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Dresdens Oper in Erwartung von Christian Thielemann

Die alte neue Semperoper

Der DDR-Führung galt der nach vierzig Jahren wieder errichtete Bau der Semperoper als kulturelles Aushängeschild: Dresden, das war Musiktheater von Weltrang. Nach turbulenten Wendejahren und den begleitenden Startschwierigkeiten ist die Oper heute zurück im Kreis der Großen. Die Arbeit an der Semperoper, die sich als Haus für Dresden und die ganze Welt versteht, ist anspruchsvoll. Matthias Siehler war ein Wochenende zu Gast an der Elbe, zwischen Galanacht und Opernprobe. Bericht aus einer altehrwürdigen Oper, die sich doch gerne jeden Abend wieder neu erfindet.

Nein, die Semperoper ist nicht Deutschlands prächtigste Brauerei. Diesen Irrtum hat das Haus inzwischen erfolgreich korrigieren können. Es ist Freitagabend, auf der Bühne wird erst Hindemiths kurzer »Cardillac« gespielt, dann nimmt um elf Uhr abends bei der Galanacht eines Sponsors die Prager Philharmonie Platz. Gute Aussichten: Anna Netrebko, die bei der Gala singt, hat auch schon einen Vertrag für eine deutsche Opernrolle in einer der nächsten Dresdner Spielzeiten unterschrieben.
Am nächsten Morgen um 10 Uhr ist die jetzt offene Bühne schon wieder mit mächtigen Versatzstücken versehen. Der Arbeitsalltag geht weiter. Axel Köhler, weltberühmter Countertenor, der längst schon als Regisseur etabliert ist und seit dieser Spielzeit als Opernintendant in Halle amtiert, probiert mit Chor und großem Ensemble Jaromír Weinbergers »Švanda dudák« (Schwanda, der Dudelsackpfeifer). Die leider so selten gespielte melodienpralle Volksoper, nach der Uraufführung 1927 rasch ein Welterfolg zwischen London, New York und Buenos Aires, soll geistig die Verbindung nach dem nahen Prag schlagen. Und das ist dem Haus wichtig: neben dem großen klassischen Repertoire Werke des 20. und 21. Jahrhunderts zu pflegen. Wie der Hindemith. Wie das eben wieder aufgenommene, packende Hinrichtungsdrama »Dead Man Walking« von Jake Heggie. Oder Bergs »Lulu« in Stefan Herheims zirkusbunter Inszenierung.
Es sind noch vier Wochen bis zur Premiere, doch Köhler hat das gewaltige Massen bewegende Bild, das bei der verzauberten Königin spielt, schon souverän durchgestellt. Fast alles klappt auf Takt und wie am Schnürchen. Ebenfalls die schnelle, hier slapstickhaft durchchoreografierte Ouvertüre, während der der Räuber Babinský von der Polizei gesucht wird und beim eben verheirateten Schwanda Zuflucht sucht, was diesen bis in die Hölle bringt, aus der er sich Dank seiner Virtuosität auf dem Dudelsack freispielen kann. Der wendige tschechische Tenor Ladislav Elgr singt den Banditen mit Gelenkigkeit und Strahlkraft, und der warmtönende Bariton Christoph Pohl »ist einfach Schwanda«, der gutmütige, gewitzte Dorfmusikant, so sagt es seine Intendantin Ulrike Hessler.
Er selbst sieht es pragmatischer. Seit sieben Jahren ist der spielfreudige Hannoveraner hier im Festengagement: »Natürlich habe ich immer wieder überlegt, frei zu arbeiten. Aber dann kamen wunderbare Rollenübernahmen, Papageno, Wolfram, Danilo, Rossinis Figaro und Mozarts Graf, und jetzt endlich die erste große Premierenpartie. Man ist hier so unterschiedlich und lohnend gefordert, dass die Jahre schnell vergehen. Und wo sonst hat man eine so wunderbare musikalische Unterstützung wie die der Sächsischen Staatskapelle im Graben?« Dem pflichtet auch Axel Köhler bei: »Die Mitarbeiter auf und hinter der Bühne sind hier alle super motiviert. Mein Bühnenbildner ist der technische Produktionsleiter der Semperoper, Arne Walther, der weiß natürlich genau, was möglich ist. Der Chor hat Spaß, schlägt nicht die Zeit tot. Wir sind schon sehr weit, jetzt muss ich noch feinputzen und aufpassen, dass die Spannung nicht verloren geht. Doch die wird schon wieder steigen, wenn die Kapelle hinzukommt.«
