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Giovanni Antonini

Klassisch-barocker Doppelagent

»Seine ›Eroica‹ ist ein Husarenritt: aggressiv, kraftvoll, schlank und anmutig«, so rühmte RONDO-Autor Christoph Braun im letzten Heft die neue Beethovenaufnahme von Barockflötist und Orchesterleiter Giovanni Antonini. Mittlerweile hatte unser Journalist die Gelegenheit, den rührigen Italiener persönlich zu sprechen, dessen Idol – man höre und staune – Carlos Kleiber heißt.

An diesem »Typ« scheint manches ungewöhnlich. Oder soll man sagen: Hier tritt der neue Dirigenten- »Typus« auf die Bühne? Zunächst irritiert der Werdegang vom Barockflötisten zum Beethovendirigenten, oder besser: das Nebeneinander beider Professionen. Noch vor 30 Jahren, als die Rezeptionsgräben noch tief waren, wäre es kaum denkbar gewesen: hie Vivaldi, dargeboten etwa von »I Musici« als braves Hintergrundgeplänkel für bügelnde Hausfrauen, dort der heilige Dienst an Beethoven, der Monstranz auf dem sonntäglichen Schallplattenaltar, dem Standartenträger teutonischen Tiefsinns und heroischer Weltweisheit, zelebriert von Taktstockmagiern und Führernaturen wie Furtwängler oder Karajan.
Der 1965 in Mailand geborene, in seiner Heimatstadt sowie in Genf im Fach »Alte Musik« ausgebildete Giovanni Antonini scheint von beiden Traditionen unbeleckt zu sein. Schon was der Mitbegründer und Leiter des »Il Giardino Armonico«-Ensembles seit 1985 an Barockmusik auf Platte eingespielt hat, hat nichts mehr gemein mit jenen Betulichkeiten seiner »I-Musici«- Landsleute: So sinnlich-theatralisch inszeniert er die affektgesättigte Klangrede des 17. und 18. Jahrhunderts, dass sogar neues, junges Videoclip- Publikum neugierig geworden ist. Jetzt lässt Antoninis Beethovendeutung aufhorchen. Nicht eine einsame Entscheidung führte den Barockspezialisten zu den neuen sinfonischen Gestaden, sondern der Wunsch des Basler Kammerorchesters. Die drei Dutzend jungen, ohne festen Chef agierenden Musiker vom Schweizer Rheinknie fragten schlicht, ob man nicht zusammen das Abenteuer Beethoven wagen wolle!
Äonenweit weg sind solche »demokratischen« Verhältnisse (des Primus inter Pares) vom derzeit wieder bewunderten Karajanismus. Auch interpretatorisch tun sich Welten auf. Fernab von jedem ideologischen, erst recht teutonischwagnerianisch überwucherten Rezeptionsballast sucht Antonini die Quellen auf, Beethovens eigene Intentionen, seine Person, die wahrlich nicht immer nur von tragischer Bitternis umhüllt, sondern auch von Witz und Humor geprägt war. In der Quellensuche erkennt Antonini durchaus Harnoncourt, Gardiner und Norrington als Vorbilder an – sozusagen die Väter der barocken Klangrede mit ihrer ausgetüftelten Phrasierungs- und Artikulationskunst, die gerade den jungen, kantigen Beethoven so vortrefflich zur Geltung bringt. Wie Norrington in Stuttgart will Antonini allerdings kein Dogma des alten, zeitgenössischen Instrumentariums: So unbefriedigend ausschließlich moderne Exemplare (vor allem für die Klangbalance zwischen Bläsern und Streichern), so bekannt sei auch, wie unzufrieden Beethoven selbst mit Instrumenten seiner Zeit war. Daher plädiert Antonini für eine gemischte, zeitgenössisch-moderne Lösung. Und eben für ein Kammerensemble, das weit mehr Flexibilität und Klangsensibilität zulasse als ein großer sinfonischer Apparat.
Sein eigentliches Interpretationsidol aber heißt Carlos Kleiber: Wie kein anderer habe dieser jene »elektrische Persönlichkeit« zum Klingen gebracht, als die sich Beethoven selbst charakterisierte. Und wie kein anderer vereinige Kleiber den klassischen »philharmonischen Sound« mit »lightness«. Wer Antoninis Beethoven hört, die forschen, aber nie verhetzten Tempi, die kompromisslos harten Entladungen und die von weitem (Flöten!-)Atem getragenen Kantilenen, der hört dieses unter Strom stehende, leichtfüßig-agile Vorbild zweifelsfrei mit.
Nach dem Beethovenzyklus will, bevor Schubertaufnahmen mit der Bremer Kammerphilharmonie anstehen, der »Giardino Armonico« wieder gepflegt werden – bei Händels Concerti grossi und Haydns Sturm-und-Drang-Sinfonien. Da gerät der Milanese erneut ins Schwärmen, will er doch das bislang kaum geweckte ungarisch- südländische, theatralische Feuer Haydns wiederbeleben. Man darf also gespannt sein auf weitere Eskapaden des barock-sinfonischen Doppelagenten.

Neu erschienen:

Ludwig van Beethoven

Sinfonien Nr. 3 und 4

Giovanni Antonini, Kammerorchester Basel

Sony Classical/Sony BMG

Christoph Braun, RONDO Ausgabe 3 / 2008



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