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Herbert von Karajan zum 100. Geburtstag

Kehraus mit Karajan-Klischees: Zehn Irrtümer über einen der bedeutendsten Dirigenten des 20. Jahrhunderts.

Am 5. April wäre Herbert von Karajan 100 Jahre alt geworden. Seine Frau Eliette hat zu diesem Anlass ihre (wenig ergiebigen) Memoiren herausgebracht. Viele andere werden die altbekannte Kritik am vorgeblichen Schönfärber und Großverdiener Karajan wiederholen, am Mega-Maestro und Pult-Divo par excellence. RONDO dagegen räumt mit alten Karajan-Klischees auf. Robert Fraunholzer erklärt einen Dirigenten, der bis heute heller leuchtet als alle Konkurrenz.

1. Der High-Society-Dirigent?

Greta Garbo kam gern zum Schwimmen, mit Onassis und Helmut Schmidt unternahm man Segeltörns. Auch die Salzburger Festspiele hat Karajan zu einem Event der Superreichen ausgebaut. Er selbst mied die Gesellschaft, hasste Partys und bevorzugte es, mit Luis Trenker Bergtouren zu unternehmen. Er war sich bewusst, ein Sonderling zu sein, und hat auf Trenkers Frage, wie er es mache, sich so viele Noten auswendig merken zu können, einmal tiefsinnig (in der Skisprache) geantwortet: Ihm falle einfach »der Parallelschwung nach links leichter als der nach rechts«. Karajan: ein Weltflüchtling, den die Welt liebte.

2. Der Nazi?

Edwin von der Nülls Schlagzeile »Das Wunder Karajan« (in der »B. Z. am Mittag« 1938) erzeugte das zählebigste Karajan-Klischee. Wahrscheinlich war die Jubelkritik ein von den Nazis gesteuerter Angriff gegen Furtwängler. Karajan hat sie eher geschadet. Er geriet zwischen die Fronten und bekam fortan nicht mehr viel zu tun. Zwei Mal ist Karajan in die NSDAP eingetreten. In Salzburg ließ er sich 1933 für die Partei anwerben, zahlte aber den Aufnahmebeitrag nicht. Die Mitgliedschaft erlosch. In Aachen trat er 1935 wohl aus Opportunismus bei. Als Antisemit ist Karajan nie aufgefallen. Im Gegenteil: 1942 heiratete er die als »Vierteljüdin« geltende Anita Gütermann – sie blieben bis nach dem Krieg zusammen. Karajans Karriere stagnierte, bis er 1955 die Nachfolge Furtwänglers bei den Berliner Philharmonikern antrat.

3. Der Womanizer?

Karajan, einst »der jüngste Generalmusikdirektor Deutschlands«, begann seine große Karriere, als er fast 50 war. Die teerige Frisur des Jungspunds wirkte wenig anziehend. Auch der Silberschopf des rapide Vergreisten ließ wenig Sinnlichkeit ahnen. Karajan war schüchtern und fand sich durchaus nicht gut aussehend. Er pflegte – trotz dreier Ehefrauen und zahlreicher Affären (z.B. mit der Schauspielerin Margot Hielscher) – angeblich auch erotische Beziehungen zu Männern. Sekretäre und Organisatoren (Mattoni etc.) waren ohnehin schwul. So fragt man sich, ob seine zwei Verbeugungen vor jedem Konzert tatsächlich jeweils der Ehefrau und der Geliebten galten. »Mit Frauen hat er, glaube ich, immer Pech gehabt« – hat Christa Ludwig gegenüber RONDO gesagt. Eliette war sein Spezialtrick, um als »Dirigent der Frauen« gelten zu können. Mit Erfolg.

4. Der Selbstherrliche?

Karajan war unsicher durch und durch. Überrascht, ja sogar irritiert hat Wolfgang Stresemann (Karajans langjähriger Intendant in Berlin) erzählt, selbst der späte Karajan habe in steter Unsicherheit geschwebt, ob ihn das Publikum noch einmal akzeptieren und mit offenen Armen empfangen werde. Seine Rastlosigkeit bis ins hohe Alter sollte Selbstzweifel überdecken. Darin war er dünnhäutig wie alle Großen. Je selbstsicherer er Geleistetes einfach wieder abspulte (wie in den 80er Jahren mit den Berliner Philharmonikern), desto seltener wurden die Siege. Karajans Erfolgsgeheimnis: Er brauchte den Schwung des Debüts, die Unschuld der ersten Begegnung, um sein Genie zeigen zu können.