Im Orchestergraben, der für die Korrepetitionsprobe bis auf zwei Flügel leer geräumt ist, legt Gastdirigent Constantin Trinks in der Ouvertüre kräftig mit Hand an. Der auch an anderen großen Häusern vielgefragte Trinks ist nächstes Jahr bereits für die »Holländer«-Premiere verpflichtet, da hat man sich einen wichtigen Künstler früh gesichert. Im komödiantischen »Schwanda« hat er viel zu tun, große Kollektive sind zu koordinieren. Da muss man sein Opernhandwerk schon souverän beherrschen. Und sich beeilen. Die Probe muss pünktlich enden, der nächste Bühnenumbau steht an.
Das Haus spielt viel. Samstagabend sogar parallel: In der Semperoper gibt es eine William Forsythe-Premiere mit dem von Aaron S. Watkin geleiteten, personell höchst individuell aufgestellten Ballett. Die Staatskapelle sitzt unterdessen in Baden-Baden im Graben. Unter dem designierten Chefdirigenten Christian Thielemann führt man als erste Oper – noch auswärts – Strauss’ »Ariadne auf Naxos« auf. Doch auch in Dresden geht es vollgepackt weiter: Sonntagabend mit einem Teil des Orchesters »Traviata«, davor eine Lang Lang- Klaviermatinee und Ernst Tochs Musikmärchen »Die Prinzessin auf der Erbse« als Premiere im Deutschen Hygienemuseum.
Doch, die Semperoper hat sich verändert und sie ist trotzdem die alte geblieben. Die alte neue. Der erste Semperopernbau brannte nach kaum siebzig Jahren ab, den zweiten entwarf Semper aus dem französischen Exil. Wie Wagner hatte er in der Revolution 1848 kräftig mitgemischt und musste fliehen. Das heutige Haus, eine Rekonstruktion von Sempers zweitem Geniestreich mit seiner überragenden Akustik, eröffnete die in ihren späten Jahren noch historisches Bewusstsein entwickelnde DDR als Prestigeprojekt. Nach der Wende nahmen sich Köpfe der westdeutschen Musiktheaterlandschaft den Wiederaufbau des Hauses zur Brust: dem Hamburger Ballettbetriebsdirektor Christoph Albrecht folgte 2003 von der Isar Gerd Uecker, der Operndirektor der Bayerischen Staatsoper. Mit Ulrike Hessler, zuletzt Interims-Leiterin der Münchner Staatsoper, steht seit 2010 nun zum ersten Mal eine Intendantin, auch sie mit bayerischen Wurzeln, an der Spitze der Semperoper.
Das Haus wurde in den Jahren nach der Wende freudig wieder im Kreise der Weltmusiktheater begrüßt, auch wenn man hier natürlich nicht über die Mittel von Paris, London oder New York verfügt. Dafür legt man Wert auf Aufbauarbeit im Ensemble und besetzt ganz große Partien mit strahlkräftigen Namen. Und den Dresdnern geht ohnehin nichts über »ihre« Staatskapelle. Große Abende erlebten Orchester und Haus etwa unter Giuseppe Sinopoli – bis zu dessen Sekundentod während einer Berliner »Aida« 2001. Damals wünschte man sich schon einmal Christian Thielemann an der Spitze, aber es sollte noch bis zum Jahr 2012 dauern, bis der Umworbene in Konzert und Oper endlich am Pult steht. Natürlich wird er die Staatskapelle auch bei deren zukünftigem Engagement bei den Salzburger Osterfestspielen anführen. Bestens eingespielt hat man sich schon längst. In Dresden stehen die Zeichen auf einen freudvollen Anfang.


