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Zeitgenössische Opernregie: ein Gespräch

Neue Wege

Journalist: Herr Generalintendant, Sie haben in der Pressekonferenz zum Programm der nächsten Festwochen mit der Nachricht für Überraschung gesorgt, dass Sie den Objektkünstler Christoph Schlappenseich mit der Inszenierung des »Lohengrin« beauftragt haben.

Generalintendant: So ist es.

Journalist: Es wurde berichtet, Herr Schlappenseich habe beim ersten Gespräch mit Ihnen darauf hingewiesen, dass ihm das Gebiet der Oper fremd sei, dass er keine Oper von Wagner kenne, sondern nur »Fidelio« und »Die Unvollendete«, und die seien ja von Mozart.

Generalintendant: Ich habe ganz bewusst, um neue Wege zu gehen, eine Persönlichkeit für diese zentrale Produktion unserer Festwochen gewählt, die von jeglicher Routine frei ist.

Journalist: Erwarten Sie, befürchten Sie keine Schwierigkeiten? Mit Sängern? Mit dem Dirigenten?

Generalintendant: Mit Sängern hat man als Regisseur immer Schwierigkeiten, ob man Routinier ist oder nicht. Und ob es mit dem Dirigenten Schwierigkeiten geben wird, wissen wir noch nicht, denn Herr Schlappenseich trägt sich mit dem Gedanken, selber zu dirigieren.

Journalist: Er kann aber, dem Vernehmen nach, nicht Noten lesen?

Generalintendant: Er hält das im Rahmen seines Regiekonzepts auch nicht für erforderlich.

Journalist: Und wie ist das – wie stellt sich das – dieses Regiekonzept dar?

Generalintendant: Er sieht im »Lohengrin« eine Kritik des Neoliberalismus und der Globalisierung.

Journalist: Das ist allerdings ... allerdings ist das, ist das ganz neu.

Generalintendant: Eben.

Journalist: Herr Schlappenseich …

Generalintendant: Herr Schlappenseich wird sich in den nächsten Tagen eingehend mit dem …

Journalist: … mit dem »Lohengrin«?

Generalintendant: Nein. Mit dem Neoliberalismus und der Globalisierung befassen.

Journalist: Ich hätte gedacht, wenn er schon im »Lohengrin« einen Bezug zu Neoliberalismus und Globalisierung sieht, ist er wohl …

Generalintendant: Nein. Ist er nicht. Er wird erst Informationen einziehen. Bisher steht nur soviel fest, dass er dagegen ist.

Journalist: Und wie, ich meine, in welcher Hinsicht sieht Herr Schlappenseich im »Lohengrin« einen Bezug zu Neoliberalismus und Globalisierung?

Generalintendant: Die Regie, meint Herr Schlappenseich, ist dazu da, Fragen zu stellen, und nicht, Antworten zu geben.

Journalist: Und wie wird sich die Kritik an Neoliberalismus und Globalisierung konkret äußern?

Generalintendant: Die Pilger werden in SS-Uniformen auftreten.

Journalist: Wie bitte? Im »Lohengrin« kommen doch keine Pilger vor!

Generalintendant: Die übernimmt er aus dem »Tannhäuser«.

Journalist: Geht das denn mit der Musik zusammen?

Generalintendant: Herr Schlappenseich sieht auch die Musik eher in Richtung von ... wie soll ich sagen ... Event-Charakter. Wir haben den weltbesten Virtuosen des Didgeridoo verpflichten können.

Journalist: Des was?

Generalintendant: Wenn Sie ein Gespräch über Musiktheater führen wollen, hätten Sie sich vielleicht besser vorbereiten sollen. Didgeridoo. Das Musikinstrument der australischen Ureinwohner.

Journalist: Treten die auch auf?

Generalintendant: Nicht persönlich. Aber der Chor in der Torero-Szene trägt Aborigines-Kostüme.

