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Musikkauf online

Sein und Haben

Die großen Online-Stores für Musik entdecken den lange vernachlässigten audiophilen Klassik- Hörer. Doch zu spät: Wer schlau ist, verzichtet auf Besitz und nimmt lieber gleich alles.

Es ist kein Geheimnis, dass Apple- Gründer und –Visionär Steve Jobs für seinen eigenen Musik-Konsum den iPod verschmähte, der der Firma doch einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung gebracht hat. Es gibt einen Unterschied zwischen stimmungsbeeinflussendem Musikkonsum für unterwegs und der hörenden Auseinandersetzung mit komplexer Musik. Das ist keine Trennung in Pop und Klassik, beide Arten des Hörens betreffen beide Musikfelder. Aber dass manche Musik die Komprimierung schlecht verträgt, die sie durchläuft, um portabel auf eine Festplatte gepresst zu werden, konnte jeder selbst hören, der versuchte, hochfrequente Soundfiles wie Chorwerke oder Sinfonien durch das MP3-Nadelöhr zu hören. Dazu kam, dass die Ordnungsprinzipien von iTunes, Apples kostenloser Verwaltungssoftware, und die CDDB-Datenbank zum automatischen Laden der Titelinformationen vor allem auf Pop-Verhältnisse zugeschnitten waren: Interpret geht vor Komponist.
Nun, da der Online-Musikverkauf Apple Milliardengewinne beschert hat, scheint die Zeit des audiophilen Musikhörens reif zu sein. Mit einer Charmeoffensive und gleichzeitig knallhartem Upgrade bei den Samplingraten seiner hauseigenen AAC in den High Resolution Audio-Bereich wird der Klassikhörer geworben. Parallel dazu setzt Apple seine Marktmacht ein, um die hohen Anforderungen seiner Metadatenbank bei den Labels durchzusetzen – ein neuer weltweiter Standard der Titeldaten-Erfassung zeichnet sich ab und damit erfreulicher Weise bald wohl kein Fummeln und Nachbearbeiten hochgeladener Titelinformationen. Der brandaktuell beschlossene Kauf der Kopfhörermarke Beats könnte ebenfalls eine Wegmarke sein, gehört zu dieser Firma doch ebenfalls auch ein Musikstreaming- Dienst. Bisher lässt sich Apple noch jedes heruntergeladene Album vergolden, Essential- Angebote auch im Klassik-Bereich versprechen zumindest eine kostengünstige Basisausstattung mit den wichtigsten Werken. Alles in hochauflösender, dem Klang des Originalmasters entsprechender Samplingrate von derzeit 256kbit/s. Aber muss man Musik überhaupt besitzen.
Sollten sich die Gerüchte bestätigen, könnte die Beats-Übernahme Apples Einstieg im Streaming-Geschäft einläuten. Dort würde der einstige Online-Verkaufsvorreiter als letzter an Bord gehen: Neben Marktführer Spotify setzen auch zahlreiche andere Dienste wie Ampaya, Wimp und inzwischen auch Google Music auf das Abosystem. Nicht mehr Ware wird verkauft, sondern der Nutzungszeitraum. Klingt wie ein Kuhhandel, doch für die 10€, die ein Klassikalbum im Verkauf durchschnittlich kostet, kann man bei den Streaming-Diensten einen Monat lang aus den Vollen schöpfen, im wahrsten Sinne des Wortes: Zwischen 20 und 30 Millionen Titel bieten die meisten Streamingplattformen ständig frei zur Verfügung – wenn man mit Werbeunterbrechungen leben kann. Alternativ empfiehlt sich eine kostenlose Testphase, dann staffelt sich mit der Höhe des Abo-Betrags die Funktionalität. Als Beispiel. Für 9,99€ bietet Spotify, derzeit noch hart umkämpfter Vorreiter in der Einbindung auch klassischer Titel, über 20 Millionen Songs aller Genres. Gesucht und gefunden wird wahlweise auf dem PC, dem Tablet oder auch Handy, auch einige Bluray-Player bieten bereits einen implementierten Zugriff auf den Account für die Übertragung auf die Wohnzimmer- HiFi-Anlage an. In diesem Premium- Abo beträgt die Samplingrate umwerfende 320kbit/s und damit feiner aufgelösten Sound als eine CD. In Sachen Musik gilt inzwischen also auch die alte buddhistische Weisheit: Wer seinen Besitz loslässt, wird unermesslich reich.


www.musikindustrie.de/10-fragenmusikstreaming/

Auf www.rondomagazin.de finden Sie bei allen Rezensionen und Reportagen die ganzen Alben zum Anhören auf Spotify, und das unabhängig vom Abschluss eines Bezahl-Abos. Probieren Sie es doch einfach mal aus!


Carsten Hinrichs, RONDO Ausgabe 3 / 2014



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