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50 Jahre Brühler Schlosskonzerte

Der Haydn-Gourmet

Seit 50 Jahren ist die schwungvolle Architektur von Balthasar Neumann der perfekte Resonanz körper für die Brühler Schlosskonzerte. Chefdirigent Andreas Spering will aus dem früheren »Gemischtwarenladen« ein Spezialitätenhaus für Joseph Haydn machen.

Um seinen Platz im Brühler Schloss zu beschreiben, muss Andreas Spering nicht viele Worte machen. »Da, wo die englische Königin stand«, reicht eigentlich, um die Bilder von den live übertragenen Galaempfängen wieder heraufzubeschwören, bei denen die Honoratioren der Bonner Republik an den Großen der Welt vorbeidefilierten. Seit zwölf Jahren ist der bekannteste Treppenabsatz der deutschen Geschichte Sperings wichtigster Arbeitsplatz: Knapp 30 Mal im Jahr, in der Zeit zwischen Mai und Oktober, ist das Rokoko-Treppenhaus von Schloss Augustusburg, wie die ehemalige Residenz der Kölner Erzbischöfe eigentlich heißt, Schauplatz der Brühler Schlosskonzerte, und seit Spering hier das Ruder übernommen hat, weht ein frischer Wind durch das alte Gemäuer. »Als ich 1996 anfing, waren die Schlosskonzerte ein ziemlicher Gemischtwarenladen«, erzählt er. Die Idee klassischer Musik in historischem Ambiente, mit der Sperings Vorgänger Helmut Müller-Brühl Ende der 50er Jahre die Brühler Konzerte zur Institution im deutschen Festspielkalender gemacht hatte, reichte damals nicht mehr aus, um ein Festival unverwechselbar zu machen. Die Lösung, die er schließlich nach Jahren des Herumprobierens fand, war überraschend einfach: Irgendwann fiel Spering auf, dass es auf deutschem Boden zwar drei Händel-Festspiele gab, aber kein einziges, das seinem Lieblingskomponisten Joseph Haydn gewidmet war. »Dabei ist Haydn der große Komponist, bei dem sich die meisten Entdeckungen machen lassen: Von der Kirchen- und Kammermusik ist vieles immer noch kaum bekannt, von Kostbarkeiten wie den ›Schottischen Liedern‹ mal ganz abgesehen«, schwärmt Spering.
Für Spering liegt in der Konzentration auf Haydn die Chance zur Erarbeitung eines spezifischen Stils – und der, erklärt er, brauche einfach Zeit: »Wenn man die rhetorischen Kontraste bei Haydn zu ruppig ausspielt, schlägt man vieles tot. Für mich ist Haydn Klang gewordene Aufklärung: Die Themen sind oft ganz unscheinbar, werden aber durch den Bildungsprozess der musikalischen Form veredelt – das verlangt einen viel subtileren Stil als beispielsweise Beethoven.« Durch die Einspielungen früher Kantaten und zuletzt des Oratoriums »Il ritorno di Tobia« hat man inzwischen auch weit über den Kölner Raum hinaus die im Stillen gewachsene Haydnkompetenz von Spering und seiner aus dem Kölner Alte-Musik- Pool rekrutierten Capella Augustina bemerkt. Und während der erste Brühler Haydnschwerpunkt vor einigen Jahren von Insidern noch als todsicherer Publikumsflop beargwöhnt wurde, hat nunmehr der Entschluss, die Brühler Schlosskonzerte von diesem Jahr an immer mit einem Haydnfestival im August zu krönen, Spering sogar eine Auszeichnung der Initiative »Deutschland – Land der Ideen« eingetragen. Ein schönes Geschenk zum 50. Geburtstag der Reihe. Sein Ziel hat Spering dabei fest vor Augen: »Wenn die Leute Brühl hören, sollen sie zuerst an Haydn denken – und nicht mehr an Steffi Graf.«

Jörg Königsdorf, RONDO Ausgabe 3 / 2008



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