Journalist: Torero-Szene? Herr Schlappenseich übernimmt auch aus »Carmen«?

Generalintendant: Und aus »Peterchens Mondfahrt«. Da musste er als Kind hineingehen, und es war sein prägendes Erlebnis. Notabene: negativer Art. Seitdem hat er eine tiefe Abneigung gegen das Theater.

Journalist: Und dennoch betrauen Sie ihn …

Generalintendant: Gerade deswegen. Wir müssen neue Wege in der Opernregie suchen.

Journalist: Ich möchte ja nicht ... ich erlaube mir nur ... ich meine: Diese neuen Wege, die man seit einigen Jahrzehnten sucht, sind die nicht schon ziemlich ausgetreten? Da es fast keine Operninszenierung ohne SS-Uniformen mehr gibt?

Generalintendant: Sie gestatten, dass ich auf solche Fragen nicht antworte.

Journalist: Verzeihung.

Generalintendant: Bitte. Herr Schlappenseich sieht in der Figur des Telramund die einzig positive Gestalt in dem Stück. Daher besetzt er die Elsa, was nur logisch ist, mit einem Countertenor.

Journalist: Und Lohengrin?

Generalintendant: Schwimmt unter Wasser in einem großen Glasbehälter, der im zweiten Akt die Bühne beherrscht. Wir haben den Kostenvoranschlag schon vorliegen. Der Glasbehälter kostet 350.000 Euro, aber eine private Fernsehanstalt hat schon Interesse gezeigt und übernimmt die Kosten.

Journalist: Und da singt, unter Wasser, Lohengrin die Gralserzählung?

Generalintendant: Die Gralserzählung singt nicht Lohengrin sondern Ortrud, möglicherweise aber Herr Schlappenseich selber. Das steht noch nicht fest.

Journalist: Vielleicht könnte man die »Christel von der Post« noch einbauen, die »Einsam in trüben Tagen« singt?

Generalintendant: Soll das ein Witz sein?

Journalist: Verzeihung.

Generalintendant: Bitte.

Journalist: Aber, wenn ich mir die Frage erlauben darf, wie steht es mit dem Schwan?

Generalintendant: Den Schwan begreift Herr Schlappenseich als den ewig Suchenden. Er wird daher das ganze Stück hindurch auf der Bühne umherirren. Und zum Schluss – das ist eine geniale Umdeutung von Herrn Schlappenseich – Sie kennen den »Sterbenden Schwan«? Bei Schlappenseich wird der Schwan in ein »Sterbendes Schwein« umgedeutet – Stichwort: Globalisierung! Sie verstehen – und von vier Metzgergesellen, die während der Schluss-Szene auftreten, geschlachtet. Und zwar, ja, sicher eine Provokation, aber das Theater muss provozieren, wenn es lebendig bleiben soll.

Journalist: Aber das Schwein ist dann tot?

Generalintendant: Richtig.

Journalist: Ein echtes Schwein? Bei jeder Aufführung?

Generalintendant: Was regen Sie sich auf? Es würde sowieso geschlachtet, und dem Schwein ist es Wurst, ob im Schlachthaus oder auf der Bühne. Apropos Wurst: nach der Aufführung werden die Würste angeboten, die ... (Das Telefon läutet. Der Generalintendant hebt ab.) Generalintendant: Ja, ich bin mitten in einem Interview. – Was? – Wie? – Das kann doch nicht ... – ent ... – entsetzlich – Eine Katastrophe! – Wann? – Heute früh? – Ein Ritter in silberner Rüstung? – Plötzlich im Hotelzimmer? – Mit einem Hieb den Kopf ab? (Der Generalintendant legt, entsetzensbleich, den Hörer auf.) Generalintendant: Sie können jetzt unser Gespräch gleich als Nachruf auf Christoph Schlappenseich verwenden.

Herbert Rosendorfer, RONDO Ausgabe 2 / 2008



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