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Hippie-Jazz

Going Underground

Vor 40 Jahren, im Jahr 1968 änderte sich alles. So will es die Legende. Tatsächlich entstanden im »Hurengebräu« der Ära von Rock, Flower Power und Hippies neue Spielformen des Jazz sowie Zwitter aus Jazz und Rock. An die aufregende Phase des Hippie-Jazz erinnert RONDO-Autor Werner Stiefele.

Es waren verrückte Jahre. Und schöne Jahre – nicht nur, weil findige Köpfe den Slogan »Make Love Not War« prägten. Es ging um mehr als Krieg, Liebe und Frieden: Das komplette Normensystem der Eltern und Großeltern erschien vordemokratisch – von Liebes- und Ehemoral über die Enge von Rock’n’Roll, Bebop, Mainstream, Entertainment bis zur amerikanischen Kriegsführung in Vietnam. Weltweit demonstrierten Jugendliche gegen das verkrustete Establishment im eigenen Land und gegen die Kriegsführung der Amerikaner in Vietnam. Die Welt der Eltern sollte nicht die Welt der Zukunft sein. Liebe, Freiheit, Frieden und Bewusstseinserweiterung – dank Drogen und Meditation – waren eine attraktive Alternative zu Kriegen, Heuchelei, Spießertum und geistiger Unbeweglichkeit. Der Jazz schien am Ende zu sein. Er sei nicht tot, aber er müffle, befand der Rockstar Frank Zappa 1974 Live at the Roxy, und sein Keyboarder George Duke ließ die Puppen zum »Bebop Tango« tanzen. Zappas längst in den ewig währenden Zitatenschatz aufgenommene Floskel brachte auf den Punkt, was die unruhige Generation der Hippies schon in den 1960ern empfand. Das sprunghafte Spiel des Bebop: ausgelutscht. Der Souljazz: verflacht. Die Avantgarde: zu free. Die Coolen: zu komplex und abgehoben. Die Entertainer: zu unpolitisch.
Aber die Auguren dieses Niedergangs hatten sich – wie immer, wenn sie den Tod des Jazz’ verkünden – getäuscht. Aus der scheinbaren Stagnation wuchs etwas Neues, Freches, mit den Träumen der Rebellen Verbundenes: ein von Keyboards, Elektrogitarren und Elektrobässen geprägter Cross over, in dem Rockrhythmen, Free Jazz, exotische Taktarten, wuchtige Bläsersätze und Elektrosounds von Bass, Gitarre und Keyboards verschmolzen. Der Zappaist George Duke etwa brachte 1973 auf »Faces in Reflection« die Keyboards mit Spaß an elektronischen Sounds zum Grooven. Sein Trio rockte lustvoll und funky, und Dukes Gesangsnummern ließen ahnen, dass mit ihm ein großer Fusion-Unterhaltungsmusiker heranreifte. Jean Luc Ponty, Geiger bei Zappa, spielte einige von dessen Nummern 1969 etwas jazziger auf »King Kong« für Blue Note ein. Erfunden haben die Hippies die Elektrosounds nicht. Sun Ra, 1914 als Herman Blount geboren und später zum Abkömmling des Sonnengotts mutiert, entführte bereits 1964 – also vier Jahre bevor die Beatles auf ihrem Album »Magical Mystery Tour« und die Rolling Stones auf »Their Satanic Majesties Request« per Studiotechnik wabernde Klangwolken erzeugten – auf der LP »Cosmic Tones for Mental Therapy« in psychedelische Welten. Hier flirrten instrumentale Kürzel, bauschten sich auf, verwehten, kehrten als Echo wieder und kündigten eine neue Jazz-Ära an.
Die Jazzszene war zu diesem Zeitpunkt noch weit vom Psychodelic- Sound entfernt. Die Avantgarde entwickelte einen »New Thing« genannten, eruptiven, freien Jazz, und die Modernisten erkundeten die modalen Klangwelten – Fortschritt pur. Nur: Diese musikalische Rebellion war zu intellektuell und fand auch mehr Anklang als man heute vermuten würde, aber keine Massenbasis. Auch die Revoltierenden bevorzugten einen festen Rahmen. Zu ihrer Gefühlswelt passte die Art und Weise, in welcher der Saxofonist John Handy mit seinem Quintett am 18. September 1965 auf dem Monterey Jazz Festival Jazz, Free Jazz, ethnische Einflüsse, Rock und Blues in zwei weltentrückten Nummern verband und mit endlos langen Soli die üblichen Vorgaben für Raum und Zeit aufbrach. Von Monterey schwärmte nicht nur der Rocksänger Eric Burdon, der dem Festival einen Song widmete. Monterey schien Kristallisationspunkt des Neuen, denn dort verblüffte ein Jahr später, am 17. und 18. September 1966, die Bigband des Trompeters Don Ellis das Publikum in Monterey mit dem groovenden Stück »33 222 1 222«. Was – so Ellis in seiner Ansage – »just the area code« sein könnte, beziffert genauer gesagt die Unterteilung eines 19 Schläge umfassenden Takts. Die vertrackten, mit der Hippie-Begeisterung für indische Musik korrespondierenden Rhythmen, perfektionierte Ellis ein Jahr später auf dem Album »Electric Bath«, wobei er nun auch noch Vierteltonreibungen in das brodelnde Tongewimmel integrierte – eine sensationelle Klangreise für alle, die sich mit dem starren Gerüst des Rock nicht zufrieden gaben.