5. Der Technik-Freak?

Karajan, so heißt es, sei von technischen Neuerungen besessen gewesen und habe im Studio endlos nachpoliert. Stimmt wieder nicht. Produzenten wie Michel Glotz (s. Interview auf Seite 16) hatten große Mühe, den Meister zum Nachbessern seiner CDs zu animieren. Karajan machte Schallplatten nebenher (meist als Proben für nachfolgende Aufführungen). Er nahm das von Solisten, was sie ihm anboten, und ließ gerne durchspielen. Er war Livemusiker, dessen Klangästhetik zufällig den Vorteil besaß, sich gut im Studio reproduzieren zu lassen. (Anders etwa als bei Furtwängler.) Technik war Mittel zum Zweck. CDs waren Geldquellen für ihn, kaum mehr.

6. Der Sportler?

Ob Karajan die Segelyacht und sein Privatflugzeug selbstständig steuerte, wissen nur seine Co-Piloten. Die Übelkeitsanfälle seiner Passagiere jedenfalls, an die sich Anne-Sophie Mutter und auch Eliette von Karajan mit Grausen erinnern, sprechen nicht für den souveränen Sportflieger, zu dem sich Karajan auf Fotos stilisierte. Man bedenke, dass der Maestro nie unabgesegnete Fotos von sich an die Öffentlichkeit ließ. Der Mythos vom begnadeten Sportfan entsprach dem Bild, das er von sich verbreiten wollte. Wahr ist nur eines: Karajan hat den Sportpulli in die Klassik eingeführt.

7. Der Stimmen-Ruinierer?

Alle Sänger, die jemals mit Karajan zusammengearbeitet haben, liebten seine Fähigkeit, einen roten Orchesterteppich für sie auszurollen und sie unvergleichlich zu begleiten. Einige Sänger liebten ihn sogar dermaßen, dass sie Rollen für ihn übernahmen, die sie nicht hätten singen sollen (z. B. Katia Ricciarelli als »Turandot«). Im Studio indes hat das den wenigsten von ihnen geschadet. Heute gehen Sänger auf der Bühne zumeist größere Wagnisse ein – und zahlen einen höheren Preis als Helga Dernesch oder Gundula Janowitz, deren Karrieren auch nach Karajan munter weitergingen. Sagen wir es so: Karajan verschaffte Lieblingssänger(inne)n exorbitante Chancen. Es war ihm ebenso egal wie den meisten Dirigenten, ob sie das überlebten oder nicht.

8. Der Regisseur?

Das Große Festspielhaus in Salzburg – das Haus mit der größten Bühnenbreite seiner Zeit – plante Karajan ebenso persönlich mit wie die Berliner Philharmonie. Als Regisseur sahnte er allsommerlich doppelt und dreifach ab. Dreist, ja beinahe schamlos hat er sich hierfür als Regisseur bei der Bühnenästhetik Wieland Wagners bedient. Mit ihm hatte er sich zuvor strategisch überworfen (Karajan dirigierte 1951/52 in Bayreuth). Richtig ist, dass Karajans Salzburger Ära seiner Selbstinszenierung diente. Und bis heute besuchen viele nur seinetwegen die Festspiele. Karajans Selbstverständnis: »Le festival, c’est moi!« wirkt bis heute.

9. Der Großverdiener?

Es wäre ja noch schöner, wenn nicht einige Klischees tatsächlich der Wahrheit entsprächen. Karajans Vermögen wurde auf 250 Millionen Euro geschätzt. Er besaß vier Häuser (in Salzburg-Anif, St. Moritz, Saint-Tropez und bei Wien) samt Personal, ein zweistrahliges Düsenflugzeug, eine Rennsegelyacht sowie zehn bis zwölf Autos. Doch er hatte – anders als viele heutige Reiche – sein Geld selbst verdient. Karajan war noch Selfmade-Millionär.

10. Der Digitale?

Karajan hat die Entwicklung der CD nicht nur beschleunigt, sondern sogar deren Laufzeit (gut 70 Minuten) mitbestimmt. Er wollte, dass Beethovens Neunte auf einer einzigen Scheibe Platz hat. Trotzdem reichten seine Erfolge im digitalen Zeitalter kaum an frühere Großtaten heran (Ausnahme: Strauss’ »Alpensinfonie«). Kurz: Karajan leitete die Ära der Digitalaufnahmen ein, doch er war und blieb der bedeutendste Schallplattendirigent des Analogzeitalters. Dass man dies nicht erkannte, trug ihm später viel Ärger und grundsätzliche Kritik ein. In Wirklichkeit gibt es keinen anderen Dirigenten, der so viele gloriose Analogaufnahmen (bis etwa 1980) hinterlassen hat wie er. Sein Vermächtnis ist reich genug, um ein völlig neues Karajanbild zu begründen. Karajan soll leben!

