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Joel Frederiksen

Orpheus in Turnschuhen

»Orpheus, I am!« Wer sich mit solch einem Lied präsentiert, hat nicht gerade bescheidene Ansprüche. Der amerikanische Lautensänger Joel Frederiksen aber darf wohl ein Ahnenrecht auf den mythologischen Übervater der Musik geltend machen. Wer sonst kann heute mit einer Stimme von fast drei Oktaven aufwarten, die sonore Bassgewalt ebenso einschließt wie perlende Koloraturenkunst?

Im Mittelalter wären Frederiksens Vorgänger zum Interview stolz beritten, mit Radleier im Arm und in edles Tuch gehüllt gekommen, in der Renaissance wohl als gut bestallter Lautenist bei den Medici in Florenz oder am elisabethanischen Hof. Heutzutage radelt der »moderne Minnesänger« mit Turnschuhen und Jeans durch die Bayernmetropole und verabredet sich in einem Schwabinger Szene-Café! Das hört sich nach Straßenmusiker an – weit gefehlt! Die Jahre der Gelegenheitsjobs mit Übernachtung im VW-Bus sind längst vorbei, erst recht die studentischen Kneipenauftritte als Singer-Songwriter à la Bob Dylan im heimischen Minnesota, wo schon der kleine Joel durch Mutter und Tanten, allesamt begabte Altistinnen, sowie den örtlichen Madrigalchor und die gesangsfrohen presbyterianischen Gottesdienste mit Musik infiziert wurde. Heute ist Frederiksen, der vor 10 Jahren – natürlich – der Liebe wegen nach München kam, der konkurrenzlose Meister seines Faches. Der Sänger mit den dänischen Vorfahren nennt sich selbst »coloratura basso profondo« – eine halb im Spaß benutzte unhistorische, gleichwohl zutreffende Klassifizierung seiner außergewöhnlichen Stimme durch einen seiner ehemaligen Lehrer.
Mit 150 Konzerten pro Jahr befriedigt Frederiksen inzwischen weltweit die Begehrlichkeiten von Konzert- und Festivalmanagern. Sie werden noch wachsen. Denn die beiden CD-Alben, die binnen eines Jahres erschienen sind, lassen den Barden in die Edelriege der Alten-Musik-Szene aufsteigen. Zwar war der Bassist schon lange – und ist es nach wie vor – Mitglied berühmter Alte-Musik-Ensembles wie dem belgischen Huelgas-Ensemble, doch nun kann er als Solist mit eigener Truppe, dem »Ensemble Phoenix Munich«, seine persönlichen Vorstellungen verwirklichen. Die hören sich zunächst ganz einfach an: Frederiksen will »stories« erzählen – von Lust und Leid, von Liebe, Krieg und Tod, davon also, womit schon seine historischen Vorgänger den Hof zu unterhalten wussten. Allerdings sind seine Erzählmittel keine einfachen, sondern langen Studienjahren in Minnesota und New York abgerungen. Höchst professionell ist nicht zuletzt seine Improvisationskunst, mit der der musikwissenschaftlich arbeitende Künstler die bisweilen dünnen Liedvorlagen durch Verzierungen, rhythmische Finessen und passende Harmonien würzt. Als »Elfin Knight« (Elfenritter) auf englischem Renaissance- und amerikanischem Folksong-Terrain hat er dies hinreißend demonstriert (wobei seine Versionen von »Greensleeves« und »Scarborough Faire« geradezu Charts-verdächtig sind). Nun hat er sich, ebenfalls mit seinen Münchener Begleitern, auf das höchst anspruchsvolle Gebiet der Florentiner Camerata begeben. Diese 400 Jahre alten, gleichermaßen artifiziellen wie hochexpressiven Affektkünstler um Caccini und Kapsberger, die nichts Geringeres als die »Nuove musiche« aus der Taufe hoben, haben jetzt ihren neuen Meister gefunden. Das meint (im Booklet) nicht nur der seit fast 40 Jahren aktive Pionier Anthony Rooley. Denn wahrscheinlich würde Orpheus höchstselbst zustimmen.

»O felice morire«

Joel Frederiksen, Ensemble Phoenix Munich

harmonia mundi

Christoph Braun, RONDO Ausgabe 4 / 2008



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