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Savannah Music Festival

Stilmix mit Südstaatenaroma

Eben noch macht Daniel Hope Hausmusik mit Freunden, dann greift er zur Bluegrass-Fiddle: Bei diesem Festival in Georgia/USA geht es maximal entspannt zu.

Der Telfair Square wäre mit seinen mächtigen Südstaaten-Eichen in jeder europäischen Hauptstadt magischer Anziehungspunkt für die Fotosession nach der kirchlichen Trauung. Savannahs Historic District hat 21 solche Plätze, darunter manche, deren mit Spanish Moss behängte Baumriesen noch attraktiver „vom Winde verweht“ aussehen. Weshalb die 1783 am Telfair errichteteTrinity United Methodist Church zum Glück nicht wegen Trauungen ständig ausgebucht ist.
Umso beliebter ist sie nämlich bei Kammermusikensembles: 15 Konzerte in zweieinhalb Wochen, das erlebt allerdings selbst dieser neoklassizistische Bau von 1783 nur während des größten Musikereignisses im Staate Georgia. Bespielt wird er während des Savannah Music Festivals in selbst für amerikanisch- lockere Klassik-Verhältnisse höchst unelitärer Weise. Der britische Geiger Daniel Hope beweist als Programmmacher und – bei aller Didaktik stets unterhaltsamer – Moderator, dass ihm die undogmatische Haltung seines Buches „Wann darf ich klatschen?“ rundum selbstverständlich ist.
Wenn „Hope & Friends“ öffentlich Hausmusik der anspruchsvollsten Art machen, dann will er dabei „mit dem Publikum Freundschaft schließen“. Wie sehr die Musiker diese auch untereinander pflegen, wird offensichtlich, wenn man kurz vor Konzertbeginn noch zur fernen Toilette der Kirche eilt – mitten durch die entspannte Stimmung im Backstage- Bereich.
„Freundschaft mit dem Publikum“ lautet auch die Devise des Festivaldirektors Rob Gibson. Trotz nicht weniger Uraufführungen erklingt in der betont schmucklosen Kirche selten zeitgenössische Musik, die mit klassischen Traditionen radikal bricht: Elgar und Bartók statt Cage und Stockhausen. Und das nicht etwa, weil Gibson Berührungsängste in Sachen Avantgarde hätte. Der 55-Jährige hat in jungen Jahren einige jener Konzerte veranstaltet, denen er heute selbst skeptisch gegenüber steht: „Irgendwann habe ich festgestellt, dass diese Musik weder mich noch das Publikum wirklich berührt.“
Dennoch offen fürs Ungewohnte reagieren die meist älteren Herrschaften, als zur Donnerstagmittagsstunde vom fabelhaften Dover Quartet stärkerer Tobak serviert wird: die Uraufführung von „The Sun Was Chasing Venus“ der britischen Komponistin Charlotte Bray. Offen für unterschiedlichste Herangehensweisen an Musik sollte auch sonst sein, wer die Besonderheit des Savannah Music Festivals würdigen will. Hier nämlich trifft die Klassik, in den Anfangsjahren ab 1989 beinahe Alleinherrscherin übers damals noch bescheidene Angebot, auf reichlich Jazz und Weltmusik, insbesondere aber auf Stilarten, die gerne unter dem Begriff „Americana“ zusammengefasst werden. Gibson benennt gute Gründe: „Fast alle genuin amerikanischen Musikgenres stammen aus dem Süden – von Jazz, Blues und Gospel über Country und Bluegrass bis zu Cajun und Zydeco.“

Klassik flirtet hier mit Jazz und Bluegrass, der Musik der Südstaaten

Während Letztere im französisch beeinflussten Louisiana verankert sind, ist zumindest die ältere Generation in Savannah mit Bluegrass aufgewachsen, der weniger kommerzialisierten Verwandten des Country. Fiddle, Banjo und Mandoline stehen im Vordergrund, und es groovt gewaltig, da das irischschottische Volksmusikerbe europäischer Immigranten mit Einflüssen aus Gospel und Blues zu noch deutlicherem Swingen gebracht wurde.
Und so reagieren die „Slowannians“ bei aller Gemütsruhe euphorisch auf ein Projekt wie den „Piano Showdown“ im Trustees Theatre, einem 1200 Besucher fassenden Kino von 1946, das das private „Savannah College of Art and Design“ wie so viele „Landmarks“ im Historic District vor dem Verfall bewahrt hat. Mehr Swing geht nicht, als wenn Cyrus Chestnut und Markus Roberts an zwei Flügeln den Staub von Jazzklassikern pusten. Roberts holt als Mitverantwortlicher für den Festivaljazz viele Vertreter des traditionsbetonten Wynton-Marsalis-Ideals aus New York nach Savannah. Kein Wunder: Rob Gibson war in den 90ern für den Jazz am Lincoln Center zuständig.
Auch für mitternächtliche Sessions hat Savannah eine angenehme Location. „Charles H. Morris Center“, das mag zwar eher nach Konferenzsaal klingen. Es taugt aber als eine Art Marshall die Teilnehmer des „Acoustic Music Seminar“ fit und mutig machen für das ergreifendste (und in dieser Form leider einmalige) Konzert des Festivals.
Beim „Stringband Spectacular“ sitzen 16 teils blutjunge Musiker „from all over America“, wegen auffälliger Begabung und Begeisterung für „Roots Music“ als Teilnehmer eines 7-Tage-Workshops ausgewählt, im Halbkreis. In kleinen und großen Besetzungen spielen sie selbst Komponiertes und Arrangiertes mit erfrischender Tendenz zum so genannten „Newgrass“. Und weil das unwiderstehlich rüberkommt beim sachkundigen Publikum, treibt die Stimmung nicht wenigen Freudentränen in die Augen. Verlässlich, alle Jahre wieder.


Idylle im Quadrat

Mehr als 2300 Häuser im Kolonial- und viktorianischen Stil auf den gut fünf Quadratkilometern eines downtown gelegenen Historic Districts: Die von General Oglethorpe 1733 bürgerfreundlich und im rechtwinkligen Raster geplante Stadt Savannah im Bundesstaat Georgia zählt zu den schönsten in Nordamerika. Ihr Music Festival hat sich seit 1989 mit mehr als 100 Konzerten in 17 Tagen zu internationaler Bedeutung entwickelt. Für 2015 (22. März bis 7. April) sind jetzt schon eingeplant: zwei Puccini- Opern, die Pianisten Murray Perahia und Steven Hough, Jazzsängerin Dianne Reeves, diverse Kammermusikprogramme mit Daniel Hope und als eines von vielen Bluegrass-Highlights das Acoustic Music Seminar. www.savannahmusicfestival.org/


Klaus von Seckendorff, RONDO Ausgabe 3 / 2014



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