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(c) Sony/Esther Haase

Khatia Buniatishvili

Mutterherzschlag

Mit der neuen CD „Motherland“ legt Pianistin Khatia Buniatishvili ihr bislang wohl persönlichstes Album vor.

Das Leben einer Pianistin kann mitunter doch recht einsam sein. Denn während andere Instrumente meist eher in Orchesterkonzerte integriert sind, ist das Wort Solist beim Klavier dank des großen Solorepertoires zuweilen sehr wörtlich zu nehmen. Für Khatia Buniatishvili ist dieser Umstand jedoch keineswegs nur als Nachteil zu betrachten. „Allein auf der Bühne ist der Zustand der Meditation viel leichter zu erreichen, denn mit den Augen fühlt man die anderen Menschen neben einem. Alleine ist man konzentrierter. Außerdem liebe ich diese Freiheit, die ich dadurch bekomme. Das Klavier ist zum Glück ein sehr reiches Instrument. Es besitzt diesen perkussiven Klang, aber gleichzeitig die Qualitäten eines Streichinstruments. Damit lässt sich ohne Probleme die Aussage einer ganzen Partitur wiedergeben. Man hat hier eine unglaubliche Palette von Farben zur Verfügung, vorausgesetzt natürlich, man findet die Sprache dieses Instruments. Dann lässt sich auch alleine sehr viel erzählen.“
Viel zu erzählen gibt es derzeit ebenfalls über Buniatishvilis neues Album „Motherland“, auf dem sie ein sehr persönliches Programm präsentiert, für das sie bei Bach und Brahms ebenso fündig wurde, wie beim georgischen Zeitgenossen Giya Kancheli oder bei György Ligeti. Der Titel selbst ist dabei eher symbolisch zu betrachten und hat für die mittlerweile in Paris wohnende Musikerin weniger mit Heimweh oder ihrem Geburtsland Georgien zu tun, als vielmehr mit ihrer Mutter selbst, der das emotionale Werk gewidmet ist. „Eine Mutter steht als Symbol für neues Leben, und ich wollte mit diesem Projekt all das zeigen, was das Wesen einer Frau ausmacht. Meine Mutter ist der wichtigste Mensch in meinem Leben. Sie ist die einzige Wahrheit, die ich kenne.“
Die Zusammenstellung der CD mag mit Stücken aus gut drei Jahrhunderten Musikgeschichte auf den ersten Blick ein wenig bunt gemischt erscheinen, doch steckt dahinter bei näherer Betrachtung eine genauestens ausgetüftelte Dramaturgie in Bezug auf Form und Tonalität der einzelnen Werke. „Trotzdem war die Herangehensweise weniger intellektuell als vielmehr emotional. Und genau dadurch fiel die Auswahl letzten Endes doch sehr leicht. Denn egal ob Bach oder Arvo Pärt, sie alle transportieren in ihrer Musik Emotionen. Das Jahrhundert, aus dem sie stammen, macht da keinen Unterschied. Im Idealfall fühlt der Zuhörer die gleichen Emotionen wie ich, aber es kann auch jeder eine eigene Geschichte darin entdecken. Es sind lauter kleine Erinnerungen, kurze Momentaufnahmen, die sich zusammenfügen. Aus meinem Leben und dem Leben meiner Mutter.“

