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Musikstadt

Neapel: Neapel sehen und sterben

Neapel sorgt mit Müllproblemen, Kriminalität und Umweltverschmutzung im Moment für wenig schmeichelhafte Schlagzeilen. Dieter David Scholz aber berichtet aus Geschichte und Gegenwart einer faszinierenden Musikstadt, deren Opernhaus »San Carlo« derzeit mit einem »Parsifal« aufwarten kann, um den ihn alle deutschen Opernhäuser beneiden können.

Dass man die Stadt am Golf gesehen haben muss, bevor man ruhig sterben kann, wie ein altes Sprichwort sagt, mag vielen Menschen heute nicht mehr einleuchten. Überbevölkerung, planloser Bauboom, Armut, Verfall, Dreck und Kriminalität haben das romantische Bild des 19. Jahrhunderts gründlich verdüstert. Doch das berühmte Panorama Neapels, das man vom Castel Sant’Elmo aus genießen kann, schlägt jeden Besucher noch immer in seinen Bann: Neapel ist nach wie vor eine, wenn auch heruntergekommene Schatzkammer der Künste und eine der Hauptstädte der Musik. Die Stadt ist überreich an Musealem, aber alles andere als ein Museum. Im Gegenteil: Vergangenheit und Gegenwart überblenden sich in kaum einer anderen Stadt so sehr. Mitten in der ältesten Altstadt, zwischen Piazza Dante und dem Dom, liegt, umgeben von engen Gassen, das Conservatorio di San Pietro a Majella, Neapels Musikhochschule. Eingebaut in Kloster und Kirche jenes Eremiten aus den Abruzzen, der als Zölestin V. ein Jahr lang die päpstliche Tiara trug, ist es das letzte der vier großen Konservatorien, die seit dem 16. Jahrhundert, zunächst als Waisenhäuser mit Schule, allmählich immer stärker als Ausbildungsstätten für den musikalischen Nachwuchs Entscheidendes zum Ruf Neapels beigetragen haben. Die Zahl ihrer Schüler ging in die Tausende, Dutzende von ihnen sind in die Musikgeschichte eingegangen. Erst unter Napoleons Bruder Joseph, dem glücklosen Kurzzeit-Herrscher, wurden sie zum Königlichen Musikkolleg zusammengefasst, dessen Erbe nun die Hochschule ist. Erbe nicht nur im ideellen Sinne. Das Haus beherbergt den wesentlichen Nachlass der vier Vorgängerinstitute, und das heißt: die bedeutendste Musikbibliothek Süditaliens und die wichtigste Quellensammlung der Jahrhunderte, in denen die »Neapolitanische Schule« die Musik Europas von Palermo bis London und von Paris bis St. Petersburg beherrschte. All die großen Namen, die heute noch den Liebhabern des Barock und der Vorklassik lieb sind, liegen hier in originalen Handschriften und Erstdrucken, Briefen und Dokumenten: Alessandro Scarlatti, Leonardo Leo, Porpora und Durante, Piccinni und Jommelli, Pergolesi und Paisiello, Hasse und Cimarosa. Neapel war im 18. und noch im 19. Jahrhundert eine der bedeutendsten Musikmetropolen Europas. Doch Musik war in Neapel schon länger zu Hause. Bereits die Anjous, die 200 Jahre hindurch Neapel beherrschten, unterhielten um 1400 eine Hofkapelle. Von der Volksmusik mit ihrem reichen Vermächtnis von Liedern (Volkslieder und kunstvolle Canzoni napoletane), Balladen und Tänzen ganz zu schweigen.