Jeder wusste: Das Neue entstammte dem »Underground« – und in dem wähnten sich viele Mitglieder der Hippie-Generation.

Ebenfalls am 18. September 1966 wühlte Charles Lloyd das Publikum von Monterey mit Klängen auf, die so angenehm ins Ohr gingen, dass die Verkaufsziffern der Platte »Forest Flower« rasch die Millionengrenze überschritt und die Band zum Sensationsensemble der Saison aufstieg – in Frankfurt ebenso wie in Antibes, Molde und Newport. Federleicht und magisch erzählt Lloyds Tenorsaxofon von Liebe und Freude, Hektik, Nervosität, Entspannung, Chaos und wieder gefundener Ordnung. Am E-Piano: Keith Jarrett. Am Schlagzeug: Jack DeJohnette. Diese zwei blieben nicht lange bei Lloyd. Der Talentscout und Trompeter Miles Davis warb sie 1969 ab. Er wollte zum Pop-Publikum, und dafür suchte er eine neue Band. Für sein Album »Bitches Brew«, das für die Entwicklung zum rockenden Trance Jazz bahnbrechend war, engagierte er den Gitarristen John McLaughlin aus der britischen Szene sowie den Bassisten Dave Holland. In diesem »Hurengebräu« knüpft die Band ein dichtes Geflecht, aus dem sich einzelne Instrumente – darunter auch Davis’ elektronisch verzerrte Trompete – nach vorn schieben und wieder in den brodelnden Sud zurückfallen. Vor diesem legendären Doppelalbum hatte Davis seit 1965 auf den Platten »E.S.P.«, »Miles Smiles«, »Miles in the Sky« und »Filles De Kilimanjaro« die Öffnung für Blues und Rock begonnen.
Jeder wusste: Das Neue entstammte dem »Underground« – und in dem wähnten sich viele Mitglieder der Hippie-Generation. So traf der Flötist Herbie Mann schon mit dem Namen seiner Platte »Memphis Underground« den Nerv der Zeit – mit einer abgemilderten Soul-Rhythmusgruppe und klar gegliederten, fast riffartigen Flötenkürzeln. Bedeutender sind zwei Alben, die Mann im Oktober 1969 als Produzent betreute: Ron Carters »Uptown Conversation« und Miroslav Vitous’ »Infinite Search«, beides filigrane Meisterwerke des aufkeimenden kammermusikalischen Jazz. Schöner- Wohnen-Klänge bot der deutsche Jazz schon früher. Hier verzückten die rockigen, schwelgerischen Melodien des 1968 gegründeten Dave Pike Set die Fans. Die Disc »Live at the Philharmonie«, 1969 bei den Berliner Jazztagen mitgeschnitten, ist ein exzellenter Vorläufer des Loungejazz von heute. Volker Kriegel, das Melodiegenie der Band, setzte diese Ästhetik mit seinen Formationen »Spectrum« und »Mild Maniac Orchestra« fort, nachdem der Vibrafonist Pike 1972 in die USA zurückgekehrt war. Trotzdem hinkte Deutschland der internationalen Jazzszene hinterher – eine der vielen Folgen der Nazidiktatur. England war weiter. Hier waren die Grenzen niedrig, zumal der Bluesmusiker Alexis Korner und der Organist und Saxofonist Graham Bond Musiker aus beiden Lagern zusammenbrachte. »Nucleus« um den Trompeter Ian Carr, »Soft Machine« um den Schlagzeuger Robert Wyatt sowie die Band »Colosseum« integrierten Jazzeinflüsse so intensiv in ihr Rockkonzept, wie dies in den USA Al Kooper mit »Blood Sweat and Tears« gelang. Am Schlagzeug von Colosseum: Jon Hiseman, seit 1972 musikalischer Weggefährte des damals führenden europäischen Keyboarders und Vaters des deutschen Jazzrock, Wolfgang Dauner, der 1975 mit dem »United Jazz + Rock Ensemble« die erfolgreichste und beständigste europäische Jazzrockformation gründete.

