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Reißerischer Religionsschwank: Verdis "Stiffelio"

Mannheim, Nationaltheater

Von den ungeliebten Frühwerken Verdis ist „Stiffelio“ das späteste. Entstanden unmittelbar vor „Rigoletto“ und „Il trovatore“, staunt man über die Schlagkraft der Melodien, über Knackigkeit und Gediegenheit – und über die weitgehende Abwesenheit von Arien, wodurch das Werk ähnlich versteckt blieb wie „Simon Boccanegra“. Wie unpopulär die Geschichte eines untergetauchten Predigers ist, lässt sich daran ermessen, dass nicht einmal Plácido Domingo eine CD-Gesamtaufnahme davon gemacht hat (sondern nur eine DVD). Und dass Verdi den Stoff später zur – ebenso glücklosen – Kreuzritter- Oper „Aroldo“ umarbeitete.
Im Nachgang zum Jubiläums-Jahr gebührt dem Mannheimer Vorstoß zu „Stiffelio“ die Verdi-Krone in Deutschland – überholt höchstens vom Hamburger Dreisprung mit „Battaglia di Legano“, „I due Foscari“ und „I Lombardi“. Regula Gerber am Nationaltheater gibt der (in Italien zensierten) Freiheitseiferei eine elegante, von Roland Aeschlimann edel ausgestattete Deutung – auf dem Grat zwischen reißerischem Religionsschwank und tiefernstem Oratorium. Worin die Gesellschaftskritik ursprünglich bestanden haben mag – bei Librettist Piave ist Stiffelio ein verheirateter Pfarrer! –, begreift man unterm Neon-Klapp-Kreuz freilich kaum.
Dirigent Alois Seidlmeier fegt bissig und klangschön durch die Partitur. Die Besetzung selbst der B-Premiere zieht erstaunlich in ihren Bann. Titelheld Martin Muehle mit herrlich baritonalem Rost in der Kehle ist kein Tenor- Weichei. Jorge Lagunes zeigt sich als Verdi- Bariton von echtem Schrot mit Korn. David Lee schmachtet dezent den Intriganten. Lediglich Ludmila Slepneva, die am Haus von Tosca bis Elsa, von Mimì über Minnie bis zur Gioconda alles singt, was vorkommt, bezahlt diese Treue mit einigen schrillen Tönen. Es ist eine der schönsten Wiederentdeckungen der letzten Jahre. Und ein Beweis, wie viel Leben derzeit in der Mannheimer Bude steckt.

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 3 / 2014



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