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Soli Deo Gloria – Bach im Braunschweiger Land

Briten in Braunschweig

Seit 2005 hat Johann Sebastian Bach einen Zweitwohnsitz: Unter der Adresse »Soli Deo Gloria« findet unter der Leitung von John Eliot Gardiner jedes Jahr ein Festival statt, das Braunschweig für ein paar Tage zur Bachstadt macht.

Vermutlich gäbe Günther von der Schulenburg eine ganze Menge dafür, einmal einen Blick in die Braunschweiger Torschreiberlisten von 1700 schauen zu können. Nein, sagt der Graf mit hörbarem Bedauern in der Stimme, leider sei keine Kunde darüber erhalten, ob der 15-jährige Johann Sebastian Bach damals auf seinem Weg aus der thüringischen Provinz an die Lüneburger Michaelisschule in Braunschweig Station machte und sich von seinem dortigen Verwandten, dem Domkantor Johann Stephan Bach, gar die Orgeln von St. Blasii oder St. Michaelis zeigen ließ. Und später hat es eben nicht mehr geklappt: Die lebhafte Residenz- und Handelsstadt lag ein paar Postkutschenfahrten außerhalb von Bachs Tätigkeitsradius, und während der Thomaskantor emsig seine Kantatenjahrgänge verfasste, war am herzoglichen Hof zu Braunschweig ohnehin schon die Oper in Mode.
Dass Bach doch noch in Braunschweig angekommen ist, liegt vor allem an Günther von der Schulenburg. Im Bachjahr 2000 besuchte der musikliebende Gutsherr ein Konzert, das John Eliot Gardiner im Rahmen seiner Bach Pilgrimage im Kaiserdom des nahe gelegenen Königslutter veranstaltete – und hatte ein Erweckungserlebnis. Ein Bachfestival mit John Eliot und seinem Monteverdi Chor in den Kirchen des Braunschweiger Landes, lautete das Ziel, für das der Graf von nun an einen beträchtlichen Teil seiner Zeit und Energie opferte, und der Erste, den er von seiner Idee überzeugen konnte, war der Bachpilger Gardiner selbst.
Auch wenn das Programm jeweils durch zwei, drei Konzerte anderer Ensembles und Solisten ergänzt wird, bilden die Konzerte von Sir John das Herzstück des Festivals. Tatsächlich ist »Soli Deo Gloria«, dessen Name sich von der Huldigungsformel herleitet, die Bach unter seine Kompositionen schrieb, die logische Fortsetzung von Gardiners paneuropäischer Bachjubiläumsreise: Die Kantaten und Passionen des Meisters nicht nur mit historischen Instrumenten zu spielen, sondern auch in historischen Sakralräumen und zu den Terminen des Kirchenjahres, für die sie ursprünglich bestimmt waren. Authentischer geht’s nicht, auch weil die Vielfalt der historischen Kirchen in Braunschweig und Umgebung die Möglichkeit bietet, für jedes Bachprogramm den passenden Raum zu finden. Den Braunschweiger Dom zum Beispiel, dessen hallgesättigte romanisch-gotische Gewölbe dem Klang der festlichen, groß besetzten Kantaten einen Glanz verleihen, wie ihn ein profaner Konzertsaal nicht bieten kann. Die intime Barockkirche von Steterburg, die in ihrer lichten, heiteren Atmosphäre ein idealer Rahmen für Kammerkonzerte und Rezitale ist. Oder die St. Trinitatis-Kirche im nahen Wolfenbüttel, dem Schauplatz des Höhepunkts der dritten Runde von »Soli Deo Gloria«: Am Karfreitag, der in diesem Jahr auch noch mit Bachs Geburtstag zusammenfällt, werden Gardiner, seine English Baroque Soloists und der großartige Monteverdi Choir die Johannespassion aufführen. Und eines ist sicher: Graf Günther wird in der ersten Reihe sitzen.

Jörg Königsdorf, RONDO Ausgabe 1 / 2008



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