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(c) Thomas Lenaerts

Philharmonie Luxemburg

Auf der Erfolgsspur

Letzte Spielzeit übernahm der Salzburger Stephan Gehmacher die Leitung der Philharmonie Luxemburg. Ein Gespräch über neue Pläne und seine alten Chefs – Mariss Jansons und Simon Rattle.

RONDO 2013 sind Sie von München nach Luxemburg gewechselt, um die Nachfolge des bisherigen Leiters der Luxemburger Philharmonie, Matthias Naske, anzutreten. Nun haben Sie gerade das Programm für Ihre zweite Spielzeit vorgestellt, Herr Gehmacher. Trägt es nun ganz und gar Ihre Handschrift?

Stephan Gehmacher: Bei einem Konzerthaus ist es doch etwas anderes als bei einem Festival. Da kann man tatsächlich irgendwann sagen, dass es ganz die Handschrift des jeweiligen Festivalleiters trägt. Aber die Planung für ein Haus wie die Philharmonie mit über 400 Veranstaltungen pro Jahr ist immer Teamarbeit.

RONDO: Trotzdem wollen Sie als künstlerisch Verantwortlicher ganz bestimmte, auch neue Impulse setzen …

Gehmacher: Natürlich. Wobei es auch darum geht, bestimmte Programmlinien, die in den letzten Jahren erfolgreich entwickelt wurden, noch einmal auszubauen und ihnen auch eine neue Farbe zu geben. Ich denke da etwa an die Reihe „Aventure+“ mit unserem Orchestre Philharmonique du Luxembourg (OLP). Da laden wir Künstler aus dem nicht-klassischen Segment für zum Teil aufrechte Neue Musik-Programme ein, um so auch ein neues Publikum zu gewinnen. So wird die großartige Fado-Sängerin Cristina Branco in dem von Peter Rundel geleiteten Konzert die „Folk Songs“ von Luciano Berio singen. Grundsätzlich geht es mir darum, wie ich das Publikum über vertraute, bekannte Namen auch für andere musikalische Genres neugierig machen und im besten Fall begeistern kann. Und nach der Fusion von der Philharmonie mit dem Orchester soll dabei das OLP eine zentrale Rolle spielen.

RONDO: Vor Luxemburg waren Sie lange als Leiter der künstlerischen Planung bei den Berliner Philharmonikern tätig, bevor Sie dann in München Orchestermanager beim Symphonieorchester des BR wurden. Welche Herausforderung bedeutete es für Sie, jetzt plötzlich ein Haus zu leiten, das auch die Konzertbesucher aus den benachbarten Ländern Frankreich, Belgien und Deutschland ansprechen will?

Gehmacher: Wir erreichen in der Region 750.000 bis maximal eine Million potentielle Konzertbesucher – und davon geht ja dann nur ein gewisser Prozentsatz wirklich ins Konzert. Zum Vergleich: Allein die Frankfurter Alte Oper kommt dagegen auf ein Publikumspotenzial von rund zwei Millionen. Daher muss man stets genau abwägen, wie attraktiv bestimmte Künstler sind. Während meiner Zeit in München war etwa ein deutscher Star-Bariton eine Bank. Wird er aber auch in Luxemburg auf ein ähnliches Interesse stoßen? Solche Gedanken muss man sich machen …

RONDO: Dennoch scheint die Philharmonie ein Publikumsmagnet zu sein, wie man den jüngsten Zahlen entnehmen kann. So erreichte man 2013 mit über 160.000 Zuhörern fast einen neuen Rekord in der noch nicht mal 10-jährigen Geschichte der Philharmonie …

Gehmacher: Bei dem Erfolg spielen aber eben auch die musikalischen Vorlieben unserer Nachbarn eine Rolle. Ein typisches Beispiel dafür hatten wir gerade mit der Dresdner Staatskapelle unter der Leitung von Christian Thielemann. Wir konnten ganz klar sehen, dass der Anteil des deutschen Publikums viel größer war als beim durchschnittlichen sinfonischen Konzertangebot. Oder wenn Ute Lemper kommt, geht das klar in den deutschen Markt hinein. Andererseits werden Sie außerhalb Portugals keinen anderen Saal in der Größe der Philharmonie finden, wo das Publikum zu 80 Prozent aus Portugiesen besteht, wenn etwa eine neue Fado-Königin wie Mariza gastiert. Schließlich machen die Portugiesen knapp 20 Prozent der luxemburgischen Gesamtbevölkerung aus.