Im 18. Jahrhundert zog der Hof wie ein Magnet den Adel aus ganz Süditalien an. Mehr als 800 Adelsfamilien wohnten um 1700 in Neapel, bei knapp 190.000 Einwohnern. (Neapel war damals die größte Stadt Europas.) Sie alle überboten sich an Musikkultur. Damals spielten viele Opernhäuser nebeneinander. Es gab das kleine Hoftheater, das Teatro di Corte im Palazzo Reale (das 1954 wiedereröffnet wurde und noch gelegentlich bespielt wird), das San Bartolomeo, das Fiorentini und das Teatro Nuovo, wo Alessandro Scarlatti mit seinen 115 Opern und seine ebenfalls höchst produktiven Zeitgenossen das neuheitensüchtige Opernpublikum begeisterten, und nach dem Abbruch des ersten das 1737 neu erbaute Teatro San Carlo, das bis heute bespielt wird. Im 18. Jahrhundert gab es aber noch das Teatro San Carlino, das Teatro la Fenice sowie das Teatro Mezzocannone und das Teatro Partenope. Im 19.Jahrhundert kamen das Teatro Goldoni, das Teatro Rossini, das Teatro Bellini (heute Sprechtheater), das Teatro Mercadante, das Teatro Politeama, das Teatro Sannazaro und das Teatro Filarmonico hinzu.
Heute ist das Teatro San Carlo das einzige Opernhaus Neapels. Mit seinem riesigen, hufeisenförmigen, noch ganz barock (in rot und gold) ausgestatteten Zuschauerraum aus Stuck, Holz, Brokat und Samt, bot es ursprünglich (heute etwas weniger) 3.500 Zuschauern Platz. Mit 184 Logen in sechs steilen Rängen und einer ungewöhnlich breiten, hohen und tiefen Bühne stellt es nicht nur die Mailänder Scala in den Schatten. Es ist eines der prachtvollsten und größten Theater der Welt, was die nach einem Brand klassizistisch streng erneuerte Fassade kaum vermuten lässt.
Das Teatro San Carlo war von Anbeginn eines der uraufführungsfreudigsten Opernhäuser: Bellini, Rossini, Donizetti, Verdi, aber auch Hindemith, Berg, Prokofjew und Henze, um nur einige wenige Komponisten zu nennen, waren hier zuerst zu hören. Und das San Carlo war immer großes SängertheaSängertheater: Maria Callas, Giulietta Simionato, Renata Tebaldi, Magda Olivero, Beniamino Gigli, Franco Corelli, Ettore Bastianini und Luciano Pavarotti haben in diesem Opernhaus ihre Triumphe gefeiert. Sänger wie Dirigenten haben das Haus von je wegen seiner hervorragenden Akustik geliebt.
Überhaupt ist die Zahl der Musiker und Theaterleute, die in Neapel zu Ruhm (und Geld) kamen, Legion. Die Familie Scarlatti, Don Carlo Gesualdo, der Kastrat Farinelli, aber auch die Mezzosopranistin Ebe Stignani, die Sopranistin Maria Caniglia, der Jahrhunderttenor Enrico Caruso und der Dirigent Riccardo Muti sind in dieser berauschenden Stadt, die seit den Zeiten Pompejis auf einem Vulkan tanzt, geboren. Vielleicht deshalb liegen nirgendwo sonst Todesangst und Lebensfreude, Schmutz und Schönheit, Frömmigkeit und Sinnlichkeit, Blüte und Verfall so eng beieinander. Nichtsdestotrotz rief selbst Richard Wagner 1880 aus: »Neapel ist meine Stadt, hol der Teufel die Ruinen, hier lebt alles.«
Wer heute der Oper wegen nach Neapel kommt, muss sich unter den zehn noch existierenden und bespielten Theatern beschränken auf das (allerdings breit gefächerte) Angebot des Teatro San Carlo, das pro Spielzeit mindestens sieben Opernpremieren herausbringt, die in Stagione-Serien mehrfach gezeigt werden, und 20 Konzerte (mit Wiederholungen) anbietet. Das künstlerische Niveau des Hauses ist nach wie vor sehr hoch, wie man beispielsweise im zurückliegenden Dezember bei einer eindrucksvollen »Parsifal«-Neuinszenierung sehen und hören konnte, die demonstrierte, dass Wagner in Italien besser als in Bayreuth klingt und »werktreu« inszeniert, aufregender als alles deutsch/britische Regietheater sein kann!
Daneben bietet das Teatro Mercadante, aber auch das Teatro Sannazaro und das Teatro Bracco leichte Muse von Musical- und Operetten- bis hin zu Chansondarbietungen. Aber was soll’s: Ganz Neapel ist eine Oper.

Dieter David Scholz, RONDO Ausgabe 4 / 2008



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