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Jeffrey Tate

Die Dinge singen hör´ich so gern

Die Hamburger Symphoniker im Glück: Ab 2011 zieht Hamburgs kleinstes Sinfonieorchester in die historische Musikhalle ein. Und mit dem 65-jährigen Jeffrey Tate, der von Neapel in die Hansestadt wechselt, haben die Symphoniker ab 2009 auch noch einen Chefdirigenten von internationalem Ruf. Jörg Königsdorf traf Jeffrey Tate beim Proben mit seinem neuen Orchester.

RONDO: Herr Tate, als ich Sie bei der Probe zu Bruckners Zweiter beobachtet habe, kam mir ein Satz ihres Quasi-Amtsvorgängers Georg Philipp Telemann in den Sinn: Singen ist das Fundament zur Musik in allen Dingen.

Jeffrey Tate: Das trifft absolut auf mich zu. Ich suche tatsächlich in jeder Musik, die gesanglichen Linien herauszuarbeiten. Für mich ist auch eine Sinfonie ein Stück akustisches Musiktheater. Vielleicht kommt das daher, dass ich selbst immer gesungen habe – während meines Studiums in Cambridge und später sogar in einem Madrigalensemble unter Raymond Leppard.

RONDO: Dazu scheint Ihnen besonders ein warmer Streicherklang wichtig zu sein.

Tate: Ich habe gemerkt, dass meine Gesten den Streicherklang fast unwillkürlich in dieser Richtung prägen. Ich merke, dass ich die Tendenz habe, mich, ähnlich wie John Barbirolli, vor allem um die Streicher zu kümmern. Aber ich versuche, mich zu erziehen und mich auch genug um die Bläser zu kümmern. Aber tatsächlich war es der schöne Streicherklang in Strauss’ »Metamorphosen«, der mir bei den Hamburger Symphonikern sofort gefi el, als ich das Orchester 2006 zum ersten Mal dirigierte. Ich freue mich schon darauf, da noch mehr Farben und Differenzierungen herauszuholen. Und ich habe das Gefühl, die Musiker wollen das auch.

RONDO: Bislang waren Sie Chef an Neapels Opernhaus San Carlo. War es auch Heimweh nach dem »Deutschen Klang«, der Sie nach Hamburg gezogen hat?

Tate: Sicher hat das auch eine Rolle gespielt. Ich bin ja mit dem klassischen deutschen Orchesterklang aufgewachsen – zu Haus hatte ich die Aufnahmen von Klemperer, Bruno Walter und Furtwängler. Und die deutsche Musik ist sozusagen meine zentrale Welt – die britische Musik, die mir ebenfalls naheliegt, kommt ja in gewisser Weise auch von Brahms her. Nur das französische Repertoire, meine dritte Leidenschaft, braucht einen anderen Klang.

RONDO: Das heißt, Sie werden auch in Hamburg das dirigieren, was Ihnen bisher am Herzen lag?

Tate: Ich mache einfach das, was ich kann und will diese Erfahrungen dem Orchester mitteilen. Und da gibt es so viel allein an britischer Musik, die hier noch viel zu wenig bekannt ist.

RONDO: Die Symphoniker sind mit 75 Musikern das kleinste Orchester der Stadt. Können Sie da bei den großen Sinfonien überhaupt mit der Konkurrenz mithalten?

Tate: Auch wenn bei uns mal eine Mahlersinfonie auf dem Programm stehen wird, liegt mein Hauptinteresse gar nicht bei den Mammutstücken. Ich habe ja auch lange das English Chamber Orchestra geleitet und das sehr genossen. Außer - dem ist es für jedes Orchester das Gesündeste, Haydn zu spielen – weil es so verteufelt schwer ist. Sicher, ich bin mir bewusst, dass mein Mozartstil vielleicht etwas altmodisch klingen mag. Aber ich kann nun mal nicht anders. Ich komme, ähnlich wie meine Kollegen Charles Mackerras und Colin Davis, aus der englischen Mozarttradition, die sich zwar früh mit den Erkenntnissen der historischen Aufführungspraxis auseinandergesetzt hat, aber immer pragmatisch damit umgegangen ist.

RONDO: Mit der Musikhalle, die die Symphoniker ab 2011 als Residenzorchester bespielen werden, haben Sie für dieses Repertoire natürlich den idealen Rahmen.

Tate: Ja, das freut mich enorm. Es gibt nur ganz wenige Hallen mit dieser akustischen Qualität: Weich und warm, gedeckt, aber nicht zu dunkel.

RONDO: Und sogar für konzertante Opern geeignet?

Tate: Das kommt vielleicht irgendwann, und ich denke, dass mein Name auch helfen wird, erstklassige Sänger dafür zu interessieren. Aber erstmal sind solche Projekte für uns noch zu kostspielig ...

Jörg Königsdorf, RONDO Ausgabe 4 / 2008



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