„Ab 2015 bieten wir Kinderkonzerte in fünf Sprachen an – weltweit einzigartig!“

RONDO: Beim Blick ins Programm 2014/15 fallen zwei Termine deswegen besonders ins Auge, da die Konzerte von Ihren beiden Ex-Chefs dirigiert werden. Simon Rattle kommt mit Schumanns „Das Paradies und die Peri“ und Mariss Jansons mit einer konzertanten Aufführung von Tschaikowskis „Pique Dame“. Was haben Sie sich von beiden Dirigenten für Ihre Arbeit abschauen können?

Gehmacher: Mariss Jansons verkörpert einen ungemeinen Qualitätsanspruch. Den hat er an sich, aber auch an alle, mit denen er zusammenarbeitet. Für ihn bilden Disziplin und Professionalität oberste Maximen, um das bestmögliche Ergebnis zu erreichen. Und natürlich habe ich versucht, mir davon etwas abzuschauen. Bei Simon Rattle ist es diese ungemeine Konsequenz, mit der er ein Ziel verfolgt (manche würden ihn deswegen als stur bezeichnen). Und die Kommunikation mit dem Publikum, mit dem Menschen ist ebenfalls eine entscheidende Komponente seines Handelns. Rattle war immer ein genialer Kommunikator.

RONDO: In Berlin und München stand für Sie immer auch die Jugendarbeit im Mittelpunkt. Was haben Sie sich da für Luxemburg ausgedacht?

Gehmacher: Grundsätzlich muss man wirklich stolz sein auf ein beispielloses Angebot an Kinderkonzerten – auch angesichts der Größe der Region. Weshalb es bei uns im Haus auch heißt: Ein Kind, das geboren wird, ist bereits geeignet für die Philharmonie. Und die Nachfrage bei unserem Kinder-Abo ist wirklich enorm. Was wir aber ausbauen wollen, ist das Mitmach-Angebot für Kinder. Wir wollen sie zum Musizieren und Singen einladen. Außerdem wollen wir die Jugendprogramme noch mehrsprachiger gestalten. Demnächst kommt nach Französisch, Deutsch und Luxemburgisch noch Englisch dazu. Und ab 2015/16 dürften wir dann mit Portugiesisch wahrscheinlich weltweit das einzige Konzerthaus sein, das Kinderkonzerte in insgesamt fünf Sprachen anbietet.

Konzertkalender und Tickets unter: www.philharmonie.lu/de/


„His Master’s choice“: Stephan Gehmacher empfiehlt

Zu den Top-Produktionen der Philharmonie zählt die Aufführung sämtlicher Beethoven- Sinfonien mit dem niederländischen Royal Concert Orchestra unter der Leitung von Iván Fischer (13.– 16. April 2015). Bevor die Saison aber richtig angelaufen sein wird, lohnt sich ein Besuch bei „Orchestramania“. Am 27. September hat man bei freiem Eintritt die Chance, hinter die Kulissen des OLP zu schauen und das Orchester in verschiedenen Besetzungen kennenzulernen. Weitere Highlights auch für Stephan Gehmacher sind die Gastspiele von Jazzlegende Herbie Hancock sowie von quartet-lab, bei dem Patricia Kopatchinskaja u.a. mit Pieter Wispelwey Streichquartette von Beethoven, Cage und George Crumb spielt.


Guido Fischer, RONDO Ausgabe 3 / 2014



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