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Fanfare

Man sagt das so: Paris, das sei die Stadt der Liebe. Als gäbe es keine Liebe in Moskau (im und vor dem Kreml!), in Rom (nächtens, am Trevi-Brunnen!), in Chicago (beim Cocktail auf dem Sears Tower!) oder, sagen wir, in Schwieberdingen (das liegt bei Stuttgart und ist wirklich zum Verlieben wie geschaffen!). Wer aber einmal in Paris gelebt und geliebt hat oder einmal dort war, als er verliebt war, der weiß, dass etwas Besonderes dran ist an dem Satz über die Liebe und Paris. Ohne jetzt weitere Details zu verraten, so sei doch immerhin so viel preisgegeben: Wir waren, nach einem Dutzend an Jahren, dort, weil Freunde uns zum 15. Hochzeitstag ein Wochenende in Paris und dazu Karten für die Oper geschenkt hatten, für »Parsifal«. Und weil wir schon einmal da waren, haben wir uns auch gleich noch den »Wozzeck« angesehen. So unterschiedlich die Stücke, so unterschiedlich waren auch die Inszenierungen. Grandios Christoph Marthalers abgrundtiefe und psychologisch extrem ausgefeilte Deutung der Bergoper im Bühnenbild von Anna Viebrock. Und auch die beiden Hauptdarsteller haben uns ausnehmend gut gefallen. Angela Denoke, sie war die Marie und als diese sängerisch wie darstellerisch fantastisch, hätten wir mit den kohlrabenschwarzen Haaren beinahe nicht erkannt. Leichter fi el es (uns) diesbezüglich mit Simon Keenlyside, der den Wozzeck gab. Er trug keine Perücke, aber auch er sang hinreißend schön – wenn man angesichts seiner Partie von Schönheit überhaupt sprechen will.
Im Fall von Wagners »Bühnenweihfestspiel « darf man dies hingegen ohne Wenn und Aber tun. Einfach himmlisch, diese Musik. Vor allem dann, wenn sie nicht, wie so häufi g, zelebriert, sondern so gespielt wird, wie es ihr Schöpfer vorsah. Hartmut Haenchen hatte sich die Partitur daraufhin noch einmal angesehen, und er war zu dem richtigen Ergebnis gekommen, man müsse diesen »Parsifal « zügiger dirigieren. Und also tat er es und dies sehr zu unserem Genuss. Nach der Oper spazierten wir Arm in Arm an der Seine entlang und fühlten uns, als ob wir über das Trottoir schwebten.
So betrüblich das auch war, wir mussten dann wieder zurück nach Deutschland. Die Arbeit rief. Doch auf dem Weg zurück konnten wir dann doch nicht anders, als in Brüssel Halt zu machen. Joyce DiDonato sang dort Wahnsinnsarien von Händel, das Ensemble Les Talens Lyriques unter Christophe Rousset begleitete sie. Und ohne Übertreibung kann man nur sagen: Es war Wahnsinn! Diese Stimme! Dieses Beben! Dieses Zittern! Nie zuvor haben wir eine derartig glaubwürdige Furie erlebt wie diese Lady aus Kansas City. Um uns davon zu erholen, fuhren wir dann nicht sofort nach Hause (wir schoben eine Krankheit vor), sondern nach Schwetzingen, zu den Festspielen. Dort gab es einen Abend, den wir auch nicht aus dem Gedächtnis streichen werden. Eine Doppelaufführung mit einer Taufhebung: das Drama für Stimmen »Hybris« von Adriana Hölszky, einer der profi liertesten Komponistinnen unserer Zeit, kam in Schwetzingen zur Welt, gekoppelt war es mit der hinlänglich unbekannten Oper »Niobe« des hinlänglich unbekannten Agostino Steffani von 1688. Auch hier ging es um Flüche und um das, was die Lateiner Fatum nannten, um archaische Muster und Liebes- und Machtwahn, kurz: um die Randgebiete unserer Existenz. Wir gingen verwirrt hinaus. Aber auch ergriffen. Vor allem Maria Bengtsson als Niobe nahm unsere Ohren und Augen in Gewahrsam. Eng umschlungen spazierten wir im herrlichen Schlossgarten durch die Nacht. Und dachten an Paris. Und wann wir wieder hinfahren. Davon wird berichtet werden, verspricht Ihnen,
Ihr Tom Persich

Tom Persich, RONDO Ausgabe 3 / 2008



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