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Musikstadt: Barcelona

Weltmusikerbe

Er zählt zum Weltkulturerbe und ist einer der schönsten Konzertsäle der Welt: der »Palau« des Jugendstil- Architekten Lluís Domènech i Montaner. In diesem Jahr wird er 100 Jahre alt. Doch Barcelona hat noch mehr zu bieten. Sei es das aus der Asche wiedererstandene »Gran Teatro del Liceu« oder das weniger bekannte Musikinstrumenten-Museum vor Ort. Jörg Königsdorf hat sich umgesehen.

Als Sebastian Weigle ans Liceu kam, merkten die Musiker schnell, was die Stunde geschlagen hatte: Kaum im Haus, ließ er erstmal Uhren in den Probe- und Warteräumen anbringen – ein deutliches Zeichen, dass mit dem neuen Chefdirigenten aus Deutschland auch verschärfte Maßstäbe an Pünktlichkeit und Genauigkeit in Barcelonas Opernhaus einziehen sollten. Wenn Sebastian Weigle das Liceu im nächsten Jahr verlassen wird, um sich ganz seinem neuen Job als Chef der Frankfurter Oper zu widmen, könnte er die Uhren eigentlich wieder mitnehmen: Denn in den letzten vier Jahren hat der Berliner aus einer braven Begleittruppe für italienische Opern das südlichste deutsche Orchester gemacht, das Wagner, Strauss und Berg mit Präzision und spätromantischer Klangkultur veredelt.
Vor der Sonntagnachmittags-Vorstellung der »Elektra« nimmt sich Maestro Weigle, wie man ihn hier tituliert, noch Zeit für einen Café con leche im Operncafé, um über die Musikstadt Barcelona zu sprechen. Eine Stadt, die er nicht nur vom Graben, sondern auch vom Konzertsessel aus gut kennen gelernt hat. »Das Angebot in den beiden Konzertsälen, dem Palau und dem Auditori, ist einfach riesig – wenn man will, kann man jeden Tag ins Konzert gehen. Natürlich läuft hier, wie in allen Städten des Südens, eine Menge auf Gastspielbasis. Aber für mich war das in den letzten Jahren ideal, weil ich so immer wieder Bekannte aus Deutschland treffen konnte: Mal hat Barenboim seine Beethovensonaten gespielt, mal war das Konzerthaus-Orchester mit Mahler da, mal der Thomanerchor mit Bach. Und alles war rappelvoll, weil die Katalanen nicht nur gern ins Konzert gehen, sondern auch viel Geld dafür ausgeben.«
Auch am Liceu, erzählt er, gäbe es haufenweise Musikverrückte: Leute, die sich alle Vorstellungen von Calixto Bieitos »Wozzeck«-Produktion angeschaut hätten und sich jedes Mal anschließend ein Autogramm bei ihm abholten. Leute, die vermutlich auch ganze Monatsgehälter in dem riesigen CD-Shop des Opernhauses lassen, wo es selbst die obskursten Liveaufnahmen gibt, und die vermutlich auch gleich mehrere Abonnements für ihr Opernhaus besitzen. Die Begeisterung der Barcelonés, die sich seit der Wiedereröffnung 1999, fünf Jahre nach dem verheerenden Brand, noch potenziert hat, lässt sich auch an den Zahlen ablesen: 14 Abo- Serien mit insgesamt 24.000 Abonnenten hat das Haus derzeit, 17.000 mehr als noch vor dem Brand. Damit sind die gut 140 jährlichen Vorstellungen schon fast voll, und wer im freien Verkauf eine Karte für einen der 2.300 Plätze ergattern will, sollte sich in jedem Fall rechtzeitig vorher darum kümmern. Prominent besetzt sind am Liceu natürlich fast alle Produktionen: Er könne an Künstlern eigentlich kriegen, wen er wolle, erklärt Weigle, »und wegen der guten Meeresluft kommen gerade die Sänger besonders gern hierher«.

Dass hier, in der Heimatstadt von Caballé und Carreras, klassische Musik zuallererst Gesang bedeutet, braucht nicht groß erklärt zu werden.