Vorschau auf die nächste Spielzeit

Es sieht nach Arbeit aus und nach Teamwork. Ulrike Hessler definiert ihr nüchternes Intendantinnenzimmer als Ort der Ideen. Hier brüten sie und Operndirektor Eytan Pessen, Staatskapellenchef Christian Thielemann, Orchesterdirektor Jan Nast und Ballettdirektor Aaron S. Watkin über Plänen, Konzepten, Programmen. »Ich habe in den ersten beiden Jahren eine große Offenheit bei den Dresdnern erfahren«, sagt Hessler. »Die Dresdner sind sehr aufgeschlossen, sofern man ihnen gute Oper bietet.« Dresden ist eine Barockstadt, aber man hat bislang wenige Barockopern in der Semperoper aufgeführt. Mit Monteverdi hat man begonnen, Händel folgte, denn auch die Staatskapelle entwickelt ihr Profil weiter, zumal mit Musik, die so alt ist wie das Orchester selbst. Man hat dazu mit verschiedenen Dirigenten zusammengearbeitet. Nach »Alcina« geht es nächste Spielzeit mit »Orlando« in der Regie von Andreas Kriegenburg weiter. Als sonntagmorgendliches Amuse-Gueule gibt es kleine, knappe Intermezzi unbekannter Komponisten auf der Vorbühne, für Laien, Spezialisten und Stadtbesucher, die das Haus so in Funktion und nicht nur als museales Gebäude erleben können.
Ein Schwerpunkt des Spielplans wird der Nachfeier des 85. Geburtstags Hans Werner Henzes gelten, für dessen Werk sich vielfältige Dresdenbezüge finden. In der Oper gibt es das Bürgerkriegsdrama »Wir erreichen den Fluss«, verteilt auf drei Bühnen, mit über 100 Rollen und großem Instrumentarium. Das Ballett steuert eine Choreographie für den mehrteiligen Abend »Bella figura« bei, viele weitere Konzertprojekte runden den Schwerpunkt ab.
2013 ist Wagnerjahr. Man beleuchtet ihn ebenfalls aus Dresdner Perspektive, schließlich lebte er mit Unterbrechungen von 1814 bis 1848 immer wieder hier. Nach dem neuen »Holländer« und »Lohengrin« aus dem Repertoire gibt es konzertant Spontinis – von Wagner bewunderte – »La vestale« und (in der Stuttgarter Erfolgsproduktion von Jossi Wieler) die von ihm ebenfalls hochgeschätzte »La juive« von Halévy. 2013/14 schließen sich dann »Tristan« und »Tannhäuser« für die zweite Jahreshälfte an. Die historische Verbindung Dresdens mit Wagner zelebrieren auch zwei Geburtstagskonzerte der Sächsischen Staatskapelle, deren neuer Chefdirigent Christian Thielemann mit der Spielzeit 2012/13 seinen Posten antreten wird. Er leitet außerdem zwei hochkarätig besetzte »Rosenkavalier«-Serien (mit Soile Isokoski und Daniela Sindram, bzw. Anne Schwanewilms und Elīna Garanča) und die Wiederaufnahme»Lohengrin«. Als Premiere folgt Puccinis »Manon Lescaut« in der Regie von Stefan Herheim, der hier regelmäßig präsent ist. Weitere wichtige Neuproduktionen der Spielzeit sind »Idomeneo« (Regie: Michael Schulz), zugleich Brückenschlag zum »Parsifal« bei den Salzburger Osterfestspielen (ebenfalls in der Regie von Michael Schulz), und Krˇeneks »Das geheime Königreich«. Für das Semperoper Ballett kreiert Stijn Celis eine Neuchoreografie des Klassikers »Romeo und Julia«.


Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 2 / 2012



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