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David Garrett

Star dank Stern

Er hat sein Handwerk bei Ida Haendel, Itzhak Perlman und Yehudi Menuhin gelernt. Doch der 27-jährige Geiger David Garrett lockt mit seinem Auftreten ein Publikum in den Konzertsaal, das nicht dem Bild vom klassischen Konzerthörer entspricht.

Wenn David Garrett mit Rappermütze vor seinem Fanpublikum steht und auf der Geige die eigene Bearbeitung eines Stücks seiner Lieblingsband Metallica zum Besten gibt, dann ist daran nicht zuletzt Isaac Stern Schuld. Lange war der in Aachen geborene Deutsch-Amerikaner ein braves Wunderkind, betreut und umsorgt von den mitreisenden Eltern. Die Größen des Business strichen dem von Ida Haendel geförderten Talent mit Lob über den glatten Scheitel, und bereits mit 14 Jahren schloss er seinen ersten Plattenvertrag. Eine Zeit, an die sich der heute 27-Jährige mit gemischten Gefühlen erinnert: »Ich habe schon als Kind viel Verantwortung gespürt, auf der Bühne etwas Besonderes sein zu müssen«, sagt er nachdenklich, während er sich gleichzeitig lässig im Caféhaussessel fläzt: »Und dafür muss man auch hart arbeiten. « Drill sei dabei gar nicht nötig gewesen: »Auf der einen Seite gab es viel positive Motivationen – aber aus Komplimenten kommt ja auch eine Erwartungshaltung. Wenn jemand sagt, du bist fantastisch, dann willst du ja am nächsten Tag nicht hören, das war aber nicht gut.« Trotz seines Erfolges habe er schließlich eine innere Leere in sich gespürt: »Ich wusste nicht, wer ich musikalisch war, konnte mich nicht einschätzen.« Da habe ihn eines Tages Isaac Stern am Rande eines Festivals zur Seite genommen und gesagt: »Du musst gucken, dass du ein paar Jahre am Konservatorium Kontrapunkt machst, dass du auch ein bisschen Komposition lernst, dass du Dirigierkurse belegst.« Garrett vertraute Stern: Vier Jahre studierte er an der New Yorker Juilliard School. Gelegenheit, neben einem Meisterstudium bei Itzhak Perlman auch über den Tellerrand zu schauen: Garrett nahm an Kompositionswettbewerben teil, jobbte als Model und pflegte privat seine Liebe zu Heavy Metal und Independent Rock.
Der Entschluss, seine Vorlieben in ein Crossoveralbum mit selbst arrangierten Stücken zu gießen, und so sein Comeback einzuleiten, erwies sich als extrem erfolgreich. Wichtig ist es für Garrett, der das selbstbestimmte Leben als attraktiver Popstar mit neuen Freunden und neuem Management unverhohlen genießt, nicht in die Ecke von gut aussehenden Violinentertainern à la Vanessa Mae gestellt zu werden. Wohl auch deshalb liebäugelt er für sein anstehendes nächstes CD-Projekt mit dem Stück, bei dem er im Lauf seiner Karriere die meisten Widerstände habe überwinden müssen – dem Beethovenkonzert. Bei aller Lockerheit des Auftretens und aller scheinbaren Leichtigkeit, die für Garrett das Merkmal von Virtuosität schlechthin ist, hat das erwachsen gewordene Wunderkind das Gefühl der Verpflichtung nämlich nicht verlassen: »Das einzige, wogegen ich bin, ist, dass man klassische Musik schlecht spielt«, sagt er lachend aber sehr bestimmt: »Ich finde es genauso scheiße, auf der Bühne im Anzug zu stehen und schlecht zu spielen. Da gibt es auch keine Entschuldigung für.«

Neu erschienen:

Virtuoso

David Garrett

Deag/Warner

Carsten Niemann, RONDO Ausgabe 1 / 2008



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