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Esbjörn Svensson

»Ich brauche keinen Leibwächter«

Werner Stiefele war einer der letzten Journalisten, der ein Interview mit Esbjörn Svensson führte – an Ostern. Zwei Monate später, am 14. Juni 2008, ertrank der schwedische Pianist bei einem Tauchunfall in der Ostsee. Im bisher unveröffentlichten RONDO-Interview spricht der große Musiker ein letztes Mal über Jazz als Ersatzreligion, die Schönheiten des Konzertflügels und angenehme Gifte.

RONDO: Sie sind ein Popstar des Jazz. Fühlen Sie sich auch so?

Esbjörn Svensson: Nein. Wenn ich ehrlich bin, versuche ich, mich auf die Musik zu konzentrieren. Natürlich bin ich dankbar, dass wir ein großes Publikum haben und von unserer Musik leben können, aber der Rest ... Ich fühle mich nicht als Popstar. Ich brauche keinen Leibwächter.

RONDO: Warum kommt das Publikum zu e.s.t., während andere Bands um jeden Besucher kämpfen müssen?

Svensson: Es gibt größere Pianisten als mich. Aber wenn die Leute in ein Konzert gehen, wollen sie nicht unbedingt technische Perfektion hören. Sie möchten berührt werden. Sie möchten etwas erfahren. Das Trio ist ein sehr guter Geschichtenerzähler. Es erschafft etwas sehr Persönliches. Manchmal höre ich nur, wie Jazzmusiker ihr Können herzeigen. Aber ich höre keine Geschichte.

RONDO: Sie haben eine Zeit lang Popstars produziert …

Svensson: Es war eine große Herausforderung. Mich hat die Popmusik sehr angezogen. Und die Soulmusik. Und elektronische Musik. Und Synthesizer. Wenn du mit dieser Art von Künstlern spielst, machst du, was sie von dir wollen. Den Jazz entdeckte ich mit 17 oder 18 Jahren. Das wurde fast schon religiös. Jazz war die einzig wahre Musik. Die Jazzer, mit denen ich spielte, verteidigten den Jazz so unerbittlich, dass die Popmusik ein Feind war. Ich brach mit dieser Religion und entdeckte die Soulmusik und den Pop wieder. Das machte ich einige Jahre, und dann musste ich wieder zurückgehen. Ich begann erneut Klavier zu spielen – als Begleiter von verschiedenen Sängern. Und dann bildete ich das Trio.

RONDO: Wird e.s.t. anders vermarktet, eher wie Popmusiker?

Svensson: Ja. Als wir mit dem Trio begannen, hatten wir klare Vorstellungen, wie wir es vermarkten wollten. Wir wussten, dass wir alle kommerziellen Werkzeuge benutzen wollten, damit die Leute bemerken, dass wir bestehen. Dabei gilt eins: Die Musik ist unberührbar. Sie ist das Kunstwerk. Aber dann gilt: Lass uns allen sagen, dass dieses Kunstwerk besteht. Unsere erste Plattenfirma hat unser erstes Album nur ins Regal gestellt – und das war’s. Damit waren wir nicht zufrieden. Wir haben bei Radio und Fernsehen angerufen und die erste Veröffentlichungsparty einer schwedischen Jazzplatte seit vielen Jahren organisiert. Das machen sonst vor allem Popkünstler. Die Plattenfirma ist nicht einmal vorbeigekommen. Wir luden Journalisten ein, und einige Leute, für die wir Musik spielten.

RONDO: Haben Sie das Klaviertrio neu erfunden?

Svensson: Wir spielen Musik, die unserem Naturell entspricht. Um das zu machen, mussten wir das Klaviertrio tatsächlich neu erfinden. Wir sind mit unterschiedlicher Musik aufgewachsen. Das war nicht nur Jazz, das waren auch Rock ’n’ Roll, Deep Purple, Sweet und die Fusionbands. Ich spielte viele Jahre Synthesizer. Ich kann nicht einmal sagen, warum ich mich in das akustische Piano verliebte.

RONDO: Versuchen Sie’s! Was ist beim Flügel anders als bei einem Synthesizer?

Svensson: Die Lyrik, die Kontraste. Man kann auf ihm sehr weich spielen. Man kann die fantastischsten Melodien hervorbringen. Der Sound ist so reich. Der Flügel ist aus Holz gemacht. Ich ermüde schnell, wenn ich elektronische Musik höre. Mit akustischer Musik ist das anders. Der Klang verschmilzt leichter mit meinem Geist und Körper. Wahrscheinlich habe ich mich in das Klavier verliebt, weil es mir leichter fällt, mich auf ihm auszudrücken.

RONDO: Keith Jarrett hat zu mir in einem Interview gesagt, er habe keine Synthesizer zu Hause, weil sie vergiftet seien.

Svensson: Ich kenne seine Meinung. In gewisser Hinsicht stimme ich zu. Andererseits muss ich sagen: Ich mag dieses Gift. Es ist ein wenig wie Whiskey oder guter Wein. Das sind auch Gifte. Aber manchmal ist es angenehm, sie zu genießen.

Neu erschienen:

e.s.t. – Leucocyte

ACT/Edel

Werner Stiefele, RONDO Ausgabe 4 / 2008



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