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Musikstadt

Dresden: Kulissen des Glücks

Semperoper, Dresdner Philharmoniker, Frauenkirche, Staatsoperette – Dresden ist voller Musik. Jörg Königsdorf hat sich an der Elbe umgesehen, hat die jüngsten Premieren besucht, die Protagonisten und Verantwortlichen in Sachsens Hauptstadt gesprochen und die Baupläne der Stadt studiert. Aus der Nähe betrachtet, zeigt sich manches in anderem Licht.

Wer Sachsens Hauptstadt besucht, sollte sich ihr am besten vom rechtsseitigen Elbufer her nähern. Denn die berühmte Silhouette des Stadtzentrums, die sich von dort aus dem Blick erschließt, ist nicht nur unverzichtbar für das touristische Fotoshooting, sondern führt zugleich das besondere Verhältnis vor Augen, das die Bewohner Dresdens seit jeher zur Kultur pflegen. All die prunkvollen Gebäude, die sich um den vielgliedrigen Bau des Schlosses herum lagern, sind auf die eine oder andere Weise der Kunst verpflichtet: Rechts die Semperoper und dahinter das barocke Ensemble des Zwingers mit der Gemäldegalerie, links Kunstakademie, Albertinum und dahinter die in baufrischem Hellgrau aufragende Kuppel der Frauenkirche. Dresden, so kündet dieses Ensemble, ist gebaute Kunst – der Anspruch auf einen Platz unter den europäischen Metropolen manifestiert sich hier nicht in Ministerien und Regierungspalästen, sondern in Opernhäusern, Kirchen und Museen. Seit den Tagen Augusts des Starken, der seine Residenz zum Kulturmekka des Hochbarock ausbaute, hat sich daran bis heute kaum etwas geändert, im Gegenteil: Vermutlich hat gerade das Trauma der Zerstörung der Stadt im Zweiten Weltkrieg dafür gesorgt, dass die Dresdner heute stärker denn je an dieser goldenen Vergangenheit hängen und sie offenbar auf Biegen und Brechen wieder heraufbeschwören wollen – das barocke Disneyland, das derzeit rund um die Frauenkirche aus dem Boden schießt, ist da nur das auffälligste Beispiel.
Und natürlich fällt vor allem der klassischen Musik die Rolle zu, diese Kulissen mit Leben zu füllen und die Brücke zurück in Dresdens große Zeit zu schlagen: Wenn Bachs »Weihnachtsoratorium« in der Frauenkirche frohlockt und Wagners »Tannhäuser« in der Semperoper tönt, vergisst sich’s leichter, dass all die Pracht vor 30 Jahren noch in Trümmern lag. Dass klassische Musik gerade in jenen Zeiten eine moderne, zukunftsorientierte Kunstform war, wird angesichts dieser Sehnsüchte nach einem Dresden, »wie es einmal war«, bisweilen nicht so gern gehört. Als beispielsweise die Frage nach einer neuen Orgel für die wieder aufgebaute Frauenkirche akut wurde, plädierten etliche Dresdner für eine Rekonstruktion der originalen Silbermannorgel – obwohl klar war, dass auf diesem Instrument auch Musik des 19. und 20. Jahrhunderts erklingen würde. Mit der neuen Orgel von Daniel Kern, die diesen Widerständen zum Trotz schließlich eingebaut wurde, sind der Frauenkirchenorganist Samuel Kummer und sein Kantor Matthias Grünert jedoch hoch zufrieden, und die erste, beim Carusverlag erschienene Orgel-CD aus der Frauenkirche zeigt, dass die Kernorgel für die verschwimmenden Farbvaleurs der Musik von Maurice Duruflé sogar noch besser taugt als für Bachs Orgelwerke. Bezeichnenderweise wird Kummer als nächstes Projekt auch eine Einspielung der Orgelsinfonien des französischen Spätromantikers Louis Vierne angehen. Seit ihrer Weihe im Oktober 2005 ist die Frauenkirche zu einem festen Bestandteil der Dresdner Konzertszene geworden – die Angebotspalette reicht von Kummers Bachzyklus über geistliche Sonntagsmusiken am Nachmittag bis zu etwa 60 regulären Abendkonzerten im Jahr mit Oratorien und Sinfoniekonzerten. Gewünscht ist natürlich ein sakraler Programmbezug, profane Orchestergastspiele wie das der New Yorker Philharmoniker, versichert der Kantor, würden auch künftig die Ausnahme bleiben.

