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50 Jahre harmonia mundi

Nachrichten aus der Provence

Eva Coutaz kann sich entspannt zurücklehnen. Von CD-Krise und schrumpfendem Klassikmarkt weiß die Labelchefin von harmonia mundi nichts zu berichten. Zu danken ist dies vor allem einer Produktphilosophie, die auch bei vielgespielten Werken vom Streben nach dem Ungewöhnlichen geprägt ist. Und das höchst erfolgreich seit nunmehr 50 Jahren.

An diesem verregneten Spätnachmittag herrscht in den Berliner Teldex- Studios eine ungewöhnlich sonnige Stimmung: Nach der nervenzehrenden Deutschlandtournee und den anschließenden Aufnahmesitzungen ist Telemanns »Brockes-Passion« endlich im Kasten, und selbst Dirigent René Jacobs, der Pingelige, scheint mit dem Ergebnis zufrieden zu sein, das er mit der Akademie für Alte Musik und dem Rias-Kammerchor zustande gebracht hat. Grund auch für Eva Coutaz, sich entspannt zurückzulehnen – anders als ihre Kollegen von den Major Labels braucht sich die Chefin von harmonia mundi keine großen Sorgen darum machen, das kostspielige Produkt an den Mann zu bringen. Denn obwohl eigentlich auch der Klassikmarkt schwer unter der CD-Krise leidet, zeigen die Wachstumskurven von harmonia mundi unbeirrbar nach oben, und Aufnahmen, die Labelstars wie René Jacobs, Philippe Herreweghe oder der Pianist Alexandre Tharaud herausbringen, verkaufen sich nahezu von selbst. Tatsächlich scheint Coutaz, die die Firma zusammen mit ihrem langjährigen Ehemann Bernard leitet, jetzt den Lohn dafür einzufahren, dass sie an einer Geschäftsphilosophie festhielt, die nichts mit schnellem Geld, sondern vielmehr mit Qualitätsbewusstsein und Vertrauen zwischen Künstlern und Produzenten zu tun hat. »Wir funktionieren nicht wie eine AG, bei der jedes Produkt Gewinn machen muss«, erläutert Coutaz, »weder Bernard Coutaz noch ich haben jemals aus unseren Anteilen Tantiemen gezogen. Was übrig bleibt, wird an die Mitarbeiter verteilt oder reinvestiert.«
Solange die Kalkulation langfristig stimme, könnten die Künstler deshalb bei harmonia mundi auch Aufnahmen machen, die sich voraussichtlich nicht rentieren würden – die wichtigste Voraussetzung für Überraschungserfolge wie das Farinelli-Album der Mezzosopranistin Vivica Genaux oder den neusten Top-Seller, die Couperin-CD von Tharaud. Der musikalische Sozialismus der beiden Mehrheitseigner klingt schon fast zu idealistisch für das harte Geschäft mit den Silberscheiben, hat aber viel mit dem Impuls zu tun, aus dem heraus harmonia mundi vor 50 Jahren entstand. Als sich der französische Journalist Bernard Coutaz entschloss, ein Label vorrangig für klassische Musik zu gründen, dachte er nicht an Profi t, sondern daran, der Gesellschaft einen Dienst zu erweisen. Als Kind armer Leute hatte er nur durch die Unterstützung des Salesianer-Ordens studieren können und stattete der Kirche durch die Gründung einer christlichen Schallplattengesellschaft gewissermaßen seinen Dank ab: Die ersten Aufnahmen waren Orgelmusik auf historischen Instrumenten gewidmet, und zumindest in den ersten 25 Jahren machte geistliche Musik den Löwenanteil des Aufnahmekatalogs bei harmonia mundi aus. Künstler wie Herreweghe und Jacobs machten sich ihren Namen zunächst mit Barockkantaten, bevor sie sich auch Brucknersinfonien und Mozartopern zuwandten. Auch wenn der Katalog von harmonia mundi inzwischen breiter gefächert ist und Künstler wie Kent Nagano, Isabelle Faust und Jean Guihen Queyras ein Gegengewicht zum Barockrepertoire geschaffen haben, ist die Geschichte des Labels vor allem ein Tagebuch der Wiederentdeckung der Alten Musik und der Barockoper. Als René Jacobs 1982 mit Cestis »Orontea« die erste Opernaufnahme bei harmonia mundi einspielte, war Barockoper noch ein Nischenprodukt – die nächsten Jacobsaufnahmen, zunächst jedoch vor allem William Christies Lully- und Rameau-Einspielungen zeigten vielleicht zum ersten Mal überhaupt, dass auch diese Musik das Zeug zum Verkaufsschlager hatte. Diese Erfolge, erläutert Coutaz, hätten zugleich eine Erwartungshaltung geschaffen: »Wenn bei uns eine Oper erscheint, erwarten die Leute immer etwas Ungewöhnliches. Selbst bei einem ›Don Giovanni‹ ist der Anspruch da, etwas Neues zu entdecken.« Bislang sind sie jedenfalls nicht enttäuscht worden.

Jörg Königsdorf, RONDO Ausgabe 3 / 2008



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