Auch Dauner träumte – ähnlich wie Davis – Ende der 1960er von einer anspruchsvollen, Jazz und Rock verbindenden Musik.

Auch Dauner träumte – ähnlich wie Davis – Ende der 1960er von einer anspruchsvollen, Jazz und Rock verbindenden Musik. Im Gegensatz zu ihm empfanden Deutschlands Jazzmusiker die Gemeinsamkeit mit Rockmusikern eher als ehrenrührig – ganz anders als die Briten. So arbeitete selbst das Dixieland-Urgestein Chris Barber 1971 mit Rockmusikern und imitierte im Stück »O’Reilly« gar die Atmosphäre von Bitches Brew. Briten jammten genreübergreifend. Die Entwicklung vom späten Mainstream zu freien Formen, Trancemomenten und kammermusikalischem Jazz spiegeln die auf zwei CDs dokumentierten Alben »Down Another Road«, »Songs for my Father« und »Mosaics« der Band des Bassisten Graham Collier eindrucksvoll. Mit dabei: die Trompeter Harry Beckett und Kenny Wheeler sowie der Saxofonist John Surman. Sie experimentierten. Sie hatten ihren Spaß, sie negierten alle Grenzen. Nur damals war es möglich, dass Mitglieder von Ian Carr’s Nucleus und Softmachine, aber auch die mit Tippett verheiratete Popdiva Julie Driscoll im fünfköpfigen Ensemble »Centipede« zu wilden Free-Exkursionen aufbrachen, zu einem steten Beat fanden, diesen in Zirpen und Fiepen auflösten, von brachialen Tutti zu filigranen Improvisationen wechselten: ein vergnügliches Happening und ein Bindeglied zwischen Free Jazz, Rock und Rockjazz.
Sie träumten, sie experimentierten, sie drifteten ab. Wohin? Der »Escalator over the Hill« brachte Carla Bley in surreale Gefilde. Aber nur, weil sie zäh war, denn aus Geldmangel wurde das Monumentalwerk zu Texten von Paul Haynes abschnittsweise von November 1968 bis Juni 1971 aufgenommen. In einem seltsamen Hotel geschieht Merkwürdiges. Mit Witz und Ironie verfremdet die große Band Klischees aus Pop und Jazz, und lustvoll kostet sie die Spannung zwischen schrägen Harmonien und eingängigen Melodien aus. Der »Escalator over the Hill« führt in ein Land der Träume, der Zitate, des höheren Blödsinns, der Melancholie. Bleys »Chronotransduction« treibt die realitätsverneinende Seite der Hippie-Ära auf die Spitze. Der dadaistisch- surreale Charakter wirkt wie ein Reflex auf das Zerbrechen der Hippie- Idylle, denn die einen wurden süchtig, die anderen brave Bürger. Bei den Musikern verhielt es sich ähnlich. Hier begannen einige Helden der Rebellion, die neuen Errungenschaften zu konservieren. Schon zu Beginn der 1970er schufen Bands wie Return to Forever, Weather Report und das Maha vishnu Orchestra, Klaus Doldinger’s Passport und Wolfgang Dauners Et Cetera eine neue Ordnung mit klaren Rhythmen und eingängigen Melodien. Während die jungen Wilden von einst die Ernte der Hippie-Ära einfuhren, driftete Miles Davis zusehends in Trance-Konzerte ab – am deutlichsten auf den Doppelalben »Agartha« und »Pangea«, die er am 1. Februar 1975 bei einer Matinee und im Abendkonzert in der Osaka Festival Hall mitschneiden ließ. Aber damit beginnt ein neues Kapitel der Jazzgeschichte.

CD-Tipps:

Carla Bley: Escalator Over The Hill

JOCA/ECM/Universal

Chris Barber: The Outstanding Album

Bell

Colosseum: The Valentyne Suite

Sanctuary/Soulfood

Blood Sweat and Tears: Blood Sweat and Tears

Columbia/Sony

Soft Machine: Volumes One and Two

ACE Records/Soulfood

Dave Pike Set: Live At The Philharmonie

Promising Music/SPV

Jean Luc Ponty: King Kong

Blue Note/EMI

Sun Ra: Cosmic Tones For Mental Therapy

Evidence/ZYX ECD

Keith Tipppett: Centipede

BGO/Soulfood

United Jazz + Rock Ensemble: Live At Schützenhaus

mood records/Zweitausendeins

Miroslav Vitous: Infinite Search

Rhino

Werner Stiefele, RONDO Ausgabe 2 / 2008



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