Auch bei der neuen »Elektra« des Liceu, eine der wenigen Eigenproduktionen, die das Haus in dieser Spielzeit herausbringt, borden die ausladenden Goldbalkone der fünf Ränge über von opernhungrigen Aficionados. Und am Ende zeigen die Katalanen auch, dass sie die Arbeit ihres fleißigen Chefdirigenten zu würdigen wissen: Nicht die Altstars Deborah Polaski und Eva Marton, die sich hier das mykenische Mutter-Tochter-Duell geliefert haben, räumen den meisten Beifall ab, sondern Don Sebastian, der mit seinem Orchester einen Strauss von irisierender Farbigkeit dirigiert, der klingt, als sei er von dem abenteuerlichen Rankenwerk des katalanischen Jugendstils inspiriert worden. Dass hier, in der Heimatstadt von Caballé und Carreras, klassische Musik zuallererst Gesang bedeutet, braucht nicht groß erklärt zu werden – im Vergleich zu den populären Goldkehlen ist selbst die in Barcelona geborene Pianistin Alicia de Larrocha nur eine mittelgroße Hausnummer. Auch der historische Konzertsaal Barcelonas – der 1908 (61 Jahre nach dem Opernhaus!) eingeweihte Palau de la Musica – entstand eigentlich, weil sich die 1891 gegründete katalanische Chorgesellschaft Orfeó Català einen repräsentativen Bau für ihre Konzerte zulegen wollte. Noch immer sind die Chorherren Eigentümer des lichtdurchfluteten Prachtbaus, an dem der Architekt Lluís Domènech i Montaner einst seine unbezähmbare florale Dekoraktionswut austobte. Und längst ist der 2.138 Plätze fassende Saal mit seinen Tiffany-Glasfenstern, den quietschbunten Mosaiken und den putzigen Skulpturen zum Inbegriff des katalanischen Jugendstils geworden. Den ganzen Tag über werden Touristengruppen durch die hehre Halle geschleust, und hinterher ist im historischen Café des Palau immer noch Zeit für ein Heißgetränk und einen Bocadillo.
Obwohl der Palau im Zuge der 2004 abgeschlossenen Renovierung noch einen modernen Kammermusiksaal dazu bekam und hier pro Jahr circa 360 Konzerte stattfinden (neben Klassik allerdings auch Jazz, Folk und populäre Chormusik) reicht der Saal allein nicht hin, um die Barcelonés mit klassischer Musik zu versorgen – die eher harte, für Orchester nicht unbedingt ideale Akustik der Glas- und Kachelwände ließ denn auch schon in den 90er Jahren den Wunsch nach einem modernen Konzertsaal entstehen. Seit 1999 erfüllt das knapp zwei Kilometer westlich der Altstadt gelegene Auditori diese Bedürfnisse, und auf den ersten Blick wirkt die schnöd modernistische Fassade des würfelförmigen Gebäudes wie eine bewusste Ansage, dass es hier eben wirklich nur aufs Hören ankommen soll. Tatsächlich fährt der Komplex, der neben drei Sälen mit insgesamt knapp 3.200 Plätzen auch noch das Konservatorium und ein sehr gut ausgestattetes Musikinstrumentenmuseum beherbergt, in musikalischer Hinsicht einen deutlich anspruchsvolleren Kurs als der Palau: Wer zeitgenössische Musik hören oder auch Barcelonas (freilich ständig tourenden) Alte-Musik-Star Jordi Savall und sein Ensemble Hesperion XXI einmal in ihrer Heimat erleben will, kommt am besten hierher. Die Barcelonés tun das jedenfalls: Trotz eines nicht unbedingt attraktiven Programms mit zeitgenössischen katalanischen Komponisten und dem Fauré-Requiem ist der Pau-Casals-Saal beim (immerhin drei Mal gespielten) Konzert des Katalanischen Nationalorchesters unter Jesús López-Cobos nahezu ausverkauft. Und man braucht kein katalanischer Nationalist zu sein, um sich von Xavier Montsalvatges Klavierkonzert charmieren zu lassen oder die himmlischen Stimmen des katalanischen Kammerchors zu bewundern. Glückliches Barcelona!

Jörg Königsdorf, RONDO Ausgabe 2 / 2008



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