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Calixto Bieito

Bieito-Material

Er gilt als Berserker der Opernbühne, bei dem im geheiligten Schrein ständig Körpersäfte fließen – Blut, Schweiß, Sperma, Adrenalin: der Katalane Calixto Bieito. Dabei will er nur etwas, was der Quadratur des Kreises gleichkommt, nämlich der Oper die Wirklichkeit zurückgeben. Privat ist er höchst umgänglich, lacht gerne und freut sich manchmal wie ein Kind – Thomas Rübenacker traf den Regisseur in Stuttgart, wo er gerade den »Fliegenden Holländer« probte.

RONDO: Sie inszenieren vor allem Oper, aber auch Drama. Was ist der Unterschied?

Calixto Bieito: Auch das Drama ist in meinem Kopf kontaminiert mit Musik. Sie präzisiert einen Bühnenvorgang, und gleichzeitig öffnet sie die Emotion ins schier Unendliche. Musik ist Spannung, da durchdringen einander Oper und Drama.

RONDO: Ähnlich dachte Kurt Weill. Sein Bühnenwerk »Street Scene« ist Oper, Operette, Musical und Drama in einem.

Bieito: Das würde ich auch gerne mal inszenieren. Es ist zwar nicht mein »normales« Repertoire, aber ein faszinierendes Stück – beispiellos!

RONDO: Auch ich habe Oper inszeniert, sechs Jahre lang, und dann frustriert aufgegeben. Wie gehen Sie zum Beispiel mit dem Phänomen einer A- und einer B-Premiere um?

Bieito: Normalerweise habe ich keine zwei Besetzungen. Aber wenn doch, muss ich komplett neue Dinge erfinden, keine zwei Menschen lassen sich über einen Kamm scheren. Jeder muss sich individuell öffnen und frei fühlen auf der Bühne, sonst wird es Krampf.

RONDO: Bringen Sie für besonders sensible Werke wie Alban Bergs »Wozzeck« Leute ins Spiel, mit denen Sie öfter arbeiten?

Bieito: Nein, normalerweise nicht. Es ist ja auch ein Test der eigenen Überzeugungen und Fähigkeiten, ob man Leute, mit denen man noch nie gearbeitet hat, auf seine Seite bringen kann.

RONDO: Und wie ist es mit Stars? Peter Stein inszenierte in Paris die »Walküre« mit Christa Ludwig, Solti war der Dirigent. Nach einer Regieanweisung wandte sich Ludwig an den Freund: »György, das muss ich doch nicht wirklich machen, oder?« Und Solti erwiderte: »Nein, Christa, natürlich nicht.«

Bieito: (lacht) Dann würde ich mir selber sagen: »Das musst du doch nicht wirklich machen!« Und entweder Frau Ludwig geht oder ich. Mit manchen Sängern stimmt die Chemie einfach nicht, dann trennt man sich eben.

RONDO: Als ich »Salome« inszenierte, lud ich Freunde zur fünften Vorstellung ein. Wenig später begleiteten sie mich hinaus, ich war grün im Gesicht. Das war nicht mehr meine Inszenierung. Zwei Gastsänger standen auf der Bühne herum, und sogar einige der Leute, mit denen ich gearbeitet hatte, knödelten an der Rampe. Ihren Applaus bekamen sie ja trotzdem!

Bieito: (lacht laut und lang) Normalerweise schaue ich mir meine Inszenierungen später nicht mehr an, um nicht zu leiden. Aber in letzter Zeit habe ich es zwei Mal gemacht, und beide Aufführungen waren sehr gut in Schuss! Eine wurde vielleicht mit der Zeit sogar noch besser.

RONDO: Dann haben Sie gute Regieassistenten.

Bieito: Die besten. Ein Regieassistent muss ja alles machen können, mit den Abteilungen verhandeln, den ganzen Abend im Kopf haben, moderierend wirken und obendrein, falls nötig, die Gäste präzise einweisen. Ich ernte die Lorbeeren, aber der Regieassistent macht die Arbeit!

RONDO: In einer Kritik Ihrer »Fledermaus« las ich, dass da eine Gesellschaft in klaustrophobischem Ambiente sich selber auffrisst. Das erinnerte mich an Ihren Landsmann Luis Buñuel und seinen Film »Der Würgeengel«.

Bieito: In dieser Tradition würde ich mich gerne sehen, wie Spanien seine Dämonen bannt: Goya tat’s in der Malerei, Ramón María del Valle-Inclán im Schauspiel, Buñuel im Film – und ich versuche es eben auf der Opernbühne.

RONDO: Aber Oper gilt als geradezu antirealistisch, als hochstilisiertes Konstrukt, als Flucht aus der Wirklichkeit.

Bieito: Das darf sie ja sein – aber nicht nur. Wer Oper museal liebt, weiß, wo er hingehen muss. Wer eine Auseinandersetzung mit der Realität sucht, kommt vielleicht lieber zu mir.

RONDO: Wollen Sie etwas zu der Inszenierung sagen, die Sie gerade für Stuttgart vorbereiten, Richard Wagners »Fliegenden Holländer«?

Bieito: Der Holländer ist der Unbehauste in einer Großstadt – auf der Suche nach den Werten, die verloren gehen. Ich sehe sein Drama nicht mythisch, sondern humanistisch, er sucht Solidarität. Das hat nichts mit Almosen zu tun. Er sucht die Liebe eines Menschen, der leidet wie er, und der das mitfühlend zum Ausdruck bringt. Der »Fliegende Holländer«, das ist, wenn Sie so wollen, die Mehrheit aller Menschen.

Thomas Rübenacker, RONDO Ausgabe 1 / 2008



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