Der 1969 erbaute Kulturpalast ist das zentrale Relikt realsozialistischer Architektur in Dresdens Innenstadt und ist auf seine Art das gebaute Zeugnis dafür, dass man auch in der DDR jemand war.

Eine vernünftige Abgrenzung, denn schließlich liegt die zentrale Orchesteranlaufstelle Dresdens nur drei Gehminuten entfernt: Der 1969 erbaute Kulturpalast, der mit seiner grünblauen Glasfront die Südseite des Marktes begrenzt, ist das zentrale Relikt realsozialistischer Architektur in Dresdens Innenstadt und ist auf seine Art das gebaute Zeugnis dafür, dass man auch in der DDR jemand war. Abreißen jedenfalls, wie den Berliner Palast der Republik, will den Kasten hier keiner mehr – im Gegenteil. Im Zuge der fälligen Totalsanierung in zwei Jahren wird der Mehrzweckbau vermutlich sogar zu einem hochmodernen Konzertsaal umgebaut. Die Chancen dafür stehen gut: Zwar will Dresden, das sich durch den Verkauf des städtischen Wohnungsbestands vor drei Jahren saniert hat, auch künftig schuldenfrei bleiben, doch bei den Politikern hat sich quer durch die Parteien die Ansicht durchgesetzt, dass die Musikstadt Dresden ohne einen regulären Konzertsaal langfristig nicht konkurrenzfähig sein wird. Die Staatskapelle spielt ohnehin schon seit 1992 in der Semperoper, und auch der vorherige Chefdirigent der Dresdner Philharmoniker, Marek Janowski, trat mit Verweis auf die miserable Akustik des Saals zurück. »Es ist doch paradox, dass Dresden zwar ein ungeheuer reichhaltiges Musikleben besitzt, aber keinen echten Konzertsaal«, ereifert sich auch Anselm Rose, der als Intendant der Philharmoniker im Kulturpalast residiert. Seit er vor drei Jahren hierher kam, hat Rose einiges unternommen, um dem zweiten Orchester Dresdens ein stärkeres Profil zu verleihen: Die Philharmoniker seien schließlich seit fast 140 Jahren das Konzertorchester der Stadt, die Staatskapelle dagegen das Orchester der Oper, bekräftigt er den Anspruch auf das große Repertoire. Sogar eine CD-Reihe im Eigenverlag hat er herausbringen lassen: Strauss’ Alpensinfonie und Bruckners Dritte mit dem Chef Rafael Frühbeck de Burgos – die international sehr gelobten Aufnahmen seien inzwischen schon fast vergriffen, erklärt er nicht ohne Stolz. Mit gut 10.000 Abonnenten und einer Auslastung von 87 Prozent bei den Konzerten im 2.400 Plätze fassenden Kulturpalast brauchen die Philharmoniker ohnehin keine Angst zu haben, von der stadtinternen Konkurrenz an die Wand gedrückt zu werden. Dass zu den Philharmonikern hauptsächlich Dresdner und kaum Touristen kommen, ist letztlich vielleicht sogar krisensicherer.

Seit 60 Jahren residiert hier Deutschlands einziges reguläres Operettentheater – in einem umgebauten Festsaal fernab der Touristenströme und der repräsentativen Altstadt.

