ulli Pfau, dem langjährigen SDR-Mitarbeiter und Produzenten der Fernsehaufzeichnungen aus dem Theaterhaus, fand man einen kompetenten Produzenten für das mit Arthaus Musik zusammen gegründete neue Label jazzhaus.
Ulli Pfau betont, dass das Label auf Jahre angelegt sei, dabei soll die Jazz- Tradition des Südwestens mit allen Beteiligten gewürdigt und dabei dem Weltgeist des Jazz nachgespürt werden, der damals durch die Region brauste. Bei der Auswahl sei für ihn entscheidend, wie die Musik auf uns Heutige wirke; und natürlich spiele auch eine Rolle, wie sehr bestimmte Besetzungen auf dem Markt bereits präsent seien. Zudem sei die internationale Ausrichtung des Labels zu beachten. Die Tonqualität jedenfalls, schwärmt er, sei fast immer hervorragend. Um das Material zu strukturieren sind mehrere Reihen geplant. Auf die CD-Serien Legends Live und Bigbands Live sol- Hörerparadies aus dem Archiv len Lifelines, Lost Tapes, New Legends, Voices und Free Jazz folgen. Auch an eine Berendt Edition und Zimmerle Edition sei gedacht. Die DVD-Projekte seien noch in der Planungsphase, zunächst werde es im Herbst eine Vinyl- Reihe geben.
Was Pfau mit der Wirkung auf uns Heutige meint, wird bei der Aufnahme des klassischen Cannonball-Adderley-Quintetts ohrenfällig. Es ist beispielhaft für die Legends Live-Reihe. Die Musik von einst, wie die hier von den Adderley- Brüdern 1969 in der Stuttgarter Liederhalle mit einem überwältigenden Joe Zawinul am Fender-Rhodes und Flügel, geht mit einer ungeheuren Frische auch heute noch direkt zu Herzen. Bei den Bigbands Live ist das Benny Goodman- Konzert in Freiburg von 1959 von besonderem Reiz. Die kleine Bigband ist mit Russ Freeman (Klavier), Red Norvo (Vibrafon), Jack Sheldon (Trompete), Flip Phillips (Tenorsaxofon), Bill Harris (Posaune) und Jerry Dodgian (Altsaxofon und Flöte) und einer Rhythmusgruppe aus Gitarre, Bass und Schlagzeug prominent besetzt. Vor begeisterten Fans ist der King Of Swing mit seinen Mannen bei bester Spiellaune, und Gastsängerin Anita O’Day wickelt mit einem Hauch von frivolem Touch das Publikum um den kleinen Finger.
Angesichts dessen, was da alles in den Archiven noch schlummert, sind die bisherigen Veröffentlichungen ein elektrisierendes Versprechen auf eine noch großartigere Zukunft. Geringfügige Ungenauigkeiten bei den Instrumentenund Titelangaben sind noch zu bereinigen und die Namen der ursprünglichen Konzertproduzenten zu nennen.

Legends Live

Cannonball Adderley Quintett

Arthaus/Naxos

Thomas Fitterling, RONDO Ausgabe 2 / 2012



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