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Louis Lortie

Der stille Pianist

Vor einigen Jahren hörte RONDO-Autor Matthias Kornemann den Pianisten Louis Lortie mit einem Programm, bei dem anwesende Pianisten erblasst sein sollten – sämtliche Etüden und Préludes von Chopin, hintereinander weg. Der Enkelschüler Alfred Cortots denkt aber nicht daran, aus seiner technischen Überlegenheit Bravourfunken für helles Virtuosenstrohfeuer zu ziehen. Selbstgenügsam konzentriert er sich darauf, das von den Kollegen längst dick übermalte Kernrepertoire peu à peu zu altem Glanz zu polieren.

An jenem denkwürdigen Abend spielte Lortie alle 24 Etüden Chopins, federleicht, als sei das Clementi, danach die 24 Préludes. Seine »Kollegen«, sollten welche im Saal gewesen sein, dürften wissen um die lebensgefährlichen Abgründe, die sich auf dieser Programmbahn eigentlich alle paar Takte auftun. Louis Lortie meisterte sie nicht nur mit einer atemberaubenden manuellen Sicherheit, er ließ auch alle zirkushafte Akrobatik weit hinter sich auf diesem fast spirituellen Weg zu einem Klavierglück, das ich bis heute nicht vergessen habe. Die meisten Hörer aber ahnten nicht einmal, Zeuge einer pianistischen Gipfelleistung gewesen zu sein. Es gibt eine Art interpretatorischer Vollkommenheit, die sich dem Publikum entzieht. Es vermisst die sichtbaren Mühen, mit denen der Spieler dem störrischen Werk seinen Personalstil einzuprägen scheint. Bravo, Brüllen und Trampeln perlen ab an einer Kunst, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, die durch den Angriff des pseudoindividuellen Stils abgeblätterten Partituren zu altem Glanz zu bringen.
Bei der Rettung von Liszts zu ewiger Verdammnis im Höllenkreis der Klassenabende und Examensprüfungen verurteilten Dante-Sonate zeigt sich diese Kunst erneut auf ihrer ganzen Höhe. Im Konzert, aber auch im Rahmen seiner Gesamtaufnahme der »Années de pèlerinage« erleben wir einen regelrechten Dante-Restaurator, der dem Werk keine weiteren Überspannungen auflädt, sondern die abgenutzten Klangflächen reinigt und derart raffiniert ausleuchtet, dass man selbst in den heiklen Tremoloklingeleien und Akkordrepetitionen verfeinerte musikalische Substanz unter den dicken Pinselstrichen entdecken kann.
Louis Lortie wurde 1959 in Montreal geboren. Seine wichtigste Lehrerin Yvonne Hubert wurzelte tief in der französischen Tradition. Sie war Schülerin Cortots, und in ihrer Abschlussprüfung saß kein Geringerer als Fauré der Prüfungskommission vor – auch wenn er da vermutlich schon völlig taub war, wie Lortie amüsiert hinzufügt. Lortie und Marc-André Hamelin zählten zu ihren letzten Schülern. Bei allem Stolz auf diese Ahnenreihe sahen sie sich aber nicht mehr gebunden an die überkommenen stilistischen Verbindlichkeiten einer Schule. Die Klavierwelt war längst global geworden, und es war der Segen und der Fluch zugleich, dass seine Generation im diskografischen Schatten der Pianistenriesen aufwuchs.
Lortie begriff es als Bereicherung: »Wir waren eine Generation, die viel Platten gehört hat«. Selten habe ich einen Künstler mit derart vollständigen Kenntnissen der entlegensten Verästelungen der Schallplattengeschichte kennengelernt, der mit einer vergleichbaren natürlichen Vertrautheit vom Stil so entlegener Aufnahmen wie Richter-Haasers Version des zweiten Brahmskonzertes oder Kempffs spätem Bach parlieren kann. Die Unbefangenheit dieser Überväter im diskografisch unerschlossenen Land mag dieser Generation verlorengegangen sein. Sein »Klassenkamerad« Hamelin wich in die Nischen des unbeachteten Virtuosenrepertoires aus, Lortie aber, gewiss der Feinnervigere der beiden, stellte sich dieser Problematik über seine ganze Karriere und kultivierte den »zweiten Blick« auf die Repertoirestücke.
Auch dank einer in unseren Tagen fast einmalig langen »Ehe« mit dem britischen Edel-Label Chandos ist so eine beeindruckende Aufnahmestrecke zusammengekommen. Von Beethovens Sonaten über Chopin und Ravel bis zu entlegenem Stoff wie dem im Februar erschienenen Klavierkonzert Lutosławskis. Es ist kein durchdringender Personalstil, der dieses weite Repertoire eint, sondern jene diskrete Perfektion, die Bekanntes behutsam aus den abgelebten Hüllen ihrer langen Bühnenexistenz zieht. Diesem immens begabten Künstler wird dann auch gar nicht daran gelegen sein, sich mit Bühnenfeuerwerk den Jubel der Auditorien zu erkaufen, was ihm so leicht fiele, wenn er nur wollte. Aber wenn die Hörer den Saal mit dem Satz auf den Lippen verlassen, »genau so und kein bisschen anders sollten Chopins Etüden oder Liszts Années de pèlerinage klingen«, dann hat er sein Höchstes erreicht.

Frédéric Chopin

Louis Lortie Plays Chopin

Louis Lortie

Chandos

Matthias Kornemann, RONDO Ausgabe 2 / 2012



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