Die nicht wenigen Plätze, die sogar bei der Premiere der »Lustigen Witwe« am Freitagabend vor Weihnachten in der Semperoper frei blieben, zeigen jedenfalls, dass die Bustouristen, die immer noch scharenweise durch die Dresdner Altstadt wimmeln, sich den nicht eben billigen Opernbesuch inzwischen dreimal überlegen. Voll sind am 1985 wiedereröffneten Haus vor allem die Führungen. Vielleicht hat sich aber auch herumgesprochen, dass die Semperoper im Moment nicht gerade eine künstlerische Blütezeit erlebt: Unter dem Intendanten Gerd Uecker hat das Haus bisher keine stimmige künstlerische Linie gezeigt und auch die Staatskapelle, das einstige Lieblingsorchester von Weber, Wagner und Richard Strauss, wirkt seit dem plötzlichen Tod Giuseppe Sinopolis vor sieben Jahren noch immer führungslos. Ob’s der neue Staatskapellmeister Fabio Luisi richten kann? Die heftigen Buhs, die Luisi bei seiner ersten Premiere, Wagners »Meistersinger «, kassieren musste, zeigen, dass offenbar etliche Dresdner ihre Zweifel an den Führungsqualitäten des 48-jährigen Genuesers haben. Tatsächlich klang die Kapelle unter Luisi bisher vor allem laut, und auch seine CD-Serie, die an die reiche Strausstradition des Orchesters anknüpfen soll, förderte bisher nichts Erhellendes zu Tage. Die »Witwe«-Premiere, von Arte am gleichen Abend republikweit ausgestrahlt, zeigt die Semperoper ebenso in trauriger Verfassung: Bis auf den Einspringer Bo Skovhus nur klägliche Sänger, dazu eine kreuzlangweilige, mit blanken Busen und Fernsehballett-Einlagen auf billigsten Bustouristen-Geschmack abzielende Regie von Revue-Senior Jérôme Savary – mit spritziger, zündender Operette hat das leider wenig zu tun.
Kein Wunder, dass viele Dresdner da lieber in die Tram steigen und raus in die Vorstadt fahren: Zur Staatsoperette, in der das leichtere Genre mit Hingabe gepflegt wird. Seit 60 Jahren residiert hier Deutschlands einziges reguläres Operettentheater – in einem umgebauten Festsaal fernab der Touristenströme und der repräsentativen Altstadt. Und doch spielt sich gerade hier das derzeit spannendste Kapitel des Dresdner Musiklebens ab: Intendant Wolfgang Schaller und sein Chefdirigent Ernst Theis haben sich mit Leib und Seele der Aufgabe verschrieben, die Operette vom trüben Quotenbringer-Dasein zu erlösen, das sie auf Deutschlands Theaterspielplänen fristet. Ob Raritäten von Johann Strauss (man schreibt ihn hier philologisch korrekt mit ss), die hier in Zusammenarbeit mit der Wiener Straussedition herausgebracht werden, Offenbachoperetten in den vom Komponisten autorisierten Wiener Fassungen oder auch die späten Meisterwerke des Genres aus den 20er Jahren – hier wird jedes Stück ernst genommen und damit erst die Voraussetzung für eine künstlerische Auseinandersetzung geschaffen. Eine Kärrnerarbeit, die vielleicht am besten mit dem Ausgraben von Barockopern zu vergleichen ist: Für die Offenbachoperetten will Theis beispielsweise mit Instrumentenbauern zusammenarbeiten, um den originalen Offenbachsound hinzubekommen, »und als wir Paul Abrahams ,Viktoria und ihr Husar’ machten, mussten wir die originale Instrumentierung aus einem Tonfilm rekonstruieren, in dem Abraham selbst Ausschnitte aus dem Werk dirigiert«, erzählt der rührige Österreicher. »Der Verlag hatte uns Material geschickt, in dem nicht nur der Name des jüdischen Textdichters, sondern auch ganze Orchesterstimmen, zum Beispiel die der Saxofone, fehlten. Das stammte offenbar noch aus der Nazizeit.« Das einzige, was den Operettlern noch zu ihrem Glück fehlt, ist ein echtes Operettenhaus: Das bisherige Domizil liegt nicht nur jottweedee und ist akustisch, gelinde gesagt, suboptimal, sondern schränkt auch den szenischen Spielraum gewaltig ein: Ohne Hinter-, Seiten- und Unterbühnen müssen sich Regisseure und Bühnenbildner schon ziemlich anstrengen, um hier glamourösen Operettenzauber zu entfalten. Ein Haus im Zentrum – das ist die Vision, für die der Intendant derzeit mächtig die Werbetrommel in der Stadt rührt. Und weil in Dresden Kultur ja schon immer etwas mehr mit Bauen zu tun hatte als anderswo, kann es gut sein, ist es vielleicht gar nicht so unwahrscheinlich, dass dieser Traum bald in Erfüllung geht.

Jörg Königsdorf, RONDO Ausgabe 1 / 2008



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