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Christoph Hartmann

Wie geschmiert

Christoph Hartmann spielt Oboe bei den Berliner Philharmonikern. Im Nebenberuf produziert er Fahrräder – und die heißen wie einer seiner Lieblingskomponisten: »Pasculli«. Auf seiner neuesten Scheibe widmet er sich den musikalischen Schätzen Neapels. Carsten Niemann besuchte den Italomanen im Fahrradladen in Berlin.

Wenn Christoph Hartmann in dem tief in der Orchesterpsyche gründelnden Dokumentarfilm »Trip To Asia« sein Fahrrad auspackt und es mit frisch geschmierter Kette über den Teppich des vornehmen Hotels trägt, geht ein befreites Lachen durch den Kinosaal. Ob im Film, im Orchester oder im sonstigen Leben: der sportliche Oboist der Berliner Philharmoniker strahlt etwas erfrischend Unkompliziertes aus. Kein Wunder, dass es ihm leicht gelingt, Freunde für abenteuerliche Exkursionen auch jenseits des durchaus spannenden Orchesteralltags zu finden. Eines dieser Abenteuer hatte mit Antonio Pasculli (1842-1924) zu tun: Pasculli war ein italienischer Oboenvirtuose und Komponist aus Palermo, von dem Hartmann eine Reihe virtuoser Opernparaphrasen entdeckte und einspielte. »Pasculli« ist aber auch der Name einer Fahrradmarke, die der begeisterte Italien- und Radsportfan Hartmann zusammen mit einem befreundeten italienischen Rahmenbauer und dem Team seines Berliner Lieblingsfahrradladens kreierte: Weil beide Projekte zeitgleich anliefen und dabei auffi el, dass sich Pascullis Name hervorragend als Schriftzug auf einem Fahrradrahmen machen würde, tragen jetzt auch Radsportsfans den Namen des italienischen Komponisten durch die Welt.
Eine Pasculli-Ersteinspielung hat auch den Weg in Hartmanns neuestes Projekt geschafft – dabei hatte der Oboist erst mit dem Gedanken gespielt, diesmal ein reines Barockprogramm aufzunehmen. »Aber«, sagt der bescheidene Perfektionist, »dann hab ich mir gedacht, ein Barockspezialist bin ich dann ja doch nicht, und ein Spezialistenensemble zu finden, ist im Moment zu aufwändig – auch wenn es mich schon mal reizen würde, etwas mit moderner Oboe und historischen Streichinstrumenten zu machen.« Stattdessen entwickelte sich das Projekt zu einer Zeiten und Stile übergreifenden Hommage an die Musikmetropole Neapel. Den Streicherpart übernahm das »Ensemble Berlin«, das sich aus einigen von Hartmanns Philharmonikerkollegen zusammensetzt. Entstanden ist das Ensemble aus einer weiteren Leidenschaft des Oboisten: den »Landsberger Sommermusiken«, einem Kammermusikfestival, das Hartmann in seiner Heimatstadt Landsberg am Lech veranstaltet. Woraus sich auch erklärt, warum der Musiker auf dem Cover nicht am Vesuv, sondern im abgefahrenen Ambiente eines Carbon-Ofens sitzt: »Die Firma 3C-Carbon in Landsberg, die machen Hightech-Carbon«, erzählt er begeistert: »Für Formel-1-Autos und solche Sachen. Der Karsten Jerschke ist Inhaber und Chef der Firma und uns wohlgesonnen. Und er hat gesagt: ‚Pass auf, ich organisiere dir das Fotoshooting’ – und er hat tatsächlich mal ’ nen ganzen Nachmittag den Betrieb stillgelegt und den Ofen putzen lassen, damit wir da Fotos machen konnten.«
Viel zu tun gab es bei dem neuen Programm auch für den Arrangeur Wolfgang Renz, der bereits einige der nur im Klavierauszug erhaltenen Pasculli- Entdeckungen Hartmanns für Orchester setzte. Sein Lieblingsstück auf der Platte ist jedoch ein bisher nicht eingespieltes Originalwerk. Es stammt von dem Wahlitaliener Johann Adolph Hasse: »Das ist nicht so ein normales Oboenkonzert«, meint Hartmann, »sondern a bisserl verrückt vom Aufbau und von den Sequenzfolgen her.« Und mit Leuten, mit denen man etwas Verrücktes unternehmen kann, hat sich der Oboist ja schon immer gut verstanden.

Neu erschienen:

Bella Napoli

Christoph Hartmann, Ensemble Berlin

EMI

Carsten Niemann, RONDO Ausgabe 3 / 2008



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