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Peter Raue

Eine abartige Ästhetik

Man nennt ihn auch den »Anwalt der Kunst«. Den in München geborenen Rechtsanwalt, Notar und Kunstliebhaber Peter Raue hat in den letzten Jahren kaum etwas mehr erregt als die signifi - kante Verfl achung, die mit den Programmreformen der öffentlich rechtlichen Rundfunkanstalten einherging. Frederik Hanssen hat bei dem streitbaren Homme de Lettres nachgefragt.

RONDO: Herr Raue, als viel beschäftigter Mensch haben Sie sicher während des Tages nur kleine Nischen fürs Radiohören übrig, oder?

Peter Raue: Sobald ich mich ins Auto setzte, mache ich das Radio an, wenn dann nur dummes Zeugs läuft und ich mich ärgern muss, und das muss ich oft, dann liegt immer eine CD griffbereit.

RONDO: Sie lieben das Radio auch als literarisches Medium?

Raue: Viele Jahre habe ich morgens geradezu ritualhaft die Lesung gehört, habe mir den Tag so eingerichtet, dass ich zu dieser Zeit im Auto saß. Wenn ich es morgens nicht schaffen konnte, habe ich abends auf dem Weg zum Theater wenigstens die Wiederholung teilweise erwischt. Heutzutage sendet der RBB die Lesung um 14.30 Uhr, das ist für mich illusorisch, oft habe ich noch nicht mal Zeit zum Mittagessen.

RONDO: Den Start des RBB-Kulturradios begleiteten Sie damals mit einem »Wutanfall« im Berliner »Tagesspiegel«.

Raue: Ich bekam noch nie so viel Zustimmung zu einem Artikel, es gab nicht einen, der den Sender verteidigt hätte. Das hatte fast ein plebiszitäres Moment. Ich hatte ja beim Schreiben erst einmal nur meinem privaten Unmut Luft gemacht. Doch es gibt offensichtlich viele Menschen, die dasselbe Bedürfnis haben wie ich, nämlich anständige Musik auf anständige Art und Weise zu hören. Und wenn ihnen das weggenommen wird, dann hat man sie als Klientel verloren.

RONDO: Boykottieren Sie das RBB-Kulturradio eigentlich?

Raue: Nein, aber die Leidenschaft ist aus dieser einstmals so großen Liebesbeziehung raus. Wobei ich der Fairness halber sagen muss: Es ist ein bisschen besser geworden. Ich ertrage es jetzt besser als am Anfang, weil die Moderatoren inzwischen wenigstens wissen, wovon sie reden. Das war zunächst nicht der Fall. Ich konnte es spüren, dass die Musikauswahl nicht mehr vom Moderator getroffen wurde, sondern von einem Redakteur, der vor allem die klingende corporate identity des Senders zu beachten hatte. Eine solche Arbeitsteilung führt zwangsläufig zur Entfremdung, und das ist eine Katastrophe, dagegen muss man sich wehren. Da wurden einfach Stücke gespielt und hinterher wurde der Name eines Komponisten genannt, den noch nie ein Mensch gehört hatte. Man will doch wenigstens wissen, ob er Kapellmeister am Hofe eines Fürsten war oder Zeitgenosse von einem bekannten Kollegen, damit man die Musik einordnen kann – und zwar bevor das Stück erklingt! Zum Glück sind auch die unerträglichen Wiederholungen bestimmter Hits wie Elgars »Pomp and Circumstance« oder Bachs »Brandenburgischen Konzerten« weniger geworden. Aber es ist dennoch nicht mehr mein Herzenssender.

RONDO: Hören Sie auch andere Kulturwellen?

Raue: Ich höre, wenn ich im süddeutschen Raum bin, gerne Bayern 4, das scheint mir ein stringenter Sender zu sein, bei dem ich viel Gutes höre, wenngleich auch nichts Experimentelles.

RONDO: Ich war erstaunt zu hören, dass Opernarien deshalb so wenig gespielt werden, weil sie bei vielen Hörern einen Abschaltimpuls auslösen.

Raue: Gesang stört eben mehr: Ich kann beim Frühstück eine Sinfonie hören oder Solistisches für Geige und Klavier, aber eine Arie »redet dazwischen«. Das Wort, auch das gesungene, dringt anders ein ins menschliche Ohr als instrumentale Musik. Die ganze Aufmerksamkeit der menschlichen Stimme: das gefällt mir!

RONDO: Sind die Leute nicht mehr in der Lage, ein ganzes Werk zu hören?