Neu erschienen (Auswahl):

Orchesterwerke

EMI

Opern und Vokalwerke

EMI

Herbert von Karajan – Master Recordings

DG/Universal

Karajan – The Legendary Recordings

Decca/Universal

Karajan Gold

DG/Universal

DVD:

Karajan – Dokumentation (Film von Robert Dornhelm)

DG/Universal

Bisher unveröffentlicht:

Beethoven

Fidelio

Janowitz, Ludwig, Vickers, Berry, Wächter, Chor und Orchester der Wiener Staatsoper u.a.

DG/Universal

Hörbuch:

Richard Osborne: Karajan – Mensch und Mythos

DG/Universal


Interview mit Michel Glotz: Karajans Kreuz

Der französische Impressario Michel Glotz war von 1968 bis 1989 Karajans Produzent und Aufnahmeleiter – und einer seiner engsten Freunde. Guido Fischer sprach mit dem Karajan-Intimus über das Erbe des Maestros – aber auch über seine Vergesslichkeit.

RONDO: Können Sie sich noch an Ihre erste Begegnung mit Karajan erinnern?

Michel Glotz: Ich traf Karajan zum ersten Mal 1957 in Saint-Tropez. Und mein erster Eindruck war genauso, wie ich ihn mir vorgestellt hatte. Er war ein Gentleman, äußerst vornehm, aber ohne Allüren – genau das Gegenteil von dem, was man über ihn sagte. Und er hatte einen enormen Sinn für Humor.

RONDO: Beim Dirigenten Karajan soll dagegen ein anderer Ton geherrscht haben …

Glotz: Karajan war ein extremer Perfektionist. Er konnte einfach nicht ausstehen, was er stets mit »Schlamperei« bezeichnete. Da konnte er regelrecht verrückt und ungehalten werden. Abgesehen davon liebte er es, wenn das Orchester entspannt war, wenn die Musiker und Sänger lachten. Und er war der Erste, der sie zum Lachen brachte. Rückblickend war er natürlich ein Despot im Vergleich beispielsweise zu einem Sir Simon Rattle. Aber ehrlich gesagt: Ist Rattle wirklich ein Big Boss? Für mich ist er es nicht.

RONDO: Sie haben unzählige Karajan-Einspielungen betreut. Welche würden Sie zu den Highlights zählen?

Glotz: Auf jeden Fall müssten alle Straussaufnahmen dabei sein, seine Brahmseinspielungen und einige mit Anne-Sophie Mutter, als sie noch göttlich spielte. Dagegen kann ich genau sagen, welche Aufnahme ich nicht mag: Es ist die von Haydns ›Jahreszeiten‹, weil von den Sängern über den Chor bis zum Orchester alle schlecht waren. Während eines gemeinsamen Dinners fragte mich Karajan einmal, ob es eine Aufnahme gäbe, die mir nicht gefällt. Als ich die »Jahreszeiten« nannte, sah er mich erstaunt an: »Haydns Jahreszeiten? Aber die haben wir doch gar nicht gemacht. « Und ich antwortete: »Das nenn’ ich selected memory, Herbert.« Darauf fi ng Karajan an zu lachen: »Andererseits erstaunt es mich nicht, dass ich das vergessen habe. Schließlich mag ich das Werk ja gar nicht.«

RONDO: Wie lief eigentlich eine Aufnahmesession ab?

Glotz: Karajan hat dem Biografen Osborne erzählt, dass er es hasste, wenn während eines Takes das Telefon läutete und ich ihn darauf hinwies, dass vielleicht das Orchester nicht zusammen war. Ich musste es aber tun, weil es ihm zuwider war, Korrekturen zu machen. Und nachdem, wie bei den Aufnahmen der »Salome«, wieder einmal das Telefon geklingelt hatte, warf er es auf den Boden, kam wutschnaubend in den Kontrollraum und blaffte mich an: »Du willst mich ärgern!« Doch kaum hatte ich ihm das Resultat vorgespielt, guckte er wie ein begossener Pudel und entschuldigte sich. Später sagte er einmal zu mir: »Du bist das Kreuz auf meinen Schultern.«


Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 2 / 2008



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