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Musikstadt

Abu Dhabi: Die Wüste lebt

Noch vor 40 Jahren gab es in Abu Dhabi weder Strom, noch fließendes Wasser. Heute ist es die reichste Stadt und die Kapitale der Vereinigten Arabischen Emirate. Auf der »Insel des Glücks« will man bis 2018 das weltgrößte Ensemble von Kultureinrichtungen bauen. Dieter David Scholz besichtigte vor Ort die enormen Anstrengungen des Wüstenstaats und hatte auch die Gelegenheit, den Chef der Scheichs in Sachen Kultur, Zaki Nusseibeh, vors Mikrofon zu bekommen.

Noch immer erschallt wie seit Jahrhunderten allabendlich nach Sonnenuntergang der Ruf des Muezzins aus den Lautsprechern der unzähligen Moscheen in Abu Dhabi, der boomenden Metropole der Vereinigten Arabischen Emirate. Und doch treffen gerade in ihr Tradition und Moderne, das Vorgestern und das Übermorgen aufeinander wie nirgends sonst. Gewaltige Anstrengungen werden in Städtebau und Architektur unternommen. In Tourismus und Kultur wird investiert wie kaum sonst wo in der Welt. Das Erdöl macht’s möglich. Noch werden täglich 2,7 Millionen Barrel gefördert. Abu Dhabi hat nicht weniger als zehn Prozent der weltweiten Ölreserven. Man kann sich erlauben zu tun und zu lassen, was man will. Also baut man eine internationale Stadt in die Wüste. Und installiert ein internationales Kulturleben. Warum nicht?
Aber es mutet schon etwas exotisch an, ausgerechnet am Persischen Golf, zwischen Sand und Meer, in einem der größten und luxuriösesten Hotels der Welt, dem Emirate Palace, im hauseigenen, vergoldeten Theater die Staatskapelle Dresden mit Wagnermusik zu hören. Für Zaki Nusseibeh, der in München Deutsch gelernt hat und seit Jahren nach Bayreuth pilgert, Oberhaupt des im vergangenen Jahr gegründeten Wagner- Verbands Abu Dhabi und Berater des amtierenden Scheichs in Sachen Kultur (so etwas wie ein Kulturminister des Landes), ist dieses hochkarätige Wagnergastspiel nur der Anfang eines Diskurses: »Es ist gar nicht exotisch, denn Wagners Musik ist eine internationale Musik, eine Sprache, die alle verstehen können, auch die Araber. Aber man muss Wagner bei uns besser bekannt machen. Deshalb dieses Gastspiel für 1.300 Gäste. Und das ist erst der Anfang. Wir wollen mit europäischen Orchestern, aber auch mit Theatern und Opernhäusern langfristig Kooperationen schließen.«

Nicht nur ein Großteil der königlichen Familie, alles, was Beine hatte und etwas auf sich hielt, strömte in die märchenhafte Luxusherberge am Meer. Über die Kosten dieses einmaligen Gastspiels schweigt man sich aus. Geld spielt ohnehin keine Rolle am Persischen Golf. Man will um jeden Preis Magnet für ein künftiges (betuchtes) Weltbürgertum werden. Es geht um Zukunftsmärkte, denn vorbei sind die Zeiten, als man von Datteln, Fisch, Kamelen und vom Perlentauchen lebte. Und nur noch 30 bis 50 Jahre sprudelt das schwarze Gold. Verständlich, dass die Anstrengungen groß sind und die Gästeliste lang ist in Abu Dhabi: Politiker, Wirtschaftsbosse, Investoren und Kulturmanager geben sich die Klinke in die Hand. Längst ist die westliche Warenkultur von Armani bis Zara in den gigantischen Shopping-Malls verankert. Jetzt rückt die Hochkultur nach. An die 100 Milliarden werden investiert in 2.680 Küstenhektar, auf denen laut Cultural District Master Plan ein Kulturreservat mit unter anderem 29 Hotels, drei Yachthäfen und zwei Golfplätzen emporschießen soll, Weltklasse natürlich. Der größte Guggenheimbau der Welt ist in Planung, eine Dependance des Louvre, rund 20 weitere Museen und Kunstpavillons nach Plänen von internationalen Stararchitekten wie Norman Foster, Jean Nouvel, Frank Gehry und Tadao Ando. Man baut ein avantgardistisches Performing Arts Center, in dem ein Konzertsaal mit 2.000 Plätzen, eine Bühne mit 1.800 Plätzen und eine Oper mit 1.200 Plätzen, ein Theater mit 900 und noch ein Saal mit 400 Plätzen untergebracht ist. Das sprengt alle europäischen Dimensionen. An den Ausverkauf, ja den »Untergang des Abendlandes« mag der Eine oder Andere dabei denken. Zaki Nusseibeh winkt ab.
»Kern dieses Projektes ist die Bildung und Erziehung unserer jungen Generationen. Das ist für uns eine Notwendigkeit, kein Luxus. Ich bin der Überzeugung, dass es nur eine Zivilisation gibt, die Menschheit. Aber jede Kultur kann einen eigenen Beitrag zu dieser Zivilisation leisten, auch der Islam, auch die Araber. Sie spielten in der Vergangenheit und spielen in der Gegenwart eine wichtige Rolle. Unseren Beitrag zu leisten, ist unser Anliegen. Und wir lernen gern von Europa. Natürlich darf auch Richard Wagner in diesem Bildungsprogramm nicht fehlen. « Interkultureller Austausch als Investition ins Übermorgen. Martin Roth, Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, der im Staatskapellen-Tross mitreiste an den Persischen Golf, um Kooperationen in Sachen Kunst anzukurbeln, hat erkannt, was viele andere Institutionen und Politiker im guten alten Europa verschlafen: »Was mich hier fasziniert, ist die extrem große Offenheit der Erziehung, der Bildung, der Musik, der Forschung gegenüber. Man macht hier wirklich sehr viel, um eine neue Drehscheibe für die arabische Welt zu werden, nachdem Beirut danieder liegt, Bagdad nicht mehr funktioniert, Teheran schwierig geworden und Kairo zurückgeblieben ist.«
Alleine in Abu Dhabi und Dubai leben immerhin dreieinhalb Millionen Menschen in Großstädten. Es gibt zwei gigantische Flughäfen, die auf halbem Wege zwischen Europa und Asien liegen. Wer es noch nicht bemerkt hat: Die Welt verschiebt sich langsam, aber sicher nach Osten. Abu Dhabi wird wie eine Drehscheibe zwischen den Kulturen funktionieren. Freilich, klassische Musik wird einstweilen für die meisten Einwohner eines Landes, das zu 85 Prozent von ausländischen Arbeitskräften bewohnt wird, wohl noch Zukunftsmusik bleiben. Aber man darf gespannt sein auf das Morgen im »Übermorgenland« und auf die Rückwirkung der gigantischen arabischen Kulturstrategie auf Europa.

Dieter David Scholz, RONDO Ausgabe 3 / 2008



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