Raue: Das stimmt nicht! Es gibt ja sogar vormittags im RBB die so genannte »Klassikbörse«, bei der die Hörer aus drei Stücken eines auswählen dürfen, das dann tatsächlich in voller Länge gespielt wird. Das ist doch herrlich! Neulich habe ich das zufällig erwischt und bin im Wagen sitzen geblieben, weil mich Maurizio Pollinis Interpretation der »Mondscheinsonate« so faszinierte. Aber immer noch wird viel zu viel dem Halbgott »Durchhörradio« geopfert. Dieses Format verbietet es, ganze Sinfonien zu spielen – aber kann man nicht wenigstens einen Satz zu Ende bringen? Immer wieder wird da einfach irgendwo in der Mitte eingeblendet, damit man mit der Zeit bis zum Beginn des Nachrichtenblocks hinkommt. Wenn einem das nicht gesagt wird, macht es mich rasend. Musik darf nicht nur Geräusch zwischen Gesprächen sein; der Hörer, gerade der interessierte Laie, will doch etwas über die Musik erfahren, über Komponisten oder Interpreten, will mit jedem Hören dazulernen, den pädagogischen Eros des Moderators spüren, der stets ansteckend ist.

RONDO: Wer aber schafft es, eine ganze Oper am Radio anzuhören?

Raue: Dass sich einer von acht bis elf Uhr abends hinsetzt, weder mit seiner Liebsten redet noch Rotwein trinkt, sondern nur das Stück abhört, das wird schon relativ selten vorkommen. Auf der anderen Seite kann ich mir durchaus vorstellen, an einem Sonntagnachmittag mal eineinhalb Stunden lang konzentriert ein Stück anzuhören. Sehr gut funktionieren hörspielartige Formate wie biografische Radioserien über Maria Callas oder Herbert von Karajan mit vielen Musikbeispielen. Unvergessen, unvergleichlich: Peter Wapnewskis Wagnersendungen.

RONDO: Kann ein Tagesbegleitprogramm Leute dazu bringen, mehr über Klassik wissen zu wollen, oder hält es sie gerade in der Passivität?

Raue: Wenn es richtig gemacht ist, kann es Neugier wecken, das glaube ich schon. Rundfunk ist eine pädagogische Anstalt. Es geht dabei nicht um die Fans, die muss man nicht abholen, sondern um Menschen, die zufällig reinhören.

RONDO: Die Zielgruppe des Durchhörradios sind also Menschen, die nur mit halber Konzentration zuhören und dabei Hausarbeit erledigen oder sich ausruhen wollen …

Raue: Es besteht offensichtlich ein Bedarf danach, und der soll meinetwegen auch gedeckt werden. Natürlich muss jeder Sender auch darauf achten, dass er gehört wird. Nur darf man nicht erwarten, dass ich das gut finde. Aber zum Glück bin ich ja wahlberechtigt und kann den Sender wechseln.

RONDO: Und was ist mit Klassik-Radio?

Raue: Deren Ästhetik ist nun ganz abartig. Die spielen ja nur noch Filmmusik – oder die »Kleine Nachtmusik«, die dann, so wie sie präsentiert wird, auch wie Filmmusik tönt. Keine Ahnung, wer das hört! Erstaunlich häufig erlebe ich, dass Taxifahrer Klassik-Radio eingeschaltet haben, so leise, dass man es gerade noch hört, als Klangtapete eben, so wie im Flugzeug nach der Landung.

RONDO: Die Fluggesellschaften behaupten, das diene zur Nervenberuhigung …

Raue: Bei mir löst es eher das Gegenteil aus!

RONDO: Aber noch mal zu Klassik-Radio: Bildet sich da neben der bildungsbürgerlichen Schicht eine neue Klassikhörerschaft, die zwischen Mozart und John Williams gar nicht mehr unterscheidet?

Raue: Ja, es ist völlig egal, was da dudelt. Hauptsache, es klingt harmonisch.

RONDO: Ist die CD eine Alternative? Werden Sie zu Ihrem eigenen Radiosender, indem sie autark entscheiden, welches Stück gespielt wird?

Raue: Ich habe immer CDs dabei, natürlich, aber diese Möglichkeit steht nicht allen offen. Man muss sich dafür bereits sehr gut in dem jeweiligen Genre auskennen. Viele Menschen wollen aber passiver hören, wollen auf einen Knopf drücken und etwas angeboten bekommen. Darum wird es auch in Zukunft immer Radio geben.


Er gehört zu den schillerndsten Figuren der hauptstädtischen Kulturszene: Tagsüber verdient Peter Raue sein Geld als Fachmann für Urheber- und Verlagsrecht, seine gesamte Freizeit aber gehört der Kunst. Keine wichtige Vernissage, keine glanzvolle Theaterpremiere ohne den wuschelköpfigen Herrn mit der Fliege. Als Vorsitzender des »Vereins der Freunde der Nationalgalerie« war der 1941 geborene Peter Raue zudem maßgeblich an den beiden Berliner Top-Ausstellungsevents der letzten Jahre beteiligt: der MoMA-Schau und den »Schönsten Franzosen« aus dem New Yorker Metropolitan-Museum. Als vor vier Jahren die Kulturwellen von SFB und ORB zum RBB Kulturradio verschmolzen wurden, kämpfte Raue wie ein Löwe gegen die »Barbarei« des modernen »Durchhörradios« mit Häppchenklassik und geschrumpften Wortbeiträgen.


Frederik Hanssen, RONDO Ausgabe 1 / 2008



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