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Stephan Braunfels

Klare Verhältnisse

65 Jahre nach ihrer Entstehung erlebt die Oper »Jeanne d’Arc« von Walter Braunfels im April an der Deutschen Oper Berlin ihre szenische Uraufführung. Mit dem Enkel des Komponisten – dem Archi tekten und Erbauer der Münchner Pinakothek der Moderne Stephan Braunfels – sprach Robert Fraunholzer über einfache Proportionen, schöne Stimmen und bittere Münchner Erfahrungen.

RONDO: Herr Braunfels, haben Sie Nachrichten über Christoph Schlingensief, der die »Szenen aus dem Leben der Heiligen Johanna« an der Deutschen Oper inszenieren sollte?*

Stephan Braunfels: Ich frage mich lediglich, warum die Deutsche Oper behauptet, Schlingensief habe die Inszenierung »aus persönlichen Gründen « abgesagt. Jeder weiß, dass er schwer krank ist. Einen Tag vor seiner Operation rief er mich an und sagte mir, es handele sich um nichts Gravierendes. Er hatte es offenbar ganz falsch eingeschätzt. Schlingensief, den ich schon lange kenne, ist eine der hinreißendsten Persönlichkeiten, denen ich je begegnet bin. Ein Fan seiner Opernarbeit bin ich allerdings nicht. Die Familie schlug auch die Hände über dem Kopf zusammen, als sie von Schlingensiefs Regiezusage erfuhr.

RONDO: Sie sind bekennender Opernfan, und reisen Ihren Lieblingen sogar hinterher.

Braunfels: Gern und in alle Welt! Es ist allerdings ziemlich aufwändig. Ich spüre einen steigenden Drang, Lieblingsstimmen wie etwa Juliane Banse live zu erleben. Von früh an wurde mein Leben durch Schallplatten von Dietrich Fischer-Dieskau und Wilhelm Furtwängler geprägt. Heute sammle ich CDs, höre sie aber selten.

RONDO: Haben Sie Ihren Beruf verfehlt?!

Braunfels: Ich habe mit sechs Jahren beschlossen, Architekt zu werden. Damals zeigte mir mein Vater die kurz zuvor fertig gestellte Kapelle von Le Corbusier in Ronchamp. Mit neun Jahren bekam ich mein erstes Klavier und wurde fanatischer Klavierspieler. Beim Abitur musste ich mich entscheiden. Nachdem ich die Wettbewerbe um die Pinakothek der Moderne und den Bundestag gewonnen hatte, kaufte ich mir sogar meinen Traumflügel. Dann bekam ich Arthrose in den Fingern. Heute würde ich sagen: Mein Traumberuf ist Dirigent.

RONDO: Besteht ein grundsätzlicher Zusammenhang zwischen Architektur und Musik?

Braunfels: Als Architekt hat man ein großes Orchester zur Verfügung. Der Unterschied ist, dass bestehen bleibt, was ich baue. Darum beneiden mich meine Dirigentenfreunde auch. Ich bin gut befreundet mit Manfred Honeck und Ulf Schirmer, ebenso mit Toni Pappano und James Conlon. Mein größter Fan ist, glaube ich, Christian Thielemann. Allerdings bin ich mit Thielemann nur gut bekannt. Er ist zu schwierig. Ich wiederum beneide Dirigenten um die Intensität ihrer Tätigkeit.

RONDO: Was ist das Musikalische an Ihrer Architektur?

Braunfels: Man kann Musikalität hoffentlich an der Proportionssicherheit merken. Schon der Renaissancebaumeister Leon Battista Alberti hatte seine architektonische Kompositionslehre vollständig aus der Musik abgeleitet. Er hat einfache Intervallsprünge in architektonische Proportionen übersetzt. Klare Verhältnisse sind immer auch schöne Verhältnisse. In der Pinakothek der Moderne können sie alles nach Verhältnissen wie 1:1, 1:2 oder 2:3 durchbuchstabieren. Mein schönstes Kompliment erhielt ich, als beim Eröffnungskonzert zur Pinakothek die »Süddeutsche« titelte: »Münchens bester Konzertsaal wurde eröffnet«. Warum auch nicht?

RONDO: Hat die Musik Ihre Architektur verändert?

Braunfels: Ja, seit ich die menschliche Stimme entdeckt habe, interessiere ich mich nicht mehr primär für den Raum zwischen den Gebäuden. Erstmals plane ich sogar skulpturale Konzertsäle.

RONDO: Ein Erbe Ihres musikalischen Elternhauses?

Braunfels: Wohl schon. Die Pianisten Arthur Schnabel und Edwin Fischer galten bei uns als die Größten. Karajanschallplatten gab es nicht, der war uns schon zu modern. Mein Großvater Walter Braunfels war der nach Richard Strauss wohl meistaufgeführte Komponist seiner Zeit, ein Liebling von Dirigenten wie Wilhelm Furtwängler und Bruno Walter.

»Das Handicap meines Großvaters besteht darin, dass er bekennender Traditionalist war.«

RONDO: Eigentlich kann Ihr Großvater heute froh sein, dass er Sie hat.

