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(c) Sony/Molina Visuals

Galatea Quartett

Epochale Musik

Kammermusik ist tot – es lebe die Kammermusik! Beim Treffen in St. Gallen erklärten Yuka Tsuboi und Julien Kilchenmann, wie Streichquartett im 21. Jahrhundert funktioniert.

Wie gelangt ein junges, noch nicht allzu bekanntes Zürcher Streichquartett zu Sony, dem Label von Lang Lang und Jonas Kaufmann? Julien Kilchenmann erzählt, es sei gar nicht so schwer gewesen – er sei mit einem fertigen Konzept auf die Firma zugegangen und habe sofort offene Ohren gefunden. Einer der Glücksfälle im hart umkämpften Schallplattengeschäft: Das Konzept Kilchenmanns enthielt nämlich ausschließlich Musik des schweizerisch-jüdischen Komponisten Ernest Bloch (1880-1959) – kein Programm, das ein Mainstream-Publikum vom Hocker reißt, könnte man meinen, aber die Qualität hat sich durchgesetzt. Diejenige der Musik und vor allem die der Interpreten.
Und daher können wir in diesem Frühjahr schon die zweite CD des Galatea Quartetts begrüßen: „Belle Époque“ ist ihr Titel und sie enthält französische Musik aus der Zeit um 1900. Ins Auge sticht zunächst das Cover: Man habe zum Staunen des Labels, berichtet Kilchenmann, diesmal gleich selbst einen Fotografen mitgebracht – den Spanier Josep Molina, selbst ehemals Geiger in einem Streichquartett und heute mit seinem Team einer der gefragtesten und genialsten Visualisten von Motiven im Zusammenhang mit klassischer Musik. Molina ging mit den Galatea-Leuten ins Zürcher Straßenbahnmuseum und produzierte dort faszinierende Bilder, aus denen dann eine höchst atmosphärische CD-Ausstattung wurde.
Nicht minder atmosphärisch ist das Programm. Neben den bekannten Quartetten von Ravel und Debussy wird ein weiteres von einem völlig vergessenen Komponisten namens Pierre Menu präsentiert: Dieser im Jahre 1919 mit nur 29 Jahren verstorbene Franzose hat es in jungen Jahren zu einer bemerkenswert eigenständigen Musiksprache gebracht. Deren komplexe Harmonik entfaltet sich in einem mitunter bis zur Achtstimmigkeit anwachsenden, ungeheuer dichten Satz – Doppelgriffe für sämtliche Instrumente des Quartetts machen es möglich. So etwas gelingt, wenn vier erfahrene Spitzenmusiker perfekt aufeinander abgestimmt sind. Darin überzeugt das Galatea Quartett, denn so unterschiedlich die musikalische Herkunft der Musiker ist, so bedingungslos gehen sie aufeinander ein, wenn es um die intensive Probenarbeit geht. Die Aufgaben sind verteilt: Julien Kilchenmann und seine Schwester Sarah, die sich in der Vergangenheit schon intensiv mit barocker Musik und unterschiedlichen Stimmungen auseinandergesetzt haben, geben Impulse für die auffällig ausgewogene Intonation des Quartetts: Schreiend hohe Terzen und Leittöne, wie sie gerade bei älteren Formationen üblich waren, sind bei „Galatea“ kein Thema; man versucht, mit reinen Terzen einen ruhigeren Klang zu erreichen. Für Yuka Tsuboi – in Japan aufgewachsen und seit dem 14. Lebensjahr an der renommierten Londoner „Menuhin School“ eher konservativ ausgebildet – war gerade diese Art des Intonierens neu, als sie in Zürich mit den Kilchenmanns zu arbeiten begann. Ebenso neu war es für sie, Streichquartette von Haydn ganz ohne Vibrato zu spielen, erzählt sie. Aber dieser Input aus der historisierenden Ecke trägt maßgeblich zu jenem Plus an klanglicher Konturiertheit bei, mit der das Galatea Quartett aufhorchen lässt.
Selbstverständlich ist besonders bei komplexen Partituren wie derjenigen von Pierre Menu auch der analytische Zugang von Bedeutung: Hierfür zeichnet oft der Bratschist Hugo Bollschweiler, der als letzter zur jetzigen Galatea- Formation gestoßen ist, verantwortlich; er arbeitet gelegentlich auch als Dirigent und ist es gewohnt, Musik verstärkt strukturell unter die Lupe zu nehmen. Ein großartiges Team – auf die weitere Entwicklung darf man sehr gespannt sein.

Neu erschienen:

Claude Debussy, Darius Milhaud, Pierre Menu

„Belle Époque“

Galatea Quartett

Sony

Michael Wersin, RONDO Ausgabe 3 / 2014



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