Eine „emotionale Reise“

Der „Oktober“ aus Tschaikowskis „Jahreszeiten“ ist so zum Beispiel nicht nur eine Referenz an den Geburtstag der Mutter in eben diesem Monat, sondern praktischerweise gleich noch eines der ganz persönlichen Lieblingsstücke der Pianistin. Für sie lässt es sich ohne Probleme aus dem ursprünglichen Zyklus herauslösen und funktioniert auch in neuer Umgebung bestens. Angesprochen auf die melancholische Färbung vieler der hier vertretenen Stücke antwortet sie überzeugt: „Es ist einfach eine Farbe, die ich in einer Frau sehe. Aber selbstverständlich gibt es noch viele andere Aspekte, die hier zusammenkommen. Auch die Unbeschwertheit und das Kindliche. Denn sind wir ehrlich, für seine Mutter bleibt man immer ein Kind, ganz egal, wie alt man ist. Man selbst fühlt bei ihr hingegen immer Wärme und Geborgenheit.“
Auch in anderer Hinsicht ist die CD eine echte Familienangelegenheit, denn für einen vierhändigen slawischen Tanz von Antonín Dvořák gesellt sich gleich noch Schwester Gvantsa mit an den Flügel. „Wir sind schon öfter zusammen aufgetreten, vor allem mit Kammermusik, aber wir forcieren das nicht. Wir sind zwei sehr unterschiedliche Persönlichkeiten, kennen einander als Geschwister aber natürlich unglaublich gut und wissen, wie die andere fühlt. Das macht es leicht, miteinander zu musizieren.“ Selbst wenn Mutter und Familie ganz klar im Zentrum stehen, so schiebt sich doch zweimal auch eine kleine georgische Note mit in das Programm. „Georgien ist das Land, in dem ich geboren wurde und das ich sehr liebe. Es ist ein Land der starken Frauen. Die 90er Jahre waren eine sehr harte Zeit, in der es schwer war, zu überleben. Da mussten vor allem die Frauen stark sein – und das waren sie auch.“ Musikalisch ist die Kaukasusrepublik hier nun durch Giya Kancheli präsent, der bewusst nicht mit einem seiner klassischen Werke, sondern als Filmkomponist vertreten ist. „Das Thema aus Lana Gogoberidzes ‚Als die Mandelbäume blühten‘ ist eine Erinnerung an die Teenagerzeit meiner Mutter. Es ist ein Film über die erste Liebe und war damals ein großer Erfolg. Ich habe auch andere Stücke von Kancheli in meinem Repertoire, auch wenn er leider nur sehr wenig für Klavier geschrieben hat. Darüber hinaus ist er aber einfach ein mindestens ebenso genialer Filmkomponist, dessen Melodien sehr bekannt geworden sind. Also wollte ich auch diese Note zeigen.“
Dass Musik aus Georgien dennoch eher selten auf den internationalen Konzertpodien zu hören ist, wundert Buniatishvili kaum. „Es liegt wahrscheinlich daran, dass in unserem Land die Volksmusik einen hohen Stellenwert hat und wir deswegen wohl nur wenige klassische Komponisten hervorgebracht haben.“ Selbst zu komponieren kommt für sie im Moment, obwohl die CD auch eigens von ihr verfasste Arrangements enthält, nicht in Frage. „Wenn man nicht Mozart ist, dann ist es schwer, sich Komponist zu nennen. Ich liebe es, am Klavier zu improvisieren, aber etwas selbst zu schreiben ist einfach nochmal etwas ganz anderes. Es fällt aber leichter, wenn man einen Grund hat und etwas von Herzen kommt.“ So wie ihre Version des traditionellen „Vagiorko mai“, dessen Melodie an die Friedensbrücke in Tiflis erinnert.
Die Facetten des Programms vermitteln sich aber nicht nur auf CD, sondern kamen auch live schon erfolgreich als Zyklus zur Aufführung. „Es ist eine sehr intime Angelegenheit, trotzdem würde ich dieses Programm auch in Zukunft gerne weiter vor Publikum spielen. Ganz einfach, weil es für mich – und hoffentlich auch für die Zuhörer – eine sehr emotionale Reise ist.“

Johann Sebastian Bach, Arvo Pärt, Claude Debussy u.a.

Motherland

Kathia Buniatishvili, Gvantsa Buniatishvili

Sony


Georgischer Vulkan

Der 1935 geborene Giya Kancheli ist einer der prominentesten musikalischen Vertreter Georgiens, dessen Werke bereits während des Kalten Krieges zu beiden Seiten des Atlantiks aufgeführt wurden. Nach einer Zwischenstation in Berlin lebt und arbeitet er seit 1995 in Antwerpen, wo man ihn zum Composer In Residence des Royal Flemish Philharmonic ernannte. In seinem Werkkanon stehen neben Sinfonien, Kammermusik und einer Oper auch zahlreiche Bühnen- und Filmmusiken, die ihn in seiner Heimat populär machten. Rodion Shchedrin beschrieb ihn aufgrund seiner auf starke Kontrastwirkung bauenden Werke als „Asketen mit dem Temperament eines Maximalisten: ein gefesselter Vulkan.“


Tobias Hell, RONDO Ausgabe 3 / 2014



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