Braunfels: Ich bin musikalisch von ihm überzeugt und beinahe so etwas wie sein PR-Chef geworden. Ich plane Ausstellungen, Bücher und sogar eigene CDs. Das Handicap meines Großvaters besteht darin, dass er bekennender Traditionalist war. Von Zwölftonmusik hielt er nichts. Die Ächtung durch die Nachkriegsmoderne war deshalb im Grunde heftiger als die in der Nazizeit. Die war rassistisch und dauerte »nur« zwölf Jahre lang. Der ästhetische Kehraus war künstlerisch begründet und hält im Grunde bis heute an. Da mein Großvater kein Österreicher war, geriet er auch gegenüber der Wiederentdeckung von Korngold und Schreker ins Hintertreffen. Manchen Leuten ist seine Musik schlicht zu schön. Andere mögen das.

RONDO: Warum wurde die »Heilige Johanna« bis heute nicht uraufgeführt?

Braunfels: Mein Großvater hat das Stück in der Zeit seines Aufführungsverbotes, genauer von 1938 bis 1943, komponiert. Ebenso wie bei den anderen Opern aus dieser Zeit, »Verkündigung« und »Das Leben ein Traum«, hat er niemals an eine szenische Realisierung geglaubt. Genau das hat den Werken allerdings auch eine bis heute spürbare Freiheit eingebracht.

RONDO: Ein Hauptwerk?

Braunfels: Sein letztes und größtes Werk. Aber das Stück ist weder Schiller noch Hofmannsthal. Es enthält große, opulente Geschichtsbilder, geschrieben nach den Prozessakten der Märtyrerin. Das Werk meines Großvaters ist heute vor allem dank der Oper »Die Vögel« bekannt, ein schönes Stück, das allerdings nicht das Gesamtwerk repräsentiert. Leider wurde die Decca-Reihe »Entartete Musik« gleich nach der Gesamtaufnahme der »Vögel« gestoppt. Es waren noch die komische Oper »Don Gil« und die »Heilige Johanna« geplant. Sie hätten das Bild stark verändert.

RONDO: Ihr Großvater starb 1954. Was ist von seinem Leben – abgesehen von der Musik – übrig geblieben?

Braunfels: Unsere Familie hat ihr Vermögen vier Mal verloren. Im Ersten Weltkrieg durch Kriegsanleihen. Im »Dritten Reich« durch Notverkäufe. Mein Großvater galt als »Halbjude«, war also von Berufsverboten akut bedroht, ohne in ein Konzentrationslager deportiert zu werden. Durch den Zweiten Weltkrieg und die DDR-Zeit ging das Geld wieder verloren. Ich wäre Milliardär, wenn es erhalten geblieben wäre, und begreife gut, weshalb es in Amerika so viele schwerreiche Sponsoren gibt. Es existiert unser Haus am Bodensee, in das sich mein Großvater zurückzog, nachdem er als Rektor der Kölner Musikhochschule seines Amtes enthoben wurde. Ich bin in diesem Haus geboren und habe Walter Braunfels, als ich vier Jahre alt war, dort noch persönlich erlebt. Sein alter Flügel steht bis heute am selben Platz. Es riecht, wenn ich hinkomme, noch genau wie damals.

RONDO: In München hatten Sie einen neuen Konzertsaal geplant, der allerdings nie gebaut wurde. Haben Sie die Hoffnung darauf aufgegeben?

Braunfels: Ich wollte den von Leo von Klenze geplanten Marstall in ein Foyer umbauen und dahinter einen Konzertsaal für Mariss Jansons’ BR-Sinfonieorchester neu errichten. Alle Nachbarn waren daran nicht interessiert. Man hat den Plan voreilig veröffentlicht, um ihn anschließend umso leichter fallen lassen zu können. Durch einen Ideenwettbewerb ist man mir zusätzlich in den Rücken gefallen. Das ist nicht der einzige Ärger, der mich mit München verbindet. Bei der Pinakothek der Moderne steht ein Großteil meines Honorars immer noch aus. Sie war das billigste Museum der Welt, ist aber zugleich die bitterste Geschichte meines beruflichen Lebens. Ich bin nur wegen meiner Familie und meinen Kindern in München geblieben. Beruflich habe ich auf München keine Lust mehr.


*Anm. der Redaktion: Unser Interview entstand im Februar 2008. Wie die Deutsche Oper in der Zwischenzeit mitteilte, wird die Premiere am 27. April nun doch »von einem Regieteam unter Mitwirkung und nach Aufzeichnungen von Christoph Schlingensief« gestaltet.

Neu erschienen:

Walter Braunfels

Te Deum

Sjörberg, Jonsson, Eric Ericson Kammerchor, Gitta-Maria Sjöberg, Lars-Erik Jonsson, Eric Ericson Chamber Choir Chamber Choir, Swedish Radio Choir, Swedish Radio Symphony Orchestra, Manfred Honeck

Orfeo

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 2 / 2008



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